Arizona-Schütze vor Richter: Anklage wegen Mordes

Der Todesschütze von Arizona muss zwei Tage nach dem Blutbad vor einem Einkaufszentrum in Tucson am Montag erstmals vor dem Richter erscheinen.
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Der 22-Jährige, der die Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords mit einem gezielten Kopfschuss schwer verletzt und sechs weitere Menschen getötet hatte, ist des mehrfachen Mordes und versuchten Mordes angeklagt. US-Präsident Barack Obama rief für 11 Uhr Ortszeit (17 Uhr MEZ) zu einer Schweigeminute auf. Er selbst will im Garten des Weißen Hauses der Opfer gedenken. Über die Motive des anscheinend verwirrten Todesschützen Jared Lee Loughner wird noch immer gerätselt.

Loughner hatte am Samstag vor einem Einkaufszentrum in Tucson das Feuer eröffnet und die US-Kongressabgeordnete Giffords durch einen Kopfschuss lebensgefährlich verletzt. Sechs weitere Menschen erschoss der Attentäter, zahlreiche Menschen wurden im Kugelhagel verletzt.

Loughner wurde zunächst in fünf Punkten angeklagt, und zwar wegen dreifachen versuchten Mordes und zweifachen Mordes. Dabei geht es um die Opfer, die Bundesbedienstete waren. Dazu gehören Giffords und zwei ihrer Helfer, die überlebten, sowie der getötete Richter und der Wahlkreis-Mitarbeiter. Weitere Anklagen gelten als wahrscheinlich. Nachdem die Polizei zwischenzeitlich nach einem Komplizen suchte, geht sie nun davon aus, dass Loughner ein Einzeltäter ist. Ein zweiter Mann, der zusammen mit Loughner in der Nähe des Tatorts gesehen und von den Ermittlern als möglicher Komplize gesucht wurde, wurde von der Polizei am Sonntag entlastet. Es handle sich um einen Taxifahrer, der den 22-Jährigen gefahren und offenbar kein Geld dafür bekommen habe.

Bei einer Hausdurchsuchung fanden die Beamten in einem Safe Hinweise darauf, dass Loughner die Tat geplant hatte. So wurde ein Briefumschlag mit verschiedenen “Botschaften” Loughners wie “Mein Attentat” und mit dem Namen Giffords entdeckt. Bizarre Erklärungen und Videos des jungen Mannes im Internet weisen auf einen wirren politischen Hintergrund hin. Die beim Blutbad vor dem Einkaufszentrum verwendete Waffe soll der 22-Jährige im November gekauft haben.

Aus Gerichtsunterlagen geht hervor, dass der Verdächtige Loughner bereits in der Vergangenheit wiederholt Kontakt zur Kongressabgeordneten Giffords hatte. Ein Beweis dafür sei ein an Loughner adressiertes Schreiben, das auf offiziellem Briefpapier der Politikerin verfasst worden sei, hieß es. In dem Brief bedanke sich Giffords bei dem Verdächtigen für dessen Teilnahme an einer ihrer Kundgebungen in Tucson im Jahr 2007. Das Attentat am Samstag ereignete sich bei einer ähnlichen Kundgebung.

Schulfreunden zufolge fragte Loughner die demokratische Politikerin bei der Veranstaltung vor drei Jahren “Was ist die Regierung, wenn Worte keine Bedeutung haben?”. Gifford habe darauf nicht viel zu sagen gewusst. Loughner habe sich furchtbar aufgeregt, sagte ein Freund. Was solle man von Regierungsmitarbeitern halten, die nicht beschreiben könnten, was sie eigentlich täten, soll Loughner sich ereifert haben. Er habe immer großes Misstrauen gegen die Regierung gehegt und sie einer Art Verschwörung verdächtigt. So sei er davon überzeugt gewesen, dass die US-Regierung hinter den Anschlägen vom 11. September 2001 stehe und ein einheitliches Währungssystem für die ganze Welt plane.

Der mutmaßliche Attentäter wohnt mit seinen Eltern nahe am Tatort, nur etwa fünf Minuten mit dem Auto von dem Einkaufszentrum entfernt. Nachbarn beschrieben ihn als Einzelgänger, Freunde gar als emotionalen Krüppel, der phasenweise stark trank und Marihuana rauchte. Einmal sei er beinahe an einer Alkoholvergiftung gestorben, sagte ein Freund. Loughner habe sich immer mehr zurückgezogen, über keinerlei soziale Intelligenz verfügt, dafür aber über akademisches Wissen. Im Unterricht habe er immer an den unpassendsten Stellen gelacht, besonders Mädchen hätten sich in seiner Gegenwart unwohl gefühlt. Von dem College, das er 2005 besuchte, war er suspendiert worden, nachdem er auf YouTube erklärte hatte, dass College sei verfassungswidrig. Einen Monat später meldete er sich freiwillig ab.

Unterdessen gingen die örtliche Behörden einer möglichen Verbindung des Verdächtigen zu der Online-Gruppe American Renaissance nach, die für ihre ausländerfeindliche Rhetorik bekannt sei, hieß es aus Ermittlerkreisen. American Renaissance gehört nach Angaben von SPLC, einer gemeinnützigen US-Organisation mit dem Ziel der Rassismusbekämpfung, zu der rechtsextremen New Century Foundation. Dessen Gründer Jared Taylor bestritt jedoch am Sonntag jegliche Verbindung zu dem mutmaßlichen Schützen. Loughner sei zu keinem Zeitpunkt Abonnent von American Renaissance gewesen oder habe an deren Veranstaltungen teilgenommen, schrieb Taylor auf der Website. “American Renaissance verurteilt Gewalt in schärfster Form.”

Die Ärzte der Kongressabgeordneten Giffords sind unterdessen vorsichtig optimistisch. Bei einem Test am Sonntag habe sie auf die Anweisung der Mediziner reagiert, hieß es. Das deute auf ein “hohes Niveau der Gehirnfunktion hin”, sagte Neurochirurg Michael Lemole von der Uniklinik in Tucson. Die Kugel durchdrang nach Angaben der Ärzte die linke Gehirnhälfte und trat vorne wieder aus. Das Sprachzentrum wurde offenbar nicht getroffen.

Giffords liegt nun im künstlichen Koma. Die größte Gefahr geht von der Schwellung des Gehirns aus. Die Ärzte entfernten einen Teil des Schädels, damit sich das Gewebe ausdehnen kann, ohne gequetscht zu werden. Eine Prognose über Giffords Genesung ist schwierig. Die linke Gehirnhälfte kontrolliert das Sprachzentrum sowie die Bewegung und Wahrnehmung der rechten Körperhälfte. Lemole wollte über mögliche bleibende Schäden jedoch nicht spekulieren. Es gibt kaum Statistiken zu dem Thema, doch Ärzten zufolge sind Kopfschüsse in über 90 Prozent aller Fälle tödlich.

Nach dem Anschlag hat in den USA eine Diskussion um den politischen Stil begonnen. Beobachter warnten vor der aggressiven Rhetorik, die in jüngster Zeit den politischen Diskurs in den USA beherrscht habe. US-Außenministerin Hillary Clinton verlangte mehr Toleranz und Offenheit in der Politik . Clinton sagte am Montag während eines Besuchs in den Vereinigten Arabischen Emiraten, gefährlicher Extremismus existiere in vielen Gesellschaften. Dabei verwies sie auf den Anschlag auf die US-Kongressabgeordnete Giffords.

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