Argentiniens lange WM-Durststrecke hält an

Der Schmerz nach der vertanen Chance sitzt tief
Der Schmerz nach der vertanen Chance sitzt tief
In Argentinien herrscht Katerstimmung. 28 Jahre dauert die Durststrecke ohne WM-Titel für die stolze Fußball-Nation nach der Finalniederlage am Sonntag in Rio de Janeiro gegen Deutschland bereits. Dass sie in vier Jahren in Russland beendet wird, darf bezweifelt werden. Selbst Superstar Lionel Messi, beim bisher letzten WM-Titel 1986 noch nicht einmal auf der Welt, ist dann schon 31.


“Es wird sehr schwierig, ein anderes Turnier zu finden, wo alles wieder so gut läuft, wie es hier gelaufen ist”, weiß Argentiniens heimlicher Chef Javier Mascherano. Der Mittelfeldspieler, der Messi den Rücken frei hält, ist selbst bereits 30. Andere wichtige Nebenleute haben ihren Zenit ebenfalls bereits überschritten. “Das war unsere große Chance”, sagte Mascherano nach dem 0:1 nach Verlängerung. “Das ist ein Schmerz für das ganze Leben.”

Neue Messis oder Angel di Marias – der verletzte Mittelfeldstar von Champions-League-Sieger Real Madrid fehlte der “Albiceleste” auch im Finale – sind zur Zeit in Argentinien nicht in Sicht. Für die vergangene U20-WM in der Türkei hat sich der Rekordweltmeister in dieser Altersstufe nicht einmal qualifiziert. Dazu deutet alles auf einen Abschied von Teamchef Alejandro Sabella hin.

Sabella hat sein gesamtes Spiel auf Messi ausgerichtet – und damit sehr viel aus dem Ausnahmekönner herausgeholt. Bisher hatte Messi im Nationalteam nicht einmal ansatzweise das gezeigt, wozu er beim FC Barcelona imstande war. Dafür unterwarf sich Sabella bis zu einem gewissen Grad auch dem Diktat des vierfachen Weltfußballers. Selten war ein Team so von einem Spieler abhängig. “Messidependencia” nennen sie es in Argentinien.

Gegenüber argentinischen Medien hat Sabellas Berater zuletzt die Rücktrittspläne seines Klienten ausgeplaudert. Dieser hielt sich nach dem geplatzten Titeltraum bedeckt. “Ich habe heute nichts zum Thema Zukunft zu sagen. Die Zukunft heißt für mich im Moment, mit meinen Spielern zusammen zu sein, mit meinem Stab, mit meiner Familie natürlich und mit dem Verband zu sprechen”, erklärte Sabella.

Als Nachfolger sind Gerardo Martino, mit dem Messi in der vergangenen Saison bei Barcelona zusammengearbeitet hat, und Diego Simeone im Gespräch. Ein Abgang von Simeone vom spanischen Meister und Champions-League-Finalisten Atletico Madrid scheint aber nur schwer vorstellbar. Bevor es um die Klärung der Trainerfrage geht, müssen die Argentinier ohnehin einmal den Schock des späten Gegentores durch Mario Götze verdauen.

Innenverteidiger Martin Demichelis war nicht richtig gestanden, ermöglichte dem deutschen Jungstar so seinen Geniestreich. “Es ist enorm traurig, nach Argentinien zurückzukehren und so nah dran gewesen zu sein”, sagte der 33-Jährige. “So viele Menschen haben von diesem Pokal geträumt. So viele Menschen sehnen sich danach.” Nur zweimal hat es bisher gereicht: 1978 und 1986.

Bei Ausschreitungen nach dem Finale wurden in Buenos Aires dutzende Menschen verletzt, darunter auch Polizisten. “Uns wurde die Hoffnung gestohlen – ein nationaler Schlag”, schrieb die Sportzeitung “Ole”. Die Kollegen von “Clarin” meinten immerhin: “Argentinien ging ohne Pokal – aber mit stolzgeschwellter Brust und erhobenem Haupt.” Noch am Montag sollte das Team in der Heimat von Staatspräsidentin Cristina Fernandez de Kirchner empfangen werden.

Zumindest das Elfmeterschießen hätten sich seine Landsleute verdient gehabt, meinte Nationalheld Diego Maradona. Ähnlich äußerte sich Sabella. “Ich bin stolz auf meine Mannschaft”, betonte der 59-Jährige, der wieder einmal Messi hervorhob. “Er hatte großen Anteil daran, dass wir so weit gekommen sind.” Für den weiter ungekrönten Superstar ein schwacher Trost.

“Pele hat mehr WM-Titel geholt als ihr”, sangen hunderte brasilianische Fans, als die Argentinier nach Spielende enttäuscht auf dem Rasen des Maracana ausharrten. Die Demütigung durch den großen Nachbarn – im Finish der WM im eigenen Land selbst nicht gerade grandios unterwegs – war perfekt. Fünf Weltmeisterschaften nennt Brasilien sein Eigen, Legende Pele alleine deren drei.

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