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Aragones - Der Weise von Hortaleza

Der bald 70-jährige Luis Aragones, der Spanien zum zweiten EM-Titel der Geschichte führte, zeigt seine Emotionen nur ungern.

“Ich bin absolut glücklich”, sagte er nach dem großen Triumph am Sonntagabend im Ernst- Happel-Stadion. “Normalerweise zeige ich nicht, was ich empfinde. Aber in mir bin ich ganz voll mit Freude. Ich bin nicht so emotional, aber manche Spieler haben Dinge gesagt, die mich wirklich mit Emotionen erfüllt haben. Ich zeige diese Gefühle aber nicht, das gestehe ich mir nicht zu. Andere können das vielleicht besser zum Ausdruck bringen – ich kann es nicht, so bin ich eben.”

So ganz vermag “Luis” sein Innerstes aber doch nicht verbergen. Je mehr bei der EURO 2008 deutlich wurde, dass diese für ihn zu einer Via Triumphalis werden könnte, desto öfter erwähnte er etwa seine Familie, der er den einen oder anderen Sieg widmete. Nach dem Knockout von Italien im Elferschießen erzählte er über seine elf Enkelkinder, von denen ihn manche gleich nach Spielschluss angerufen hätten. Die Rührung darüber war dann wirklich nicht mehr übersehbar.

Auch bei seinen an sich mit trockenem Humor abgespulten Pressekonferenzen glitt er manchmal in sympathische Gefühlsausbrüche ab. Etwa als er gleich zu Beginn der EURO 2008 von den spanischen Journalisten sekkiert wurde, weil ihm Stürmer Fernando Torres nach seine Auswechslung im ersten Gruppenspiel gegen Russland (4:1) nicht die Hand gegeben und “Luis” in einer ersten Reaktion gemeint hatte: “Das bleibt nicht so stehen.”

Da erzählt er dann, dass er “el nino” doch schon von seiner Zeit bei Atletico Madrid her kenne, als dieser noch eine blutjunge Nachwuchshoffnung war. Ähnliches geschah, als er einmal auf die Rolle von Torhüter-Ersatzmann Pepe Reina angesprochen wurde. “Ach”, sagte er, “Reina. Ich habe ja schon seinen Vater trainiert.” Um dann minutenlang Anekdoten über Miguel Reina zu erzählen, der von 1964 bis 1980 aktiv war und dabei fünfmal im Tor des spanischen Nationalteams stand.

Dass Aragones auch verletzlich ist, zeigte eine Aussage am Tag vor dem Finale: “Ich gehe, weil mich niemand gefragt hat, ob ich bleibe”, bekräftigte er etwas kryptisch und verbittert seine Entscheidung, nach der EURO 2008 nicht mehr als Teamchef zur Verfügung zu stehen. Tatsächlich war seine Akzeptanz sowohl in Fachkreisen als auch in der Öffentlichkeit noch knapp vor der EM keineswegs so groß gewesen wir jetzt.

Damals wurde bereits offen nach einen Nachfolger gerufen und Aragones musste trotz sichtbarer Erfolge herbe Kritiken einstecken. Damit kann er nach eigenen Angaben umgehen. “Alles, was dir im Leben passiert, hat einen Sinn. Ob es nun etwas Gutes oder Schlechtes ist. Aus schlechten Dingen kann man auch lernen.” Auch aus Kritik. “Böse werde ich nur, wenn Beschimpfungen dabei sind.”

Am Sonntag hatte er letztlich die nackten Fakten auf seiner Seite. Er wollte diesen “Sieg” nicht ausschlachten, die Genugtuung war aber unüberhörbar: “Diese Kritik hat bei mir nur bewirkt, dass ich noch härter arbeite. Ich wusste dass sich eines Tages zeigen würde, wer Recht und wer Unrecht hat.” Manche seiner Gegner geben nun klein bei. Das zeigen unter anderem Aktionen wie das Internet-Forum “Entschuldigen Sie sich bei Luis!”, das von der Zeitung “El Mundo” ins Leben gerufen wurde.

Vielleicht aber ist es für ihn ja das Beste, am Höhepunkt aufzuhören. So werden für immer die beeindruckenden Zahlen zu Buche stehen, die dem “Weisen von Hortaleza” keiner mehr wegnehmen kann: Er ist der erfolgreichste Teamchef in Spaniens bisheriger Fußballgeschichte.

Zählt man auch das Viertelfinale gegen Italien als vollen Erfolg, selbst wenn es erst im Elfmeterschießen entschieden wurde, hat er 39 Siege auf dem Konto, drei mehr als Javier Clemente in der Zeit zwischen 1992 and 1998. Der Baske benötigte dafür aber 62 Spiele, Aragones saß 54 Mal auf der spanischen Bank. Und mit dem Sieg über Deutschland ist “La Roja” seit 22 Matches in Serie (oder seit November 2006) ungeschlagen.

“Luis” selbst hat diese Zahlen angeblich nicht im Kopf. “Sie zeigen aber, dass meine Arbeit nicht so schlecht gewesen sein kann.” Besonders stolz wäre er aber auf folgende Nachrede: “Dass ich ein Team hinterlasse, in dem ein hervorragendes Ambiente herrscht.” Nach dem Sieg im EM-Finale sollte daran kein Zweifel bestehen.

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