Afghanistan: Lesen lernen auf der Polizeiakademie

Im wichtigsten Kurs geht es nicht um Waffenkunde oder die Kontrolle Verdächtiger. Vielmehr stehen für die angehenden Sicherheitskräfte in Afghanistan Lesen und Schreiben auf dem Stundenplan.

Beides sei “entscheidend über Leben und Tod”, sagt der amerikanische Leiter der Streitkräfte-Ausbildung, Brigadegeneral Neasmith. Nach NATO-Angaben können lediglich elf Prozent der angeworbenen Polizisten und 35 Prozent der Unteroffiziere lesen und schreiben.

Sicherheitskräfte, die zu beidem nicht in der Lage sind, bekommen immer wieder erhebliche Probleme. So forderte im Juli eine Einheit der Streitkräfte einen Luftangriff auf ihre eigene Position an, weil sie die Landkarte nicht lesen konnte. Beamte können nicht sagen, welche Munitionsgröße sie brauchen. Und Polizisten, die einen Kontrollpunkt errichtet habe, können die Ausweise der passierenden Autofahrer nicht lesen. Oft ist auch niemand in der Lage, die Aussage eines Zeugen niederzuschreiben.

“Analphabetismus ist wie Blindheit”, sagt Chefausbilder Mohammad Hashim von Zentralen Trainings-Zentrum für die Polizei. “Keiner von denen könnte ein Problem lösen. Keiner von denen könnte das Gesetz (nachschlagen und) anwenden.”

Dabei wollen die internationalen Truppen in Afghanistan ab kommendem Jahr die Sicherheitsverantwortung an einheimische Soldaten und Polizisten übertragen, abgeschlossen sein soll der Übergang 2014. Bis dahin liegt aber noch ein langer Weg vor den Ausbildern.

Bevor die NATO vor einem Jahr die Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte übernahm, erhielten viele Rekruten bei der Polizei einfach Uniform und Waffe und wurden in den Dienst geschickt. Die Zahl getöteter Polizisten lag dann dreimal so hoch wie die bei den Streitkräften, die jährliche “Verschleißrate” bei 24 Prozent.

Die neuen Trainingskurse, bei denen auf Lesen mehr Zeit verwendet wird als auf jede andere Fähigkeit, soll das Ruder laut NATO herumreißen. Etwa 74 Prozent der Afghanen sind Analphabeten, und in den niederen Rängen bei den Sicherheitskräften liegt die Quote noch höher, weil sich dort nur wenige Männer mit Schulbildung bewerben. Im Offizierskorps können dagegen 93 Prozent lesen und schreiben.

In der sechswöchigen Grundlagenausbildung für Polizisten entfallen inzwischen 48 der 313 Stunden auf Lesen und Schreiben, für Schießübungen sind nur 44 Stunden vorgesehen. Beim Training für die exklusive Afghanische Polizei für Nationale Ordnung (ANCOP) werden die Rekruten 176 Stunden lang in Lesen und Schreiben unterrichtet. Das bedeutet zugleich einen ganzen Monat länger im Klassenzimmer. Um die Zahl der afghanischen Sicherheitskräfte zügig aufzustocken, senkte die NATO kürzlich die Eintrittsvoraussetzungen für die ANCOP vom dritten Lese-Level auf das erste.

Nicht bei allen Rekruten stößt die Alphabetisierungskampagne auf Begeisterung. Einige klagen, dass in der Ausbildung keine Rücksicht auf Bildungsunterschiede genommen werde, und sie trotz ihrer erfolgreichen Schullaufbahn zusammen mit blutigen Lese-Anfängern unterrichtet würden. “Ich dachte, das hier wäre ein Computerkurs, aber sie bringen uns das Alphabet bei”, sagt beispielsweise Khan Agha, der an der Peshawar-Universität Englisch studiert hat. Etwa die Hälfte seines Kurses hat demnach einen Schulabschluss.

Nachdem die Ausbildung von Sicherheitskräften jahrelang vernachlässigt wurde, bemüht sich die NATO nun, dem Thema größtmögliche Aufmerksamkeit zu widmen. Angesichts einer steigenden Zahl von Taliban-Angriffen im ganzen Land sitzen die Ausbilder aber zwischen den Stühlen: Einerseits sollen Rekruten rasch einsatzfähig gemacht werden, andererseits müssen sie eine professionelle Truppe ausbilden, die überleben, kämpfen und lesen kann.

“Wir haben uns auf die Quantität konzentriert, aber wir wollen uns jetzt genauso auf die Qualität konzentrieren”, sagt der Italiener Carmelo Burgio, der die Polizeiausbildung beaufsichtigt. “Diese Balance zu finden ist das Schwierigste.”

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