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Abhöraffäre für Experten "größter Spionagefall der Weltgeschichte"

"Eine unglaubliche Story, über die in der Zukunft wohl viele Romane, Filme und vielleicht auch Theaterstücke geschrieben werden."
"Eine unglaubliche Story, über die in der Zukunft wohl viele Romane, Filme und vielleicht auch Theaterstücke geschrieben werden." ©ORF / Mittag in Österreich
Der deutsche und US-Geheimdienst haben offenbar über Jahrzehnte mehr als 100 Länder mit Hilfe einer Schweizer Firma für Verschlüsselungstechnik ausspioniert. Auch Österreich wurde ausspioniert: "Sehr hohe Stellen wurden hier abgehört."

Der deutsche und US-Geheimdienst haben offenbar über Jahrzehnte mehr als 100 Länder mit Hilfe einer Schweizer Firma für Verschlüsselungstechnik ausspioniert. Auch Österreichs Behörden nutzten die manipulierten Chiffriergeräte der Crypto AG. "Sehr hohe Stellen wurden hier abgehört",
sagt Geheimdienstexperte Siegfried Beer. 75 Jahre lang sollen die Amerikaner uns abgehört haben und 20 Jahre lang die Deutschen. "Es ist eine wirklich unvorstellbare Sache." Das Verteidigungsministerium in Wien wollte zunächst auf APA-Anfrage keine Stellungnahme dazu abgeben.

Spionage-Operationen "Minerva" und "Rubikon"

Laut Recherchen der "Washington Post", dem Schweizer Fernsehen SRF und dem deutschen TV-Sender ZDF sollen Deutschland und die USA mithilfe der Firma Crypto AG für Verschlüsselungstechnik den rund 120 betroffenen Staaten manipulierte Technologie verkauft haben, um dann deren Kommunikation abhören zu können. In den USA lief die Operation unter dem Decknamen "Minerva", beim BND unter dem Namen "Rubikon". Die "Operation Rubikon" soll von 1970 bis 1993 gelaufen sein. Der US-Geheimdienst führte sie laut ZDF weiter.

Geheimdienstexperte: "Größter Spionagefall der Weltgeschichte"

Der Geheimdienstexperte Siegfried Beer hat die Abhöraffäre rund um den US-Auslandsgeheimdienst CIA und den deutschen Bundesnachrichtendienst (BND) als "größten Spionagefall der Weltgeschichte" bezeichnet. Dass auch Österreich die manipulierten Geräte der Schweizer Firma Crypto AG verwendet habe, würde ihn nicht überraschen, sagte er am Mittwoch im APA-Interview.

Er stelle nur Vermutungen an, betonte der Historiker, aber: "Es macht total Sinn, dass das neutrale Österreich bei der neutralen Schweiz solche Geräte kauft." Dass nur die Vereinten Nationen davon betroffen waren, will Beer nicht so glauben. Österreich hätte auch im Kalten Krieg als neutraler und geopolitisch wichtiger Staat eine Rolle gespielt - "und die Amerikaner haben schon immer ein Auge auf Österreich geworfen", und hätten sehr viel Einfluss schon seit Besatzungszeit ausgeübt. Beer merkte zudem an, dass durch das "Abschöpfen bei anderen Staaten" ohnedies einige Informationen über ihre Verbündeten preisgegeben werden.

"Es haben sehr viele Abteilungen von Nachrichten- und Geheimdiensten versagt, wenn man über Jahre und Jahrzehnte nicht drauf kommt, dass hier die Amerikaner und Deutschen mithören."

Der frühere Besitzer der Crypto AG, Boris Hagelin, und die Amerikaner seien schon seit den 1960er-Jahren miteinander verbandelt gewesen, erklärte der Historiker von der Universität Graz. Schon damals habe es Hinweise gegeben, dass die Schweizer Firma "eine gewisse schwierige Rolle spielte". Hagelin hätte sich von den Amerikanern schon damals überreden lassen, "zwei Arten von Maschinen" mit einem gewissen Qualitätsunterschied zu produzieren - eine für die USA und ihre Freunde, und eine für die Gegner der Amerikaner. Aus Sorge über die Nachfolge Hagelins hätten die Amerikaner in den 70er-Jahren Anteile der Firma übernommen. Dann habe es "so richtig begonnen", sagte Beer, "da sind dann auch die Deutschen eingestiegen".

Dass die Deutschen Österreich abgehört haben, ist seit 2015, neu sind die jüngsten Berichte. Zu den Dokumenten, die jetzt an die Medien zugespielt wurden, meint Beer: "Es ist ein Leck. Es wäre interessant, wer hinter der Veröffentlichung der Berichte steckt."

Österreichische Behörden nutzten manipulierte Chiffriergeräte

Die Dimension der Abhöraffäre ist nach Einschätzung Beers auf jeden Fall auf mehreren Ebenen "unglaublich": Das Ganze gehe in die Tiefe - "die geheimsten Dinge, die ein Staat hat" -, in die Breite - "weil so viele Länder mitgemacht haben" -, in die Länge - "das Ganze ist 75 Jahre für die Amerikaner gelaufen, wenn man genau hinschaut"-, und in die Höhe - es seien die höchsten Regierungs-, Geheimdienst und Militärstellen angezapft worden. Die Nachwehen der Affäre "werden nicht so groß sein", meint der Experte. "Man wird jetzt auf die Amerikaner hinpecken", vermutet Beer, " aber in Wirklichkeit feiern das die Amerikaner als ihren großartigen Erfolg, der ihnen geholfen hat, den Kalten Krieg zu gewinnen - jedenfalls teilweise".

Verteidigungsministerium: Kein Kommentar

Eine Bestätigung oder ein Dementi seitens österreichischer Behörden gibt es bisher nicht. Das Verteidigungsministerium in Wien wollte dazu auf APA-Anfrage keine Stellungnahme abgeben. Die operative Arbeit, etwas des Heeresnachrichtenamtes (HNaA), kommentiere man grundsätzlich nicht, erklärte Ministeriumssprecher Michael Bauer.

Dafür spricht Geheimdienstexperte Beer umso deutlicher den für ihn "größten Spionagefall der Weltgeschichte" an: "Eine unglaubliche Story, über die in der Zukunft wohl viele Romane, Filme und vielleicht auch Theaterstücke geschrieben werden."

(APA)

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