Abendland

Filmessay als Nachtangriff auf die Festung Europa: Die neue abendfüllende Dokumentation von Nikolaus Geyrhalter blickt kritisch auf ein technoides Abendland, das sich abschottet - ab 31. März im Kino.
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Na dann gute Nacht, Abendland: Nikolaus Geyrhalters neueste Dokumentation “Abendland” entwirft ein Panoptikum der Festung Europa im Dunklen, teils banal, teils zynisch, teils entlarvend. Der Regisseur schickt die Zuschauer kommentarlos auf eine lange Assoziationsreise, die von der babylonischen Sprachverwirrung des EU-Verwaltungsapparates über die bleierne Stille geschlossener Flughäfen bis hin zur nächtlichen Patrouillenfahrt an der Außengrenze des vermeintlichen Paradieses reicht.

Europa als Festung

In langsamer Assoziationsmontage schneidet Geyrhalter Kampfflugzeuge auf eine Papstrede zur Krise der Kirche, wechselt zwischen skurrilen Szenen in einem Polizeitrainingszentrum, in dem Kollegen vor dem Greenscreen vermeintliche Verbrecher darstellen, und dem Protest gegen die Castortransporte. Unpersönlicher Bordellsex vor aufgemalter Alpenkulisse konterkariert (oder verstärkt) das surreale Gespräch einer “Rückkehrberaterin”, die Asylwerber überzeugen soll, freiwillig in ihre Heimat zurückzukehren.

Und immer wieder die beklemmenden Bilder einer Festung, die sich und ihren exklusiven Lebensstil nach außen abschottet und zugleich die Einreisewilligen als billige Arbeitskräfte benötigt. Die Ländergrenzen innerhalb Europas verwischen hingegen, die Schauplätze können ob der Dialogarmut des Gezeigten vom Zuschauer bisweilen gar nicht zugeordnet werden.

Mit langen, teils mehrminütigen Einstellungen eröffnet Geyrhalter nach dem Vorbild früherer Werke wie “Unser täglich Brot” bei seiner Nachtwanderung durch Europa einen Raum für Deutungen. Dabei erwecken die vermeintlich neutralen Bilder die Illusion, frei und unbeeinflusst urteilen zu können, verwischen die Spur ihrer Entstehungsgeschichte, die Kriterien, die zu ihrer Auswahl geführt haben.

Der Zuschauer als Voyeur?

Die Kamera bleibt dabei überwiegend statisch. Wenn, dann bewegt sie sich mit Protagonisten mit, entwickelt kaum Eigendynamik. Durch diesen bühnenhaften Stil und dank der Entscheidung, auf einen Off-Kommentar zu verzichten, läuft “Abendland” allerdings Gefahr, bisweilen im Unpersönlichen zu verharren, auf Distanz zu bleiben und somit letztlich auch an der Oberfläche, indem er den Zuschauer zum Voyeur macht.

“A complex situation” dröhnt es am Ende aus den Lautsprechern einer Technohalle, durch deren Nachtschwärmer sich die Kamera vier Minuten lang wie ein Lindwurm schlängelt. Auch beim Tanz auf dem Vulkan gilt eben: Die letzten machen das Licht aus. (APA-Martin Fichter/VOL Redaktion)

www.abendland-film.at

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