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70 Jahre "Anschluss" - "Ghettoisierung hat schon vorher gesiegt"

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Bereits Jahre vor dem "Anschluss" Österreichs an Hitler-Deutschland am 12. März 1938 waren jüdische Studenten an der Uni Wien von ihren Kollegen weitgehend getrennt.

“Die Ghettoisierung hat schon vorher gesiegt”, berichtete der im Zuge der Machtübernahme der Nationalsozialisten vertriebene ehemalige Student der Uni Wien und heutige Literaturwissenschafter Walter Sokel bei einem Vortrag am Mittwochabend in Wien.

Sokel, Jahrgang 1917, war wie über 2.000 Kollegen wegen seiner jüdischen Herkunft nach drei Semestern Studiums von der Universität Wien vertrieben worden. Er floh über Italien und die Schweiz in die USA und machte Karriere als Literatur-Wissenschafter. Heute ist er emeritierter Professor der University of Virginia. Sokel gilt vor allem als Spezialist für Franz Kafka. Er ist einer jener vertriebenen Studenten der Uni Wien, die im neuen Buch “Anschluss und Ausschluss 1938” von Herbert Posch, Doris Ingrisch und Gert Dressel als Zeitzeugen interviewt wurden.

Bei seinem Vortrag erinnerte er sich an die Zeit um 1933, als er als Gymnasiast schon von brutalen Angriffen auf jüdische Studenten hörte. Mit dem Ständestaat hätten die physischen Übergriffe zwar wieder aufgehört, das Ziel sei aber gleichgeblieben: “Es gab eine totale Ausgrenzung der Juden aus der Gemeinschaft an der Universität”, sagte Sokel. Man sei wie durch eine “unsichtbare Welle” von den nicht-jüdischen bzw. nach der damaligen Diktion “arischen” Studierenden getrennt gewesen. Dabei sei diese Ghettoisierung nicht auf die Universität beschränkt gewesen.

“Dass mein Dasein an der Universität nicht von langer Dauer sein wird, war mit damals klar”, so der spätere Professor weiter. Es sei nur eine Frage der Zeit gewesen, wann es zum Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland komme. Warum er dennoch vorerst in Wien geblieben war und zu studieren begonnen hatte, begründete Sokel mit einer Art Verdrängung des Unvermeidlichen. Außerdem sei das Auswandern nicht so einfach gewesen, die westeuropäischen Staaten hätten bereits Schutzwälle errichtet gehabt. Als es nicht mehr anders ging, entschied er sich, sein Europa, in dem er eigentlich bleiben wollte, zu verlassen.

“Obwohl wir damit gerechnet hatten, kam der Anschluss letztendlich jäh”, sagte Sokel. Das “provisorische Dasein” in Wien sei mit einem Schlag zu Ende und von einem “nach Lebensrettung drängenden Dasein” abgelöst worden.

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