1918/2018: Internationales Gedenken an den Ersten Weltkrieg

Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg.
Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg. ©APA/WWW.PICTUREDESK.COM/ALBERT HILSCHER
Heute wird international dem Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren gedacht. Der Krieg, die Folgen, Zahlen und Fakten sind hier zusammengefasst.

Die Welt gedenkt am heutigen Sonntag des Endes des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. Die Relevanz der damaligen Ereignisse für die Jetztzeit scheint gering zu sein. Doch würde die Welt heute ganz anders aussehen, hätte es die “Urkatastrophe” des 20. Jahrhunderts nicht gegeben.

Erster Weltkrieg war ein gewaltiges Gemetzel

Der Erste Weltkrieg fegte nämlich nicht nur Monarchien und Vielvölkerstaaten Europas weg, sondern war auch die Keimzelle für die totalitären Regime des Kommunismus, Faschismus und Nationalsozialismus. Selbst der Nahost-Konflikt lässt sich auf den Ersten Weltkrieg zurückführen, konkret auf die “Balfour-Erklärung” zur Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina im November 1917. Auch die nicht eingehaltenen Versprechen von Briten und Franzosen gegenüber den Arabern wirken bis heute nach. Am nachhaltigsten bestimmt das Weltgeschehen heute der damals begonnene Aufstieg der USA zur Supermacht, die dem im “Großen Krieg” ausgebluteten Britischen Empire den Rang abliefen.

Doch vor allen Dingen war der Erste Weltkrieg ein gewaltiges Gemetzel. In den Worten der US-Historikerin Barbara Tuchman schob er sich “wie ein breiter Streifen verbrannter Erde zwischen uns und die Zeit davor”. Buchstäblich eine ganze Generation wurde ausgelöscht. Die Hälfte aller französischen Männer zwischen 20 und 32 Jahren überlebte den Krieg nicht. In Deutschland fielen 35 Prozent aller Männer, die bei Kriegsausbruch zwischen 19 und 22 Jahre alt waren, schreibt Adam Hochschild in seinem Buch “Der Große Krieg”. Insgesamt fielen rund zehn Millionen Soldaten in dem unter unvorstellbarem Materialeinsatz geführten Krieg. So werden in Frankreich immer noch jedes Jahr 900 Tonnen nicht explodierter Munitionskörper eingesammelt und vernichtet.

Ursachen des Ersten Weltkrieges

Am Anfang standen zwei Pistolenschüsse, abgefeuert vom serbischen Nationalisten Gavrilo Princip am 28. Juni 1914 in Sarajevo. Sie trafen den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Ehefrau Sophie tödlich. Princip wollte mit seiner Tat ein Zeichen gegen die österreichische Herrschaft in der früheren osmanischen Provinz Bosnien-Herzegowina setzen.

Österreich-Ungarn nahm die Ermordung des Thronfolgers zum Anlass, das “Balkanproblem” ein für alle Mal zu lösen. Der greise Kaiser Franz Joseph I. sei dabei keineswegs von seiner Armeeführung in den Krieg gedrängt worden, betont der Historiker Manfred Rauchensteiner im APA-Gespräch. Bereits zwei Tage nach dem Attentat von Sarajevo habe er seinen Willen zum Krieg bekannt gegeben, ein betont hart formuliertes Ultimatum an Serbien, dem am 28. Juli die Kriegserklärung folgte, sollte den Waffengang legitimieren.

Aus der geplanten Strafaktion gegen Serbien wurde aber nichts. Die gegenseitigen Verflechtungen der europäischen Staaten setzten nämlich eine Bündnisautomatik in Gang, die innerhalb einer Woche alle großen Mächte in den Konflikt hineinzog. Russland beantwortete die Kriegserklärung an seinen Verbündeten Serbien am 30. Juli mit der Generalmobilmachung, was wiederum das Deutsche Reich auf den Plan rief. Es befürchtete, von Russland und Frankreich in die Zange genommen zu werden und erklärte daher beiden Mächten den Krieg. Der Einmarsch deutscher Truppen im neutralen Belgien bewog am 4. August schließlich auch Großbritannien zum Kriegseintritt.

Ein grausamer Krieg beginnt

Innerhalb weniger Tage befanden sich in jenen Tagen sechs Millionen Soldaten auf den Weg zu den Fronten, getragen von einer unwirklich scheinenden Kriegshysterie, schreibt Hochschild. Er berichtet unter anderem von einem 33-jährigen Briten, der sich erschoss, weil er bei einer Rekrutierungsstelle als untauglich abgelehnt wurde. Und er zitiert einen jungen deutschen Kriegsfreiwilligen namens Adolf Hitler, den damals nur eine Sorge “quälte”, nämlich, “ob wir nicht zu spät zur Front kommen würden”.

Zunächst kämpften Russland, Frankreich, Großbritannien mit Serbien gegen die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn sowie das Osmanische Reich und Bulgarien. “Nach den Erfahrungen der Vergangenheit musste dieser Krieg von Anfang an für die beiden Mittelmächte als verloren gelten”, urteilte der deutsche Weltkriegsteilnehmer und Historiker Hans Herzfeld in einem Artikel Anfang der 1960er Jahre.

Deutschland und Österreich-Ungarn begannen mit 3,8 Millionen Soldaten, die Entente-Mächte Russland, Frankreich und Großbritannien mit 5,8 Millionen. Noch schwerer wogen die gewaltigen Ressourcen der Entente außerhalb Europas, insbesondere das einen Drittel der Welt umspannende britische Kolonialreich, sowie ihre “erdrückende Überlegenheit” zur See.

Die einzige Hoffnung der Mittelmächte bestand darin, durch entsprechende Mobilisierung eine rasche Entscheidung auf dem europäischen Kriegsschauplatz herbeizuführen. Dieser Versuch schlug jedoch fehl. So scheiterten im August und Dezember 1914 zwei Offensiven Österreich-Ungarns gegen Serbien, während russische Truppen einen Großteil Galiziens besetzten. Im Westen konnten die Deutschen den ehrgeizigen “Schlieffen-Plan” zur Unterwerfung Frankreichs von Belgien aus nicht umsetzen. Mit der Schlacht an der Marne im September begann die Phase des verlustreichen Stellungskriegs an der Westfront.

Nach den Niederlagen in Serbien und Galizien hing Österreich-Ungarn schon zu Weihnachten 1914 in den Seilen. Mit dem Verlust von einer Million Soldaten sei es zu diesem Zeitpunkt “eigentlich am Ende” gewesen, betont Rauchensteiner im APA-Interview. Dennoch unternahm der Kaiser nichts, um diesem Schrecken ein Ende zu bereiten. “Friede war für Franz Joseph bis zu seinem Tod 1916 kein Thema.” Tatsächlich band er seinem Nachfolger Karl I. im September 1916 die Hände, indem er Österreich-Ungarn einer “Gemeinsamen Obersten Kriegsleitung” in Deutschland unterstellte. Karls Versuche, einen Friedensschluss mit der Entente zu erreichen, waren damit zum Scheitern verurteilt.

Während Österreich-Ungarn mit dem Kriegseintritt Italiens im Sommer 1916 einen bisherigen Verbündeten als weiteren Gegner bekam, unterlief den Deutschen Anfang 1917 mit dem U-Boot-Krieg gegen den Nachschubwege im Atlantik ein entscheidender Fehler. Dies löste nämlich den Kriegseintritt der USA im April 1917 aus, was die Entente in einer entscheidenden Situation stützte. Da half den Mittelmächten auch der Zusammenbruch Russlands, das nach der Oktoberrevolution einen Separatfrieden schloss, nichts mehr.

Im letzten Kriegsjahr, eingeläutet durch das 14-Punkte-Programm von US-Präsident Woodrow Wilson zur Nachkriegsordnung (8. Jänner), wandte sich das Blatt endgültig zugunsten der Alliierten. Gleich fünf deutsche Offensiven an der Westfront schlugen fehl, im August folgte der Rückzug an die “Siegfriedlinie”. Das Endspiel wird Ende Oktober durch einen italienischen Schlag gegen Österreich-Ungarn ausgelöst, bei dem sich die österreichische Südfront auflöste. Deutschland war in einer ausweglosen Situation, da es nun auch vom Süden angegriffen werden konnte. Acht Tage nach dem Waffenstillstand Österreich-Ungarns mit den Alliierten am 3. November gab auch Deutschland auf.

Waffenstillstand am 11. November

Weder das deutsche noch das österreichische Kaiserreich überstanden den Krieg. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. dankte schon zwei Tage vor dem Waffenstillstand von Compiegne am 11. November ab, Karl unterzeichnete an diesem Tag seine Verzichtserklärung. Zu diesem Zeitpunkt war sein Reich bereits zerfallen. Vom 28. bis 31. Oktober sagen sich Tschechen, Südslawen und Ungarn von der Monarchie los, auch die deutschsprachigen Reichsratsabgeordneten bildeten eine eigene Regierung.

Das am 12. November verkündete “Deutsch-Österreich” suchte sein Heil im Anschluss an das Deutsche Reich, doch wurde dies von den Alliierten verboten. Das anderen europäischen Völkern gewährte Selbstbestimmungsrecht wurde den Deutschen verweigert, weil dies Territorialgewinne für den Kriegsverlierer zur Folge gehabt hätte. Stattdessen mussten die Kriegsverlierer Deutschland, Österreich, Ungarn, Türkei und Bulgarien in den Pariser Vororteverträgen harte und demütigende Friedensbedingungen akzeptieren, die den Keim des nächsten Konflikts in sich tragen.

Der Friedensvertrag von Versailles mit Deutschland am 28. Juni 1919, genau fünf Jahre nach den folgenschweren Schüssen von Sarajevo, markierte somit den Beginn weiteren Unheils, das 20 Jahre später in einem weiteren, noch schrecklicheren Weltkrieg kulminieren sollte. Die auf politischem Misstrauen, drückenden Reparationszahlungen und hohen Zollmauern fußende “Friedensordnung” stieß den Kontinent nämlich schon bald in neue politische und wirtschaftliche Krisen, mit dem Aufstieg autoritärer und kriegshetzerischer Bewegungen wie der deutschen Nationalsozialisten als Konsequenz.

Folgen des Ersten Weltkrieges

Der Erste Weltkrieg brachte epochale Veränderungen für Europa und die Welt. “Die Menschheit hat überlebt. Doch das großartige Bauwerk der Zivilisation des 19. Jahrhundert brach in den Flammen des Weltkriegs zusammen, als seine Säulen einstürzten”, schreibt der Historiker Eric Hobsbawm in seinem Buch “Zeitalter der Extreme”. Ein Überblick über die wichtigsten Folgen des “Großen Krieges”:

ENDE DER KAISERREICHE: Die vier Monarchien Deutschland, Österreich-Ungarn, Russland und das Osmanische Reich wurden ein Opfer des Ersten Weltkrieges. Der russische Zar wurde bereits Anfang 1917 gestürzt, der deutsche und österreichische Kaiser wurden bei Kriegsende im November 1918 zum Abdanken gezwungen. Die Republik Türkei trat im Jahr 1923 an die Stelle des von einem Sultan geführten Osmanischen Reiches.

NEUE STAATEN UND GRENZEN: Neben den sechs neutralen Staaten behielt auf dem europäischen Kontinent nur Portugal seine Vorkriegsgrenzen. Wegen des Zerfalls der Donaumonarchie und des Zarenreiches etablierten sich Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Polen, die Tschechoslowakei und Jugoslawien als neue Staaten. Auch Ungarn und Österreich erhielten ihre heute noch gültigen Grenzen. Deutschland verlor rund ein Zehntel seines Territoriums, Frankreich gewann das Elsass hinzu, Italien vergrößerte sich auf Kosten Österreich-Ungarns. Das im Krieg geschwächte Großbritannien musste Irland ziehen lassen, auch die Übersee-Herrschaftsgebiete wie Australien erlangten ihre volle Unabhängigkeit.

FRAUENRECHTE: Während des Krieges als Arbeitskräfte in den Rüstungsbetrieben benötigt, ließen sich die Frauen nicht mehr so leicht zurück an den Herd bringen. Vielmehr verschafften sie sich in zahlreichen Staaten auch politisch Gehör. Die Einführung des Frauenwahlrechts quer durch Europa war wohl die nachhaltigste Veränderung des politischen Lebens. Zwischen 1918 und 1922 wurde unter anderem in Deutschland, Österreich, Großbritannien, Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn, den baltischen Staaten und Albanien, aber auch in Irland, den Niederlanden, Luxemburg und Schweden sowie den USA den Frauen das Stimmrecht erteilt.

NATIONALSOZIALISMUS UND FASCHISMUS: Die mit den Pariser Vororteverträgen begründete neue politische Ordnung Europas erwies sich als wenig stabil. Sie war nämlich geprägt von dem Misstrauen der Sieger gegenüber den Besiegten und ging einher mit der Errichtung hoher Zollgrenzen, wodurch der wirtschaftliche Wiederaufbau nach dem verheerenden Krieg behindert wurde. In Italien kam es bereits im Jahr 1922 zur Machtergreifung durch die Faschisten von Benito Mussolini, mit tatkräftiger Unterstützung vieler Veteranen, die sich um die Früchte des Sieges betrogen fühlten. Die Empörung über die harten Bedingungen des Friedensdiktats von Versailles begünstigte in Deutschland den Aufstieg der Nationalsozialisten, die nach ihrem Sieg bei der Reichstagswahl 1933 nach der Macht griffen. Fast alle Staaten Mittel-, Osteuropas und Südeuropas gerieten in den 1920er und 1930er Jahre in autoritäre Fahrwasser – von Portugal bis Estland und von Griechenland bis Polen.

KOMMUNISMUS: Ohne den Ersten Weltkrieg hätte es vermutlich keine Oktoberrevolution in Russland gegeben, die zur Machtübernahme der Bolschewiken führte. Ihr Anführer Wladimir Iljitsch Uljanow (Lenin) war nämlich mit einem deutschen Zug aus dem Schweizer Exil nach St. Petersburg gebracht worden, weil Berlin darauf hoffte, dass die Bolschewiken die Kriegsbeteiligung Russlands beenden würden. Dieses Kalkül ging auf. Die neuen Machthaber gründeten im Jahr 1922 die Sowjetunion und dehnten ihren Einflussbereich nach dem Sieg im Zweiten Weltkrieg bis nach Mitteleuropa aus. Erst Ende der 1980er Jahre begann der kommunistische Block zu zerfallen.

AUFSTIEG DER USA: Mit ihrem Kriegseintritt im Jahr 1917 griffen die Vereinigten Staaten erstmals seit ihrer Gründung in einen bewaffneten Konflikt auf dem europäischen Kontinent ein. Auch wenn sich in den 1920er Jahren wieder die isolationistische politische Strömung durchsetzte, begründeten die USA damit ihren heutigen Status als “Weltpolizei”.

NAHOST-KONFLIKT: Durch den Zerfall des Osmanischen Reiches entstanden neue Konfliktherde, die die internationale Politik auch heute noch beschäftigen. Großbritannien, das sich bereits während des Krieges in der “Balfour-Deklaration” mit der Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina einverstanden erklärt hatte, erhielt dieses zur Verwaltung. In der Folge begannen auch die Konflikte zwischen ortsansässigen Arabern und jüdischen Einwanderern. Auch der Irak ist eine britische Schöpfung. Der Staat, der immer noch ethnisch und religiös zerrissen ist, wurde als Zusammenschluss der osmanischen Provinzen Bagdad, Mosul und Basra gegründet.

Der Erste Weltkrieg in Zahlen

Der Erste Weltkrieg wurde unter einem nie da gewesenen Einsatz von Material und Menschen geführt. Eine Geschichte dieses Krieges in Zahlen:

1:4 war im Herbst 1914 bei Londoner Maklern die Quote für den Fall, dass der Krieg am 15. September 1915 noch andauern würde.

2 Pistolenschüsse töteten den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie am 28. Juni 1914 in Sarajevo.

30 Kilometer lang war ein deutsches Armeekorps, wenn es in Bewegung war.

35 Prozent aller deutschen Männer, die bei Kriegsausbruch zwischen 19 und 22 Jahre alt waren, fielen während des Ersten Weltkriegs.

70 Prozent des britischen Bruttosozialprodukts machten die Kriegsausgaben im Jahr 1918 aus, mehr als im Zweiten Weltkrieg.

100 Rekruten pro Stunde wurden allein in London nach Kriegsausbruch vereidigt.

600 Taxis brachten im September 1914 Rekruten aus Paris zur Schlacht an der Marne.

760 Kilometer lang war die deutsch-französische Front zwischen Kanalküste und Schweizer Grenze.

1.000 Tonnen Futter pro Tag benötigten die Pferde der deutschen Armee bei ihrem Vormarsch nach Frankreich.

4.000 Zensoren waren in Großbritannien damit beschäftigt, Presse und Post zu überwachen.

6.060 gefallene Soldaten pro Kriegstag

10.000 Kirchenglocken wurden in Deutschland eingeschmolzen, um Munition herzustellen.

224.221 Granaten innerhalb von 65 Minuten feuerten britische Soldaten zu Beginn der Somme-Offensive am 1. Juli 1916 ab.

9,5 Millionen Soldaten ließen auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs ihr Leben.

Bis zu 13 Millionen Zivilisten starben Schätzungen zufolge im Ersten Weltkrieg.

19 Millionen Briten sahen innerhalb von sechs Wochen den Propagandafilm “Battle of the Somme”, der im August 1916 in die Kinos kam.

21 Millionen Soldaten wurden im Krieg verwundet.

70 Millionen Soldaten kämpften im Ersten Weltkrieg.

(APA/Red)

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