Zwischen den Partisanen-Fronten: “Die Nacht, als ich sie sah” von Drago Jancar

Der Slowene Drago Jančar ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Autoren seines Landes
Der Slowene Drago Jančar ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Autoren seines Landes - © Folio Verlag / Anita Schiffer-Fuchs
Aktuell liegt der slowenische Schriftsteller Drago Jancar mit seinem Roman “Die Nacht, als ich sie sah” an der Spitze der ORF-Bestenliste. Darin beschäftigt sich Jancar mit Partisanenkämpfen und bricht manches Tabu – der Roman ist unser Buch-Tipp der Woche.

Bereits 2011 kam der Roman von Jancar in Slowenien heraus – in deutscher Übersetzung ist “Die Nacht, als ich sie sah” erst jetzt erschienen. Das Buch beginnt wie eine Reminiszenz an alte k.u.k. Offiziers- und Kavaliersherrlichkeit, und man versteht, warum es im Vorjahr in Frankreich zum besten fremdsprachigen Roman gekürt wurde.

Eine Liebes- und Leidensgeschichte in Slowenien

Stevan Radovanovic, Kavallerie-Leutnant der königlich-jugoslawischen Armee und mit ganzem Herzen sowohl Offizier als auch Reiter, wird 1937 dazu abkommandiert, statt seinen Rekruten einer schönen jungen Frau das Reiten beizubringen. Die Romanze ist vorhersehbar, und sie stürzt ebenso absehbar die Beteiligten ins Unglück.

Lange wirkt diese Liebesgeschichte wie aus der Zeit gefallen. Doch als die Kavallerie inmitten der Vorbereitungen auf den sich abzeichnenden Krieg von Pferden auf kleine, wenige Motorfahrzeuge umsatteln muss, ist das dem Ich-Erzähler kaum die Rede wert: “Das schien mir völliger Irrsinn, aber mir bleib nichts anderes übrig, als mich darin unterrichten zu lassen und in diesem schwerfälligen, knatternden und stinkenden Fahrzeug zu fahren, statt auf einem Pferd zu reiten.” Es geht nicht um die Liebe, und es geht auch nicht um das Soldatentum. Es geht um Veronika.

Attraktive Frau im Mittelpunkt von “Die Nacht, als ich sie sah”

Veronika Zarnik ist die begehrenswerte Gattin eines sagenhaft reichen slowenischen Industriellen. Sie lässt sich nichts sagen, nimmt sich alle Freiheiten, hat den Pilotenschein, geht mit einem kleinen Alligator an der Leine in Ljubljana spazieren und brennt mit ihrem Reitlehrer durch. Aber die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende.

Die lebensfrohe Lady kehrt zu ihrem Mann zurück, wird Schlossherrin, doch in den Kriegswirren verliert sich die Spur des Paares. Vier weitere Kapitel verwendet Drago Jancar, der 67-jährige hoch dekorierte Dichter, in der Folge dazu, ihr weiteres Schicksal aus unterschiedlichen Perspektiven zu rekonstruieren. Nacheinander kommen ihre Mutter, ein deutsche Wehrmachtsarzt, der für einen Gestapo-Agenten gehalten wird, eine Hausangestellte und ein Gehilfe zu Wort, der sich den Partisanen anschließt.

Verrat im Partisanen-Milieu bei Drago Jancar

“Ich bin kein Denunziant und Judas”, versichert sich der einfache Arbeiter Ivan, der selbst die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der “Herrschaft” am eigenen Leib erfahren hat, immer wieder selbst, aber im Endeffekt wird er genau das. Aus Eifersucht lässt er sich zu Angaben hinreißen, die eine Ereigniskette auslösen, auf die er selbst bald keinen Einfluss mehr hat. Dass Veronikas Gatte zuvor nicht nur mit dem deutschen “Okkupator”, sondern auch mit den Partisanen durchaus freundschaftlich verkehrte, nützt dann nichts mehr.

Aus der romantischen Liebesgeschichte mit Ausritten und zarten Annäherungen wird eine brutale, unbarmherzige Abrechnung, in der der Einzelne nichts zählt und nicht lange gefragt, sondern gehandelt wird. Was sich in einer Winternacht 1944 in einer verschneiten Berghütte ereignet hat, wirkt noch Jahrzehnte später nach.

“Diese Aktion in Podgorsko, da haben wir vielleicht doch Scheiße gebaut”, versucht einer der damaligen Mittäter sein Gewissen zu erleichtern. Niemand will es gewesen sein, doch keiner ist frei von Schuld. Das ist die unbequeme Wahrheit, die Drago Jancar seinen Landsleuten ins Stammbuch geschrieben hat. Die Beziehung zu seinem Land ähnelt jener zu den Menschen. Es ist ebenso Liebes- wie Leidensgeschichte.

Drago Jancar: “Die Nacht, als ich sie sah”, Aus dem Slowenischen von Daniela Kocmut und Klaus Detlef Olof, Folio Verlag, 188 S., 19,90 Euro

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(apa/red)

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