Zaubrisches und Autobiografisches: “Das Buch vom Süden” von André Heller

Zaubrisches und Autobiografisches: “Das Buch vom Süden” von André Heller
Wenn ein Universalkünstler einen Entwicklungsroman schreibt und aus dem Leben eines “fleißigen Taugenichts” erzählt: “Das Buch vom Süden” von André Heller ist unser Buch-Tipp der Woche.

“Nur im Süden ist Rettung. ” Was Gottfried Passauer, stellvertretender Direktor des Naturhistorischen Museums, in André Hellers Roman “Das Buch vom Süden” als Leitmotiv seines Lebens an Sohn Julian weitergibt, hat mit Geografie nur bedingt zu tun. Mit dem “Verlust der Zypressen” durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg scheint sich auch eine weltanschauliche Kälte Österreichs bemächtigt zu haben.

Hellers markante Erzählstimme: “Das Buch vom Süden”

Es ist, wie könnte es auch anders sein, ein eigenwilliges, zaubrisches, nostalgisches und autobiografisches Buch, das der Meister aller Wunder und Künste, der selbst in den vergangenen Jahren im Süden einen paradiesischen Garten wachsen ließ, da geschrieben hat. Wenn der “fleißige Taugenichts” Julian Passauer, der im Zentrum dieses Romans voller k.u.k. Seligkeiten, Melancholien und Anekdoten steht, über “die höchste Qualität der Harmonie, des Lachens, der Sinnlichkeit, der Wollust, der Erkenntnis, des Mitgefühls” sinniert, die für ihn das Wort Süden in sich vereint, dann ist es kaum möglich, sich dabei Hellers markante Erzählstimme nicht vorzustellen. Wer sich dem Träumer und Verführer ganz ergeben mag: Ja, Heller hat auch das Hörbuch selbst eingelesen.

In der Erzählung “Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein” (2008) hatte der Universalkünstler für die Figur des zwölfjährigen Paul Silberstein so manche Anleihen bei der eigenen Kindheit genommen. Auch diesmal lassen sich unschwer viele Parallelen entdecken, vom Aufwachsen im Hietzing der 1950er Jahre über manche Überspanntheit und Exaltiertheit des sich stets als außergewöhnlich wahrnehmenden jungen Mannes bis hin zum “Eidechsengarten” am Gardasee, für den unzweifelhaft Hellers langjähriges eigenes Gartenkunstwerk in Gardone als Vorbild gedient hat. Wie Julian Passauer durch das Leben geht, darf wohl als eine Art Alternativ-Biografie gelesen werden, die ein Mann von der Herkunft und den Anlagen des Autors einschlagen hätte können, wenn das Schicksal etwas anderes mit ihm vorgehabt hätte.

Entwicklungsroman rund um Protagonist Julian Passauer

Bis sich “Das Buch vom Süden” aber als Entwicklungsroman entpuppt und (etwa mit der Afrika-Umrundung auf einem Frachtdampfer, die Julian von seinem Vater als Maturareise geschenkt bekommt) Fahrt aufnimmt, reiht Heller lange skurrile Begebenheiten und eigenwillige Gestalten aneinander, die allesamt Verwandte der “Tante Jolesch” sein könnten – vom exzentrischen alten Grafen Eltz über den weltreisenden und ständig über Meteoritenbrocken stolpernden Warzenkönig Grabowiak und den die Familie Passauer mit regelmäßigen erotischen Erzählabenden erfreuenden “Hauswüstling” Cartor bis zum Hausarzt Doktor Kundratiz, der gesundheitliche Beschwerden mit Lyrik-Verschreibungen kuriert. Dass sich der kleine Julian, der in einer Dienstwohnung im Dachgeschoß von Schloss Schönbrunn aufwächst, ausgerechnet Mozart als ersten Lieblingsfreund und Spielkameraden imaginiert, den Eltern in den Prunksälen des Schlosses gelegentlich beim nächtlichen Tanzen zusieht und die ersten Annäherungsversuche an das andere Geschlecht als Riech-Attacke auf die Gärtnersfrau ausfallen, fügt sich ins Bild.

Doch es sind nicht nur die letzten Atemzüge einer verwehenden Zeit, die Julian Passauer als linder Südwind umspielen. Gelegentlich fährt auch der raue Wind der Wirklichkeit in die Idylle – von Kriegsheimkehrer-Szenen am Südbahnhof berichtet Heller ebenso wie von den Schrecken der Konzentrationslager, die etwa in der Erzählung eines ungarischen Oboisten oder in einer emotionalen Wiederbegegnung von Vater Passauer mit Hermann Leopoldi, bei der das berühmte Buchenwaldlied im Zentrum steht, heraufbeschworen werden.

Keiner wie die anderen

Dieser Julian Passauer ist keiner wie die anderen, dessen ist er sich ebenso schmerzlich wie freudig bewusst: “Sie müssen gar nichts und dürfen viel, und trotzdem hüpfen sie nicht vor Glückseligkeit”, heißt es einmal über ihn. Er wird nicht Künstler, sondern Profi-Pokerspieler und steht im Bann von Frauenbeziehungen, die an Unkonventionalität nichts zu wünschen übrig lassen. So sehr einem das ständige Betonen des Einzigartigen und Interessanten des Protagonisten auch auf die Nerven gehen kann – uninteressant wird er deshalb freilich nicht.

Vor allem ist es Hellers stupende Fähigkeit, Figuren und Szenen von großer Plastizität zu entwerfen (geradezu filmischer Höhepunkt ist ein “Blitztheater” am Gardasee), die einen fesselt und das Buch nach über 300 Seiten nur bedauernd aus der Hand legen lässt. Dass dabei nie der erstbeste Ausdruck, nie gedankenlos die auf der Hand liegende Formulierung verwendet wird, hebt “Das Buch vom Süden” aus der breiten Masse von sprachlich schludrig hergestellten Gegenwartsliteratur-Erzeugnissen heraus. Hier wägt ein Autor immer wieder ab und verwendet dafür auch schon mal die Goldwaage.

Verführerischer Blick zurück: “Das Buch vom Süden”

“Das Buch vom Süden” endet mit einem gedanklichen und tagträumerischen Zukunftsblick in eine Landschaft, in der es Kreuzkümmel und Thymianblätter wie Konfetti regnet, und in der Minarette den Horizont prägen. Julian “war zuhause. Vielleicht.” Heller hat sein nächstes Buch längst in die marokkanische Erde geschrieben. Und neidlos muss man zugeben: Auch sein Paradiesgarten “Anima” ist eine Reise wert.

“Das Buch vom Süden” von André Heller, Zsolnay Verlag, 336 S., 25,60 Euro
Hörbuch, gelesen von André Heller, Lübbe Audio Hörbuch, 2 CDs, 588 Minuten, 22,50 Euro, ISBN: 978-3-7857-5315-6

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(apa/red)

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