Van der Bellen fix in der Stichwahl: “Blaues Auge” für grünen Professor

Präsidentschaftskandidat Alexander Van der Bellen kommt in die Stichwahl.
Präsidentschaftskandidat Alexander Van der Bellen kommt in die Stichwahl. - © APA
BP-Kandidat Alexander Van der Bellen dürfte den Wahltag mit einem tiefblauen Auge überstehen. Der Favorit der Meinungsforscher hat, wenn auch recht knapp, wenigstens den Einzug in die Stichwahl geschafft.

Den Rückstand auf Norbert Hofer in einem sich anbahnenden Lager-Wahlkampf aufzuholen, wird aber schwierig sein. Letztlich ging es Van der Bellen heute ähnlich wie in seiner Zeit als Chef der Grünen. Die Umfragen hoben den mit guten Sympathie-Werten ausgestatteten Volkswirtschafter in lichte Höhen, die Wähler holten ihn wieder herunter. Ganz überraschend kommt die leise Enttäuschung am Wahlabend dann aber auch wieder nicht.

Van der Bellen kein großer Wahlkämpfer

Van der Bellen galt nie als großer Wahlkämpfer, da er sich im Kontakt mit dem einfachen Bürger eher schwer tut. Zudem wirkte er im Wahlkampf zur BP-Wahl oft ein wenig müde, wobei die Langsamkeit schon seit Jahrzehnten Markenzeichen des Tirolers ist.

Dabei erfolgte sein Einstieg in die Spitzenpolitik ziemlich prompt. Van der Bellen, Sohn einer estnischen Mutter und eines russischen Vaters, war einst Sozialist, ohne mit den Roten auf Dauer warm zu bleiben. Als Karteileiche aussortiert wurde er vom Grünen-Urgestein Peter Pilz in dessen Partei gelockt – und das mit ungeahnten Folgen.

BP-Kandidat kein 0815-Grüner

Van der Bellen, ein Freigeist, der bis heute nicht müde wird, den linken Gottseibeiuns, Schwarz-Blau-Kanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP), mit Lobliedern zu bedenken, wurde nach einer erfolglosen Kandidatur für das Amt des Rechnungshof-Präsidenten Nationalratsabgeordneter und in weiterer Folge für über ein Jahrzehnt Chef der bis dahin chronisch zerstrittenen Grünen. Er ist bis heute deren einzig breitenwirksame Figur.

Ein 0815-Grüner war Van der Bellen dabei tatsächlich nie. Der Puritanismus, der seiner Partei wohl nicht zu Unrecht oft vorgehalten wird, ist Van der Bellen fremd, auch wenn er mittlerweile seinen “Benzin-Fresser” eingemottet hat und viel lieber von den Vorzügen des öffentlichen Verkehrs schwärmt. Die Zigarette hat er bis heute nicht abgelegt, während seine Nachfolgerin und enge Weggefährtin Eva Glawischnig zwischenzeitlich Zigaretten-Automaten abmontieren lassen wollte.

Taktisches Vorgehen im BP-Wahlkampf

Van der Bellen lässt sich von politischer Korrektheit nicht klein kriegen, auch wenn er im Hofburg-Wahlkampf taktischer wirkte als in vergangenen Zeiten. Wohlmeinend könnte man sagen, er hat spät zu lernen versucht, wie das politische Geschäft läuft, siehe sein Schwenk in Sachen TTIP.

Dabei hatte seine Kampagne auch einige Seltsamkeiten zu bieten, die möglicherweise ihren kleinen Teil zum – im Vergleich zu den Umfragen – nicht unbedingt berauschenden Ergebnis beigetragen haben. Schon die Idee, sich als “Unabhängiger” verkaufen zu lassen, erwies sich für einen langjährigen Parteichef als mäßig schlau. Sein Verständnis für die russische Invasion auf der zur Ukraine gehörenden Krim inklusive Lobhuldigungen für Präsident Wladimir Putin muteten dann mindestens ebenso so seltsam an wie seine halbherzig relativierten Überlegungen, als Staatsoberhaupt auch eine mit absoluter Mehrheit ausgestattete FPÖ nicht mit der Regierungsbildung zu betrauen.

Proto-typischer Professoren-Charme

Doch Van der Bellen, ausgestattet mit proto-typischem Professoren-Charme, verzeiht man an sich recht viel. Schließlich hat sein Fan-Club auch schon längst vergessen, dass er trotz Vorzugsstimmen-Wahlkampfs über ein Jahr gebraucht hat, vom prestigeträchtigeren Nationalrat in den Wiener Gemeinderat zu wechseln oder dass er sich den “Weißen-Elefanten-Posten” des Wiener Universitätsbeauftragten umschnallen ließ.

In einer möglichen Stichwahl gegen Hofer kann er darauf hoffen, dass sich auch viele, denen Van der Bellen zu träge für ein Staatsoberhaupt wirkt, hinter ihm versammeln werden, um das erste freiheitliche Staatsoberhaupt zu verhindern. Dafür sollte Van der Bellen aber einen Gang zulegen, denn Hofer hat sich trotz seines Stocks im Wahlkampf als außerordentlich dynamisch erwiesen.

Lebensdaten von Van der Bellen

Alexander Van der Bellen, geboren am 18. Jänner 1944 in Wien als Sohn einer estnischen Mutter und eines russischen Vaters. Aufgewachsen im Tiroler Kaunertal. Studierte Volkswirtschaft und unterrichtete als Uni-Professor sowohl in der Tiroler Hauptstadt als auch in Wien. Aus seiner ersten, im vergangenen Herbst geschiedenen Ehe hat er zwei Söhne. Seit Kurzem ist er mit Doris Schmidauer, Geschäftsführerin im Grünen Parlamentsklub, verheiratet.

>>Stichwahl: Alexander Van der Bellen geht gegen Norbert Hofer ins Rennen

(apa/red)

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