“Unterleuten” von Juli Zeh: Schrecken hinter vermeintlicher Dorfidylle

Juli Zeh legt einen spannenden Wälzer vor: "Unterleuten"
Juli Zeh legt einen spannenden Wälzer vor: "Unterleuten" - © Luchterhand Literaturverlag / Thomas Müller
Die deutsche Autorin Juli Zeh legt einen neuen, im Wortsinne “großen” Roman vor. Was als Gesellschaftsroman in einer Dorfidylle ansetzt, lässt Zeh mehr und mehr in einen Thriller kippen. Der 640-Seiten-Wälzer “Unterleuten” ist unser Buch-Tipp der Woche.

Durch Unterleuten kann man im Internet spazieren. Doch unter Leute kommt man dabei nicht: Über 30 Charaktere des Romans “Unterleuten” von Juli Zeh sind mit Kurzbiografie und Wohnort-Lageplan in dem vom Luchterhand Verlag initiierten Web-Auftritt des Buches verzeichnet. Ein Bild von ihnen kann man sich nicht machen. Dazu braucht es Fantasie und die Lektüre des 640-Seiten-Wälzers. Sie lohnt sich.

Juli Zeh verknüpft geschickt Erzählstränge

Seit der Ankündigung der 41-jährigen vielfach ausgezeichneten Autorin, die sich bereits mit ihrem Debütroman “Adler und Engel” (2001) in die erste Reihe der deutschen Gegenwartsliteratur geschrieben hatte, mit “Unterleuten” in zehnjähriger Arbeit jenen Gesellschaftsroman geschrieben zu haben, der ihr stets als “literarische Königsdisziplin” erschienen war, waren die Erwartungen groß. Die Deutschen – und auch die Jury des Deutschen Buchpreises – lieben Gesellschaftsromane.

Zeh ist tatsächlich aufs Ganze gegangen. In aller epischen Breite stellt sie zunächst die Bewohner eines Dorfes in der brandenburgischen Provinz vor, widmet ihnen von den Alt-Eingesessenen bis zu den frisch Zugezogenen, die entweder nach Berlin pendeln oder am Land endgültig Zuflucht vor der Großstadt suchen, jeweils ein Kapitel und beginnt ganz unmerklich die einzelnen Fäden miteinander zu verknüpfen. Wie das Geflecht immer dichter wird, unterschiedliche Interessenslagen deutlich werden und auch die schmerzhafte Geschichte des ehemals in der DDR gelegenen Dorfes sich allmählich aus der vermeintlichen ruralen Idylle schält, das ist feinstes Schreib-Handwerk.

Spannende Protagonisten in “Unterleuten”

Die Figuren interessieren – von der hoch motivierten “Pferdefrau”, die um die Verwirklichung ihres Lebenstraums einer Pferdezucht kämpft, über den fanatischen Vogelschützer, der seinen Kampf gegen das globale Böse bis nach Unterleuten trägt, bis zum Mechaniker mit üblem Leumund, der seinen Nachbarn mittels brennender Autoreifen an der Grundstücksgrenze die gute Landluft verpestet. Nicht nur diese Sache stinkt zum Himmel. Denn mit der Zeit wird klar, dass das dichte, dörfliche Netzwerk aus Gefälligkeiten, Leistungen und Gegenleistungen nicht bloß ein auf Tauschhandel basierendes wirtschaftliches Gegenmodell zum bösen Kapitalismus-Moloch und der Nachrichten wie ein Lauffeuer verbreitende “Dorffunk” nicht bloß Gerüchtebörse und Informationskanal ist. Früher oder später drängen sich Assoziationen an Mafia und Stasi auf. Wo ein Netz ist, ist meist auch eine Spinne. Wer Tratsch sät, kann auch Rufmord ernten.

Geschickt lässt Zeh, die sich nach über 600 Seiten in einem Epilog als Berliner Journalistin Lucy Finkbeiner auch selbst in den Roman einschreibt, die Dinge kippen und ein Machtgefüge entstehen, dessen historisch gewachsene Hierarchien und Abhängigkeiten für die Neuzügler kaum zu durchschauen sind. Die Folge sind Missverständnisse und Fehlinterpretationen, die aus an sich fast harmlosen Dorfbewohnern eine Räuberbande machen und auch in Vorzeigebürgern kriminelle Energien freilegen. Da passt es gut dazu, dass die harmlose, vom Aussterben bedrohte Schnepfen-Art, deren Brutgebiete Unterleuten zu etwas Besonderem machen, ausgerechnet “Kampfläufer” heißt. Als dann ein Windpark errichtet werden soll, der dem schwer verschuldeten Dorf Steuereinnahmen bringen würde, beginnt ein neuer Kampf, in dem auch die “Neuen” ohne zu zögern mitmischen und bei der Wahl der Waffen nicht zimperlich sind.

“Es geht um die großen Fragen unserer Zeit”

“Es geht nicht nur um ein Dorf, in dem der Plan, Windkraftanlagen zu errichten, die Bewohner gegeneinander aufbringt”, hatte Zeh im Vorfeld geschrieben. “Es geht auch um die großen Fragen unserer Zeit. Gibt es im 21. Jahrhundert noch eine Moral jenseits des persönlichen Eigeninteresses? Wie entstehen Konflikte, woran glauben wir? Was ist aus dem alten Krieg zwischen Kommunismus und Kapitalismus geworden, wie lebt er in der modernen Zeit weiter? Wie kommt es, dass alle immer nur das Beste wollen, und am Ende trotzdem schreckliche Dinge passieren?” Große Fragen. Zeh gelingt es tatsächlich, sie alle zu behandeln oder zumindest zu streifen. Schade, dass ihr das nicht genügt und sie zusätzlich eine Krimi-Handlung aufbaut, die in ihren Eskalationsstufen schon bald unglaubwürdig wird.

Ohne die Ambition, aus dem Gesellschaftsroman auch noch einen Thriller zu machen, wäre das Buch außerdem vielleicht 200 Seiten kürzer geraten. Was ihm auch nicht geschadet hätte. Trotzdem ist “Unterleuten” ein bemerkenswerter Roman. In die brandenburgische Ostprignitz möchte man freilich nicht übersiedeln. So manches Windparkprojekt soll dort nämlich schon verwirklicht worden sein.

Juli Zeh: “Unterleuten”, Luchterhand, 640 S., 25,70 Euro

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(apa/red)

 

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