U-Bahn-Dialoge von El Awadalla: Wenn es im Wiener Untergrund menschelt

Von Daniela Herger
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In der Wiener U-Bahn spielt sich zwischenmenschlich Spannendes ab
In der Wiener U-Bahn spielt sich zwischenmenschlich Spannendes ab - © Wiener Linien/Johannes Zinner (Sujet)
1,4 Millionen Passagiere nutzen tagtäglich die Wiener U-Bahn – da findet so einiges an sozialer Interaktion statt. Worüber in Stationen und Zügen geredet, gestritten und heftig diskutiert wird, hat Autorin El Awadalla in Form echter U-Bahn-Dialoge festgehalten. VIENNA.AT stellt das unterhaltsame Buch vor.

Seit 1978 fährt die U-Bahn in der Bundeshauptstadt. 78,5 Kilometer umfasst das gesamte Streckennetz der Wiener U-Bahn, rund 150 Züge sind im Einsatz, um die fast eineinhalb Millionen Fahrgäste pro Tag von A nach B zu befördern. Die U-Bahn mit ihren bislang fünf, in Zukunft aber sechs Linien ist Wiens schnellstes öffentliches Verkehrsmittel. So weit die offiziellen Fakten der Wiener Linien.

101 mal O-Töne aus der Wiener U-Bahn

Wo solche Massen an Fahrgästen geballt aufeinandertreffen, beginnt es naturgemäß zu menscheln. Es entwickeln sich Dialoge, die amüsieren, verstören oder nachdenklich machen – das berüchtigte “Goldene Wienerherz” schlägt Kapriolen. Wie sich das im zumeist urwienerischen O-Ton anhört, davon zeichnet das Buch “Seawas, Grüssi, Salamaleikum. Tiefe und tiefgründige Dialoge in der U-Bahn” ein aufschlussreiches Bild. Und ein authentisches – denn Autorin El Awadalla will die 101 hierin aufgezeichneten Dialoge aus sämtlichen 101 Wiener U-Bahn-Stationen (Stand: 2013, inzwischen sind es 104) genau so erlebt haben.

Von Interaktionen und Provokationen

Einander Unbekannte kommen in U-Bahn-Stationen und Zügen ins Gespräch über akute Zustände und Zwischenfälle, wie sie dort, wo so viele Menschen zusammenkommen, unvermeidlich sind. Alles dreht sich um den Umgang miteinander und das Verhalten zueinander, das provozierend, störend, beleidigend oder anderswie ungehörig empfunden wird.

Wer sich an die Verhaltens-Kampagne der Wiener Linien erinnert, die für viel Wirbel sorgte, wird in dem Buch so manchen Aufreger wiedererkennen: Es gibt Beschwerden und Diskussionen über Lärm, Essen, mitgeführte Fahrräder, eisverpickte Kinderhände. Wer nicht weiß, wie er kommt, wohin er muss, ob Tourist oder Österreicher, fragt jene danach, die sich zufällig ebenfalls vor Ort befinden, aber nicht notwendigerweise mehr Ahnung von der Materie mitbringen. Wie man so schön sagt, hilft in so mancher Situation der Einäugige dem Blinden – und die U-Bahn-Dialoge bilden da bestimmt keine Ausnahme.

A Hetz auf guat Weanerisch

Dass Verfasserin Awadalla keine “echte Wienerin”, sondern eigentlich Burgenländerin ist, die es als Pendlerin mit schöner Regelmäßigkeit nach Wien verschlagen hat, merkt man den Dialogen nicht an – mit beeindruckend akribischem Sprachgefühl bildet sie das Wienerische lautmalerisch ab, und auch wenn man manchmal kurz über die Schreibweise der dialektalen Begriffe stolpert, hilft es zumeist, sich diese selbst laut vorzulesen, um ein zunächst unbekanntes Wort doch noch zu identifizieren. Hilft auch das nicht weiter, empfiehlt sich ein Blick in das dem Buch angeschlossene Glossar, in dem die Begriffe ins Hochsprachliche “übersetzt” werden.

Die U-Bahn als Ort der Begegnung

Die Menschen, die in der U-Bahn aufeinandertreffen, entstammen dem vielseitigen Wien der unterschiedlichen Nationalitäten, sozialen Schichten und Altersgruppen – vom brüllenden Kleinkind, das die etwas zu entspannte Mutter beim Telefonieren stört, bis zur Seniorin, die ihren Mann auf dem Zentralfriedhof besuchen fährt.

Einheimische Augustin-Kolporteure treffen auf eingebürgerte Rosenverkäufer, wobei der Schmäh rennt. Aufregung herrscht um Alkoholisierte vom Jugendlichen bis zum Fußballfan mit Bierbauch. Da wird geflirtet, das andere Geschlecht angestarrt und anhand seiner körperlichen Attribute be- oder abgewertet, Beziehungsfragen besprochen, und die Gefährlichkeit bzw. Geilheit eines “Zuzlfleegs” (“Knutschflecks”‘) erörtert. Und manchmal bleibt es nicht beim Reden – es fließt in Einzelfällen sogar Blut.

Was Fährgäste alles stört

Wie man als Leser schnell erkennt, braucht es nicht viel, um in der Wiener U-Bahn anzuecken – ob in Stationen oder Zügen. Wer ein Kopftuch trägt, lautstark telefoniert, lacht, lärmt, einen Strauß Blumen oder gar eine “Blechrean” (“Metallrohr”) mit sich führt, es wagt, nicht Deutsch zu sprechen, die Rolltreppen nicht wie vorgesehen benutzt oder die U-Bahn-Tür nicht aufbekommt – all das und vieles mehr gibt Anlass zum grantelnden Kommentieren, aus dem sich in weiterer Folge in schöner Regelmäßigkeit ein Dialog mit oder zumindest über die jeweiligen “Missetäter” entspinnt. Davon lebt das Buch, und das zu lesen, bietet hohen Wiedererkennungswert und höchst unterhaltsame Lektüre. Empfehlung!

 

El Awadalla: “Seawas, Grüssi, Salamaleikum. Tiefe und tiefgründige Dialoge in der U-Bahn”
201 Seiten, Klappenbroschur, mit zahlreichen Illustrationen von Hannes Gröblacher
€ 16.90.
ISBN 978-3-85286-221-7

(DHE)

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