Turgay Taskiran (Gemeinsam für Wien) im Interview zur Wien-Wahl

Von Daniela Herger
Turgay Taskiran beim Interview mit Vienna Online
Turgay Taskiran beim Interview mit Vienna Online - © VIENNA.at
Turgay Taskiran kandidiert mit seiner Liste “Gemeinsam für Wien” am 11. Oktober erstmals bei der Wien-Wahl. Im Gespräch mit VIENNA.at hat er über die Farbe Türkis, Gratis-Öffis, Türkisch als Maturafach, die Lösung der Asyldebatte, eine Koalition mit der FPÖ und vieles mehr gesprochen.

Turgay Taskiran, seines Zeichens Arzt mit Praxis in Wien-Simmering und türkischen Wurzeln, ist Spitzenkandidat der Liste “Gemeinsam für Wien”. Im großen VIENNA.at-Interview zur bevorstehenden Wahl hat er über heiße Eisen in der Stadt gesprochen.

Das Wahl-Programm von „Gemeinsam für Wien“

VIENNA.at: Die Liste „Gemeinsam für Wien“ ist ja ganz neu in der Wiener Politiklandschaft. Was sind denn die wichtigsten Eckpunkte in Ihrem Wahl-Programm?
Turgay Taskiran: Eine gerechte Bildung für alle – man sagt, in Österreich wird Bildung “vererbt”, das soll nicht der Fall sein. Wohnen: Leistbare Wohnungen müssen auch für sozial Schwache geschaffen werden. Integration – wobei ich eher von “Inklusion” sprechen möchte. Dass man versucht, alle Gruppen von Menschen einzuschließen, damit alle an der Gesellschaft teilnehmen. Die Bildung neuer Parallelgesellschaften muss verhindert werden. Man sollte aufeinander zugehen, miteinander reden, es braucht eine neue Kultur des Zusammenlebens. Und das Thema Verkehr: Individualverkehr muss eingedämmt werden, es braucht mehr Park & Ride-Anlagen und Gratis-Öffis.

Sie haben jüngst in einem Interview gesagt, „Gemeinsam für Wien“ sei keine “türkische Liste” sondern eine “türkise”. Was assoziieren Sie damit?
Das ist unsere offizielle Farbe. Türkis symbolisiert für mich das Meer, das offene Meer – wir sind offen für alle.

Bei der Wien-Wahl treten ja einige etabliertere Parteien an, die schon länger in der Stadt Politik machen. Warum sollte man gerade „Gemeinsam für Wien“ wählen?
Weil wir für den Dialog einstehen. Wir wollen, dass neue Brücken gebaut werden. Es gibt in Wien Probleme im Bereich der Integration, es werden Gruppen ausgeschlossen – um diese wieder zu gewinnen, muss man eine neue Politik schaffen, und das haben die etablierten Parteien bisher nicht geschafft. Dass gerade die Menschen, die von dieser Problematik am meisten betroffen sind, sich beteiligen können – das ist eigentlich der wichtigste Grund, warum man uns wählen sollte.

Türkisch als Maturafach – aber nicht nur

Sie möchten “alle Wiener” als Zielgruppe bei der Wien-Wahl ansprechen – was bieten Sie verschiedenen Wählergruppen?
In unserem Programm werden viele Gruppen angesprochen – von den Jungunternehmern, die wir fördern wollen, bis hin zu sozial Schwachen. Wir wollen allen Bevölkerungsschichten etwas bieten, damit es nicht nur das klassische “rechts” und “links” und “liberal” gibt, sondern wir wollen problemorientiert Lösungen finden und nicht diese Aufteilung, die ist veraltet. das blockiert ja die ganze Politik.

Sie fordern Türkisch als Maturafach – was soll denn zum Thema Bildung in Wien sonst noch passieren?
Nicht nur Türkisch, sondern alle Sprachen, die hier in Wien gesprochen werden, sollen als Maturafach zugelassen werden, genauso Serbisch, Kroatisch oder etwa auch Philippinisch. Wenn genug Leute da sind, die diese Sprache lernen wollen, sollte das auch als lebende Fremdsprache angeboten werden. Es sind ja nicht nur Türken, die Türkisch lernen wollen, sondern auch viele Wiener, die sagen Türkisch ist interessant, ich könnte das brauchen. Es leben ja über 200 Millionen Menschen auf der Erde, die Türkisch reden. Es gibt ja “Ghettoklassen” in manchen Bezirken, wo der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund sehr hoch ist. Da sieht man, dass die Qualität der Bildung sehr schwach ist, und das muss man verhindern. Es muss eine gute Durchmischung sein, wo alle vertreten sind. Viele Familien, die es sich leisten können, schicken Kinder in Privatschulen, zum Beispiel in Favoriten, das sollte nicht die Antwort sein.

Ein Arzt über Wiener Gesundheitsthemen

Sie sind ja im Brotberuf Arzt – wie stehen Sie zum Nichtrauchergesetz in der Gastronomie, das jetzt kommt? Gibt es irgendwelche Gesundheitsthemen, die Ihnen im Wien-Wahlkampf am Herzen liegen?
Ich finde, da ist Österreich schon sehr spät dran mit dem Nichtrauchergesetz, im Vergleich zu Europa. Obwohl ich selbst Raucher bin, stehe ich hundertprozentig dafür, dass ein starkes Nichtrauchergesetz vorhanden ist. Die bisherige Lösung mit geteilten Bereichen ist nicht ideal gewesen. Man muss da an Familien denken, die mit kleinen Kindern essen gehen, oder an die Angestellten in der Gastronomie, dass die nicht beeinträchtigt werden. Auch andere Probleme sehe ich im Gesundheitsbereich. Es muss mehr niedergelassene Ärzte in Wien geben, speziell Fachärzte. Es kann nicht sein, dass man da teils zwei bis drei Monate auf einen Termin warten muss.  Wichtig ist auch eine Entlastung der Spitäler. Gruppenpraxen für bessere Zusammenarbeit müssten gestärkt werden. Und ich finde es nicht okay, dass man eine Berufsgruppe, die eigentlich so gute Arbeit leistet wie Ärzte, mit dem aktuellen “mystery shopping” in Verruf bringt und kontrollieren will, ob sie auch alles richtig machen. Es gibt sicher schwarze Schafe, die gibt es überall, aber da muss ein gewisses Vertrauen sein. Sie arbeiten hart und gewährleisten eine gute ärztliche Versorgung in Wien, da braucht es keine Kontrollen. Diese Energie und dieses Geld könnte man woanders besser investieren.

Apropos Geld investieren: Sie fordern Gratis-Öffis für Wien – wie soll das Ihrer Meinung nach finanziert werden?
Wir fordern eine Leerstandsabgabe für Wohnungen, da würde ein gewisses Geld hereinkommen. Ein Teil der Finanzierung käme auch von Einsparungen fürs Wiener Linien-Personal, Kontrolleure, Wartung und Aufstellung von neuen Fahrscheinautomaten. Und eine Gegenfinanzierung in Form von erhöhten Abgaben für Alkohol und Tabak, die dann auch der Stadt Wien zugute kommen. Auch der Konsum würde dann natürlich heruntergehen, was gesundheitlich wieder für Verbesserungen sorgt.

Keine Koalition mit der FPÖ

Sie haben zu Beginn Ihrer politischen Aktivität gesagt, dass Sie sich eine Koalition mit der FPÖ vorstellen könnten – dann aber zuletzt, dass das nicht denkbar ist. Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?
Ich bin der Meinung, man sollte für alles offen sein, für jeden, man sollte niemanden ausschließen. Wenn ich mir jetzt die Plakate der FPÖ anschaue, die so fremdenfeindlich sind – auf dieser Basis kann man nicht zusammenarbeiten. Wenn die FPÖ bereit ist, sich zu ändern und ihre Position aufzugeben, kann man sich zusammensetzen und drüber reden, was man machen kann. Aber nicht auf diese Art.

Da kommen wir gleich zur aktuellen Asyldebatte: Was soll man in Wien tun? Der Flüchtlingsstrom ist im Gange, viele Menschen helfen, irgendwann droht vielleicht ein Unterbringungsproblem. Was muss da passieren?
Wien ist eine große Stadt – wenn man eine Lösung finden will, findet man eine. Die Menschen sind bereit zu helfen. Ich kenne viele, die Flüchtlinge bei sich zuhause unterbringen, übernachten lassen, ihnen eine Duschmöglichkeit geben. Es ist eine große Problematik. Aber man kann Menschen, die in Not sind, nicht vor der Tür stehen lassen. Der Winter kommt – dass man sie im Freien schlafen lässt, dass sie mit Wasserwerfern und Tränengas angegriffen werden, das kann nicht sein. Wir können nicht unser Europa mit einer Mauer umzingeln und sagen, wir lassen jetzt niemanden rein. Man muss auch sehen, dass teilweise Europa und die EU schuld sind an der Problematik, die gerade in Syrien besteht, man muss Lösungen finden, das Problem an der Wurzel packen. Aber jetzt gibt es ein menschliches Problem, die Menschen sind da, sind zu Fuß hunderte, tausende Kilometer gegangen, sie sind erschöpft und im Freien. Da muss man schnell agieren und eine Lösung finden. Menschlich ist es nicht okay, dass man sagt, wir nehmen jetzt keine Flüchtlinge auf. Natürlich ist es eine große Belastung für alle, etwa in Bayern sind die Helferorganisationen sehr überfordert, es gibt zuwenig Schlafplätze.

Turgay Taskiran über das Asyl-Thema

Wenn man das gut organisiert, bleibt es ein Problem nur für einige Zeit. Man hat das in Bosnien gesehen, dass die Leute dann wieder zurück in ihre Heimat gegangen sind. Niemand geht aus Spaß von zuhause weg, verlässt seine Familie und seine Angehörigen, geht in ein anderes Land, wo man die Sprache nicht kann, die Umgebung nicht kennt, keine Freunde hat. Aber wenn das Problem in den Herkunftsländern gelöst ist, werden diese Menschen wieder zurück gehen.

Aber jetzt für den Moment?
Für den Moment müssen wir versuchen, neue Wohnflächen zu finden, zum Beispiel Wiener Wohnen hat viele leerstehende Wohnungen, die man für Flüchtlinge für eine gewisse Zeit verwenden könnte. Unbürokratisch, schnell, lösungsorientiert muss man sehen, wo etwas frei ist und man die Leute unterbringen kann.

Wäre es für sie denkbar, selbst Flüchtlinge unterzubringen?
Schon, ja.

Anderes Thema: „Gemeinsam für Wien“ hat nach Ihren Angaben ein begrenztes Wahlkampf-Budget. Wie bestreiten Sie denn Ihren Wahlkampf? Welche Rolle spielt Social Media dabei?
Social Media ist wichtig, ja. Wir gehen auch auf die Straße, Flyer verteilen und mit den Menschen sprechen.

Über Wahlwerbung und den Bürgermeister

Sie haben die größeren Parteien in einem offenen Brief um Plakatflächen gebeten, weil wegen Ihrer späten Zulassung zur Wahl keine mehr für „Gemeinsam für Wien“ verfügbar waren. Gab es Reaktionen?
Nein, bisher gab es noch keine Reaktionen.

Welche großen “Baustellen” sehen Sie in Wien als Priorität – wo besteht dringender Handlungsbedarf?
Wie gesagt, Verkehr und Parkplätze, Bildung. Dass wir bei den PISA-Tests immer so schlecht abschneiden, kann nicht sein. Die Kinder sind unsere Zukunft, und nur wenn sie eine gute Ausbildung haben, werden wir eine gute Zukunft haben.

Wie zufrieden sind Sie mit dem derzeitigen Bürgermeister Wiens?
Er ist seit 1994 im Amt, 21 Jahre. Ich sehe bei ihm in den letzten Jahren, dass er nicht mehr die Energie hat, Neuerungen umzusetzen, die wirklich notwendig sind, um etwas zu verändern – das schafft er nicht mehr. Es müsste jemand her, der mehr Elan hat und mehr Durchsetzungskraft. Wir leben in einer Stadt, die zu den lebenswertesten der Welt zählt, aber man muss auch in die Zukunft schauen. Wien hat das Potential eine Weltmetropole zu sein, wie New York, Paris oder London. Bei uns sollte das Herz Europas schlagen, wir sind ja mittendrin. Wenn man die Kulturen aller Menschen hier ausnutzt, dann kommen auch gute Lösungen zusammen. Wie in den USA oder Schweden, dort ist man viel innovativer und zukunftsorientierter. Es kann nicht sein, dass jemand in einem anderen Land Akademiker war und hier ist er Taxifahrer oder Reinigungskraft.

Turgay Taskiran und Wien

Definieren Sie sich mit drei Worten selbst, abseits der Politik. Wie tickt Turgay Taskiran?
Gerechtigkeitsfanatiker, geduldig, ein guter Zuhörer.

Was sind ihre Lieblingsplätze in Wien und warum?
Der Waldmüllerpark in Favoriten ist einer meiner Lieblingsplätze, da habe ich meine Kindheit verbracht, das ist eine schöne Grünfläche in Wien. Und der Bezirk Simmering, wo ich meine Ordination habe, den habe ich lieben gelernt. Das hat für mich so einen dörflichen Charakter, das ist in der Stadt, aber wie am Land.

Wien ist ja laut Mercer-Studie wiederholt zur Stadt mit der höchsten Lebensqualität der Welt gewählt worden – was bedeutet für Sie persönlich Lebensqualität in Wien?
Das Wasser zum Beispiel, das ist hervorragend, da muss man in anderen Ländern viel zahlen, um so etwas bekommen zu können. Oder die Möglichkeiten der Öffentlichen Verkehrsmittel, dass man überall hinkommen kann auch ohne Auto, auch in der Nacht.

Der Spitzenkandidat ganz persönlich

Wie hat es Sie als Arzt in die Politik verschlagen?
Durch meine Arbeit habe ich mit vielen Menschen zu tun und höre mir ihre Probleme an. Da sieht man, dass es strukturelle Probleme sind, Menschen werden ausgeschlossen aus der Gesellschaft. Ich spreche ja Türkisch und Deutsch und kann mit meinen Patienten in diesen Sprachen reden, dadurch sehe ich beide Seiten. Da gibt es wenig Kommunikation zwischen den beiden Gruppen, das fängt schon im Wartezimmer an. Da gibt es Konfliktpotential, Vorurteile gegeneinander. Wenn man miteinander redet, löst sich das auf. Ich habe die privaten Probleme zu hören bekommen, z.B. Mobbing am Arbeitsplatz wegen der Herkunft, daraus folgen psychische Probleme, und mir gedacht, da muss man was tun. Da muss man etwas ändern.

Was ist aktuell das erhoffte Wahlziel von „Gemeinsam für Wien“ bei der Wien-Wahl?
Natürlich die 5 Prozent, der Einzug in den Gemeinderat, dann bin ich zufrieden. Wir wären dann auch für eine Koalition mit allen offen, die den Dialog und eine offene Gesellschaft wollen.

Mehr zur Wien-Wahl lesen Sie hier.

(DHE)

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