Prozess gegen Wiener IS-Heimkehrer: “Ich bleibe dabei, ich habe nicht gekämpft”

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Journalisten vor dem Großen Schwurgerichtssaal vor Beginn des Prozesses gegen einen 17-jährigen Angeklagten der in Syrien für die der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) gekämpft haben soll, vor Prozessbeginn am Landesgericht in Wien
Journalisten vor dem Großen Schwurgerichtssaal vor Beginn des Prozesses gegen einen 17-jährigen Angeklagten der in Syrien für die der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) gekämpft haben soll, vor Prozessbeginn am Landesgericht in Wien - © APA/HERBERT PFARRHOFER
Am Wiener Strafgericht steht ein 17-jähriger Bursche vor Gericht, der in Syrien für die Terrormiliz “Islamischer Staat” (IS) gekämpft haben soll. Er verteidigte sich und meinte: “Ich habe nicht gekämpft”.

Im März war der nun angeblich geläuterte Islamist nach Österreich zurückgekehrt. Der Lehrling bekannte sich vor Richterin Alexandra Skrdla teilweise schuldig, die Verhandlung wird am Mittwoch fortgesetzt.

“Es war wie eine Gehirnwäsche”

Staatsanwältin Stefanie Schön legte dem blass wirkenden Burschen Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung, Ausbildung für terroristische Zwecke und Aufforderung zu terroristischen Straftaten zur Last. Daneben sind von der Anklage auch Sachbeschädigungen und gefährliche Drohungen umfasst, die mit dem Aufenthalt des Burschen im syrischen Bürgerkriegsgebiet nichts zu tun haben.

Der Beschuldigte, der keinen Migrationshintergrund aufweist, war im Mai 2014 zum Islam konvertiert. Nachdem der Lehrling gehört hatte, dass Muslime in Syrien gefoltert werden, beschloss er im August nach Syrien zu reisen, “um die Geschwister zu beschützen”. “Mir wurde eingeredet, als Moslem sei das Geringste, was man tun kann, dorthin zu ziehen”, meinte Oliver N. “In ein Kriegsgebiet? Und das wollten Sie?”, fragte die Richterin. “Ich hatte keine Vorstellung”, meinte der 17-Jährige. “Es war wie eine Gehirnwäsche.”

Der Weg des Wieners nach Syrien

Nachdem mehrere Versuche, nach Syrien zu gelangen, scheiterten, flog er am 24. August 2014 gemeinsam mit einem Bekannten, der sich ebenfalls dem IS anschließen wollte, nach Istanbul. Nach einem kurzem Aufenthalt reisten sie mit einem Bus in die türkische Stadt Gazientep nahe der syrischen Grenze. Mit der Hilfe von Schleppern gelang es den beiden, in das von IS kontrollierte Gebiet zu kommen. Dort wartete bereits ein Fahrzeug der Terroristen. “Ich hab die Flagge am Auto gesehen und ihre Waffen, und da bin ich zu ihnen gerannt.”

Er soll laut Anklage eine mehrmonatige Islam- und anschließend eine Kampfausbildung in einem Terror-Camp absolviert haben, um danach als Kämpfer eingesetzt zu werden. Bei der Schlacht um die nordsyrische Stadt Kobane wurde er seiner Aussage zufolge vom IS als Rettungsfahrer eingesetzt. “Ja, Oliver N. ist Mitglied einer terroristischen Vereinigung gewesen. Dafür übernimmt er die Verantwortung”, sagte sein Anwalt Wolfgang Blaschitz. Er habe aber keine Waffenausbildung genossen und habe nicht an Kampfhandlungen teilgenommen. “Täter Oliver N. ist gleichzeitig Opfer der terroristischen Vereinigung IS”, erläuterte Blaschitz

“Ich habe nicht gekämpft”

Die für Neuankömmlinge vorgesehene monatelange Ausbildung will der 17-Jährige jedoch nicht absolviert haben. Er habe vielmehr in sogenannten “Safe Houses” in Syrien und im Irak Bewachungs- und Putzdienste erledigt. Seine IS-Kollegen verpassten ihm jedoch den Namen “Vater des Kämpfenden”. Allerdings will er die Waffen nur fürs Posieren am Foto in die Hand genommen haben. Er sei nur drei Tage im Kriegsgebiet gewesen, um mit einem Fahrzeug die Verletzten aus dem Kampfgebiet zu holen und zu einer Sammelstelle zu bringen.

Nachdem ihm die Vorsitzende des Schöffengerichts zahlreiche Fotos gezeigt hat, die Ermittler auf seinem Handy gefunden haben und die den Burschen teilweise im Tarnanzug und mit Waffe posierend zeigen, meinte der 17-Jährige: “Ich habe die Waffe genommen, weil es cool ist.” Auf einem Bild ist Oliver N. auch mit einer schusssicheren Weste zu sehen. Ein weiteres Foto zeigt ihn inmitten von zehn IS-Kämpfern, alle mit schwarzem IS-Kampfanzug gekleidet und mit Maschinenpistolen in der Hand. “Ich habe mich hingestellt, aber nichts gemacht”, erklärte der Beschuldigte. Auch sei von den Terroristen ein gewisser Druck ausgeübt worden. Hinrichtungen habe er nicht gesehen, aber Auspeitschungen habe er mitansehen müssen. “Ich bleibe dabei, ich habe nicht gekämpft.”

Von Wien-Floridsdorf nach Syrien

Allerdings hat er in Syrien die Bekanntschaft mit dem aus Wien-Floridsdorf stammenden Firas H. gemacht, der als IS-Propagandist agiert hatte. In seiner ersten Einvernahme erklärte der 17-Jährige, dass Firas H. nicht mehr am Leben sei. Oliver N. habe eine Zeit lang in Firas’ Haus gewohnt. “Firas war ein Kämpfer. Er wurde als Kämpfer ausgebildet und als Kämpfer eingesetzt”, sagte der 17-Jährige vor Gericht.

Während seines Aufenthalts habe er regelmäßig Drohnachrichten an Freunde und Arbeitskollegen verschickt, wirft ihm Staatsanwältin Schön vor, auch soll er an IS-Propagandavideos beteiligt gewesen sein. In einem auf Youtube hochgeladenen Video, das im Gerichtssaal vorgespielt wurde, sagte er u.a.: “(…) und ich will euch dazu einladen, auch die Kufar (die Ungläubigen, Anm.) zu schlachten.” Zwei Freundinnen wollte er dazu bewegen, dem IS beizutreten und zu ihm nach Syrien zu kommen. Ein weiteres Mädchen heiratete er sogar über den Kurznachrichtendienst Whatsapp und wollte mit ihr in Syrien eine Familie gründen, gab er zu.

17-jähriger IS-Heimkehrer vor Gericht

Nach drei Monaten bei den Terroristen erlitt der Bursche bei einem Bombenangriff auf Raqqa schwere Verletzungen. “Milz weg, Niere weg, Teile des Lungenflügels und des Magens weg, der Darm zerfetzt”, beschrieb Anwalt Wolfgang Blaschitz die Verwundungen. Bei dem Anschlag wurde auch seine Frau verletzt. Als er über zwei Monate im Spital lag, habe sich sein Mandant von dem IS abgewendet und seinen Vater um Hilfe ersucht. Im März diesen Jahres kehrte der 17-Jährige nach Wien zurück.

“Wie ernsthaft ist die von Ihnen behauptete Abwendung (von IS, Anm.)?”, fragte der beisitzende Richter Norbert Gerstberger. Denn Staatsanwältin Schön berichtete in dem Verfahren von Kontakten des Angeklagten mit einem ebenfalls wegen Terrorverdachts einsitzenden Tschetschenen während seiner U-Haft. Oliver N. sei ein Heimkind, das “Zeit seines Lebens nach einer Familie gesucht hat”, das sein ein “gefundenes Fressen und Nährboden für Scharlatane” gewesen, sagte sein Anwalt.

Die Verhandlung wird am Mittwoch, den 15. Juli mit den Ausführungen von Gerichtspsychiaterin Gabriele Wörgötter fortgesetzt. Da soll auch ein Urteil erfolgen, dem Burschen drohen bis zu fünf Jahre Haft.

(APA)

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