ÖFB-Teamchef Marcel Koller: “Nur mit Freundschaft und coolen Sprüchen wird es nicht reichen”

Marcel Koller bleibt dem ÖFB zumindest für ein weiteres Jahr erhalten.
Marcel Koller bleibt dem ÖFB zumindest für ein weiteres Jahr erhalten. - © APA/Hans Klaus Techt
ÖFB-Teamchef Marcel Koller über seine Vertragsverlängerung, die EM in Frankreich und “Ausreden, die ich so nicht stehenlassen würde”.

Die Spekulationen um den Posten des österreichischen Teamchefs haben früher als erwartet ein Ende gefunden. Marcel Koller verlängerte am Dienstag seinen Vertrag bis zumindest Ende 2017 und sprach danach im Interview mit der APA unter anderem über seine bisherigen Erlebnisse beim ÖFB und die Erwartungen bei der bevorstehenden EM in Frankreich.

Frage: Wie sieht Ihr Resümee zu Ihrer bisherigen Amtszeit aus?

Marcel Koller: Highlights gab es viele. Es war sehr erfreulich, wie wir uns weiterentwickelt haben. Das einzige Problem war, dass es relativ langsam ging. Negativ war 2013 das WM-Quali-Aus in Schweden ein paar Minuten vor Schluss. Dort haben wir eine sehr gute erste Hälfte gespielt, konnten das aber in der zweiten Hälfte nicht mehr umsetzen. Doch daraus haben wir wiederum etwas Gutes mitgenommen, nämlich dass gute 45 Minuten eben nicht reichen, und dann haben wir letztes Jahr in Russland 1:0 geführt und zehn Minuten vor Schluss noch Pressing vor dem gegnerischen Tor gemacht. Es hat auf jeden Fall viel mehr Positives als Negatives gegeben.

Wie sah der Entscheidungsprozess aus, der schließlich zur Vertragsverlängerung führte?

Es gab zunächst einmal Gespräche über das Betreuerteam. Ich wollte, dass es zusammenbleibt. Wichtig für mich war auch die Altersstruktur des Teams und wie die Perspektive ausschaut. Ich weiß ja nicht, ob drei, vier Spieler nach der EM ihre Teamkarriere beenden. Ich denke aber, dass es nicht so sein wird. Wir mussten uns auch im Finanziellen einig werden, und wenn das alles passt, können zwei Partner zusammenkommen.

Inwieweit hat der Wunsch von Spielern und Fans, dass Sie den Vertrag verlängern, eine Rolle gespielt?

So etwas nimmt man natürlich mit dazu. Es ist angenehmer, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die mit meiner Arbeit zufrieden sind.

Sie werden derzeit in Medien und Internet-Foren als “Nationalheld” bezeichnet. Gibt es die Befürchtung, dass Ihre Beliebtheitswerte bei Misserfolgen in den kommenden Monaten schnell wieder sinken könnten?

Dieses Risiko ist immer da. Ich kann keine Siege garantieren, nur alles dafür tun, dass wir sie erreichen. Dazu brauche ich die Spieler, das Betreuerteam und den ÖFB. Wenn alle gut arbeiten, wissen wir immer noch nicht, ob wir gewinnen. Aber das Wichtigste ist, vollen Einsatz abzuliefern, und das werde ich weiter tun. Was passiert, wenn ich verliere, darüber mache ich mir keine Gedanken.

Liebe Fans, es freut mich ausserordentlich, meine Vertragsverlängerung mit dem ÖFB bekanntgeben zu können – zusammen wollen wir diesen bisher so erfolgreichen Weg weitergehen!#teamchef #nationalteam #oefb #vertragsverlängerung #austria #immerwiederoesterreich

Posted by Marcel Koller on Dienstag, 15. März 2016

Ist durch die Vertragsverlängerung eine Rückkehr zur Arbeit als Klubtrainer passé?

Das kann ich jetzt noch nicht sagen, das ist auch abhängig von der Gesundheit. Jetzt könnte ich mir das noch vorstellen, aber in eineinhalb Jahren kann es wieder anders ausschauen.

Was würden Sie gerne nach dem Ende Ihrer Amtszeit in österreichischen Zeitungen über sich lesen?

Das ist nicht meine Aufgabe, sondern die der Journalisten. Ich würde das nehmen, was dort steht und habe keine Wünsche.

Sie könnten der österreichische Teamchef mit den meisten Länderspielen nach 1945 werden. Sind solche Meilensteine ein Antrieb für Sie?

Mein einziger Antrieb ist, erfolgreich zu sein und Spiele zu gewinnen. Es geht nicht darum zu sagen, ich war jetzt sechs Jahre beim ÖFB. Als Trainer muss man erfolgreich sein, nur mit Freundschaft und coolen Sprüchen wird es nicht reichen.

Wie definieren sie Erfolg im Hinblick auf die EM in Frankreich?

Man kann auch kleine Schritte als Erfolg nehmen, zum Beispiel, dass wir uns für die K.o.-Phase qualifizieren. Dann hängt es auch davon ab, welchen Gegner man bekommt. Mit ein bisschen Glück kann man weiterkommen, mit ein bisschen Pech ausscheiden.

Die anstehenden Länderspiele gegen Albanien und die Türkei gehören zu den letzten Chancen, vor der EM noch etwas auszuprobieren – sind da Resultate beinahe nebensächlich?

Resultate sind nie nebensächlich. Es ist immer wichtig, gute Ergebnisse zu erzielen. Man hat gewisse Ideen, aber die Erfahrung zeigt, es kommt meistens etwas anderes raus als man vorher geplant hat. Wichtig ist jetzt, dass wir die Spieler nach vier Monaten wieder sehen.

Sind die beiden Partien Testspiele oder schon EM-Generalproben?

Es ist eine Vorbereitung auf die Europameisterschaft, da soll sich jeder präsentieren. Auf uns warten zwei Gegner, die bei der EM dabei sind. Wichtig wird sein, nicht schlampig daherzukommen, sondern fokussiert zu sein. Wir sind derzeit die Nummer zehn der Weltrangliste und wollen das bestätigen. Das geht nur, wenn wir voll bei der Sache sind. Wir haben gezeigt, dass wir sehr fokussiert und konzentriert spielen können. Da wäre es schade, wenn wir das nicht auf den Platz bringen, nur weil wir denken, das sind Testspiele.

Und jetzt…unser Kader für die Spiele gegen Albanien und die Türkei!

Posted by Das Nationalteam on Dienstag, 15. März 2016

Kann man davon ausgehen, dass Alessandro Schöpf der letzte Kader-Neuling vor der EM sein wird, sofern es nicht extremes Verletzungspech gibt?

Das kann ich nicht versprechen, aber ich kann es mir vorstellen. Wir kennen alle Spieler. Ich glaube nicht, dass einer aus der Asche aufsteigt, den wir noch nie gesehen haben und der sich durch die gegnerischen Reihen dribbelt und alles wegputzt, sodass wir ihn neu aufbieten müssen.

Nicht nur für die meisten Teamspieler, auch für Sie als Coach ist die EURO 2016 die erste große Endrunde. Holen Sie sich in diesem Zusammenhang Tipps von turniererprobten Trainern?

Grundsätzlich ist es nichts Anderes als bei Länderspielen, nur von der Zeit her ist es intensiver – wir sind nicht zehn Tage, sondern vier, sechs oder acht Wochen beisammen. Da ist es wichtig, dass jeder Spieler und Betreuer das Bewusstsein hat, zurückzustecken und Dinge beiseite zu schieben. Ich denke schon, dass ich das in den Griff kriege und nicht Hilfe von anderen brauche.

Könnte die mangelnde Turniererfahrung der Spieler ein Problem werden?

Anders ist nur, dass wir mehrere Spiele hintereinander haben. Da geht es dann auch um Regeneration. Aber der Fußball verändert sich nicht, und die Stadien sind so wie 100 andere auf der Welt. Die Spieler müssen nicht etwas Anderes als sonst spielen. Alles außen herum müssen wir in den Griff bekommen, dass die Spieler zum Beispiel gutes Essen haben und sich wohlfühlen. Aus meiner Sicht spielt die fehlende Erfahrung keine Rolle und kann kein Grund sein, dass man nicht Leistung bringen kann. Das wären Ausreden für mich, die ich so nicht stehenlassen würde.

Bei den Nationalteam-Fans herrscht derzeit gewaltige EM-Euphorie, wie auch die Zahl der Kartenbestellungen beweist. Ist diese Begeisterung gerechtfertigt?

Ich finde sie gerechtfertigt, und ich finde sie super. Es ist wichtig für die Leute, dass sie Freude haben können. Der eine hat was gegen Rapid, der andere gegen die Austria, aber am Nationalteam kann sich jeder im Land erfreuen. Wenn aber manche glauben, wir werden Europameister oder kommen ins Halbfinale, dann ist das ein bisschen übertrieben. Doch ich bin jetzt auch schon viereinhalb Jahre hier und weiß, dass sich der Österreicher gerne weiter sieht, als man ist.

Welche Auswirkungen könnten die großen Erwartungen auf die Mannschaft bei der EM haben?

Das ist dann vor Ort zu analysieren und zu spüren. Da ist rauszuhören, ob sie zum Beispiel in Interviews sagen, dass wir schon eine Runde weiter sind, bevor wir noch gespielt haben. Aber die Mannschaft ist realistisch, denkt von Spiel zu Spiel und will zuerst gut spielen, bevor man an die nächste Partie denkt.

(APA, Red.)

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