Occupy Vienna: Wutbürger frieren am Stephansplatz

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Der schneidend kalte Wind kühlte sämtliche Revolutionshitzen
Der schneidend kalte Wind kühlte sämtliche Revolutionshitzen - © vienna.at/Paul Frühauf
Als hätte die Finanzindustrie den Wettergott bestochen: Ausgerechnet zum 2012er Auftakt von Occupy Vienna verblies der schneidend kalte Wind am Stephansplatz sämtliche Revolutionsgelüste. 

Böse Zungen würden behaupten, dass wieder einmal nur die üblichen Berufsdemostranten am Sonntag am Stephansplatz waren. Doch auch der eine oder andere Spießer mit Kind, Pudel oder beidem mischte sich unter die rund 200 Demonstranten, die auf hübsch gebastelten Transparenten Veränderungen forderten. Welche, wurde zwar wieder einmal nicht verraten, die nebenberuflichen Demo-Kibitze jedoch wollten nur einen sehen: Roland Düringer, der seit seinem inzwischen legendären Auftritt bei Dorfers Donnerstalk als unfreiwilliges Sprachrohr der Occupy Vienna Bewegung fungiert. 

Düringer stellt klar

Genau diesen Anspruch stellte Düringer allerdings in seiner, oft von Zwischenrufen unterbrochenen, Rede klar. Er sei Schauspieler und kein Aktivist, die Wutbürger-Rede kein Statement, sondern ein mit der ORF-Rechtsabteilung abgesprochenes Programm gewesen. Von den Protestierenden forderte er “Mut statt Wut” und verwies darauf, dass Veränderungen nicht von heute auf morgen passieren. “Die Revolution”, so Düringer, “Da werden dann ein paar geköpft. Und nach kurzer Zeit ist das System wieder genau so, wie es bis dahin war. Revolution bringt nur andere an die Macht, die sich dann genau so aufführen wie die letzten Machthaber.” Den Occupy-Slogan von den 99 Prozent kann er nicht ganz nachvollziehen: “Wir sind 99 Prozent. Wenn wir die 99 Prozent sind, dann muss 1 Prozent schuldig daran sein, dass wir Probleme haben.” Der Kabarettist forderte statt Schuldzuweisungen Änderungen im Denken. Denn: “Wir sind das System – durch das, was wir jeden Tag machen. Der Mensch ändert sich durch das System nicht, der Mensch selbst muss sich ändern.”

Occupy sieht das anders

Während Franz Hörmann, mittelprominenter Geldsystem-Kritiker, noch für uneingeschränkte Einigkeit gesorgt hatte, ließ Düringer die Wellen der Empörung erstmal hochgehen, bevor er mit einigen gelungenen Beispielen – unvergesslich wohl die tätowierte Bankangestellte am Strand von Lignano, die vermutlich keine Verbrecherin ist – die Zuhörerschaft wieder auf seine Seite zog. 

Aufmerksamkeit wurde genutzt

Die Occupy-Bewegung ist inzwischen im Mainstream angelangt und zog daher auch andere Gruppierungen an, die fleißig Werbung für sich machten. Paul Weitzer von der Plattform “Wir sind Kirche” bat beispielsweise um Unterstützung beim innerkirchlichen Protest, und Anonymous-Aktivisten verteilte Flyer, um für die Webplattform du-bist-anonymous.de zu werben. Tierschützer Martin Balluch sprach über Menschenrechte und berichtete vom Gerichtsverfahren gegen ihn und andere Mitglieder des Vereins gegen Tierfabriken: Nur der Öffentlichkeit sei es zu verdanken, dass er aus dem Gefängnis entlassen und vor Gericht freigesprochen worden war. 

Occupy Vienna auch musikalisch

Die Pausen zwischen den Brandreden füllten Speaker’s Corner und der Wiener Protestrapper Kilez More, der seine Musik auch unentgeltlich im Internet als Allgemeingut zur Verfügung stellt. 

Düringer zu Occupy Vienna

vienna.at konnte dem sichtlich gestressten Roland Düringer einige Fragen zu seiner plötzlichen Prominenz in  Sache Occupy Vienna stellen. 

vienna.at: War es geplant, dass sie durch die Wutbürger-Rede zum Sprecher der Occupy Vienna Bewegung wurden? 
Düringer: Mich hat erst ein Freund auf den Hype im Internet aufmerksam gemacht. Ich bin Schauspieler, und als solcher habe ich die Rede im Fernsehen gehalten.

vienna.at: Als Kabarettist sind Sie ja quasi Nagelexperte. Haben Sie diesen besonders gut auf den Kopf getroffen?
Düringer: Ja, natürlich. Da tut sich unter der Oberfläche scheinbar mehr als man so mitkriegt. Es war die letzte Sendung Dorfers Donnerstalk, und wir wollten etwas Brandaktuelles machen. Das ist uns gelungen. Besser, als wir ahnen konnten. Wutbürger bin ich allerdings deswegen keiner!

vienna.at: Ärgert Sie das eigentlich, dass man Sie zum Aushängeschild der Occupy-Bewegung gemacht hat? 
Düringer: Ich habe das ja selbst nicht gemacht, das wurde mir von wem anderen nachgesagt. Die Rede im Fernsehen war Programm. Wie ich das als Privatmensch sehe, habe ich hier gesagt. 

Occupy Vienna ist zufrieden

Nach Düringers Auftritt leerte sich der Stephansplatz rasch. Die Occupy Vienna Organisatoren sind jedoch zufrieden – und nächstes Mal ist vielleicht auch das Wetter für eine Revolution gemütlicher…

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