“Lettipark”: Judith Hermann veröffentlicht starken vierten Erzählband

Die deutsche Schriftstellerin Judith Hermann hat einen neuen Band mit Erzählungen geschrieben
Die deutsche Schriftstellerin Judith Hermann hat einen neuen Band mit Erzählungen geschrieben - © Fischer / APA/HANS PUNZ
Vieles bleibt offen und in der Schwebe, wenn vermeintliche Ereignislosigkeit in einprägsamen Szenen auf starke Bilder trifft. Judith Hermanns vierter Band mit Erzählungen trägt den Titel “Lettipark” und ist unser Buch-Tipp der Woche.

Viel passiert nicht in Judith Hermanns neuem Erzählband “Lettipark”. Es sind fast Stillleben, die von der Autorin gezeichnet werden. Eine Frau sitzt an einem Feuer. Dabei realisiert sie langsam, dass ihr Mann nicht zurückkommen wird. Zwei Freundinnen streichen die Wände ihrer gemeinsamen Studentenwohnung. Eine alte Frau sitzt auf ihrer Chaiselongue und lässt sich von ihrer Untermieterin vorlesen.

17 neue Erzählungen von Judith Hermann

Trotz dieser Ereignislosigkeit bleiben von diesen Szenen starke Bilder im Kopf. Man wird sich noch lange daran erinnern, wie die Frau am Feuer sitzt, wie die Freundinnen die Wohnung streichen. Und irgendwo dazwischen macht die Autorin in den 17 knappen Erzählungen die Schwierigkeiten zwischenmenschlicher Beziehungen sichtbar. Ihre Figuren sind mit ihr älter geworden. Sie sind mittlerweile um die 40, haben Kinder oder eben keine, zerbrochene Beziehungen oder eine, die gerade in die Brüche zu gehen droht.

Der Erzählband ist Hermanns vierter. Bekannt wurde die 46-Jährige 1998 mit ihrem Debüt “Sommerhaus, später”. Ein Bestseller wie der folgende Band “Nichts als Gespenster”, aus dem einzelne Geschichten verfilmt wurden. Zuletzt hatte Hermann einen Roman veröffentlicht: “Aller Liebe Anfang”. Es war ihr erster und bisher einziger Roman, die Kritik fiel eher schlecht aus. Ob dies nun der Grund für die Rückkehr zu Kurzgeschichten ist? Man kann getrost sagen, es ist so gleichgültig, wie es die Autorin in einem Interview der “FAZ” darstellt. Das Buch in die Hand zu nehmen, lohnt sich in jedem Fall.

Einprägsamer Stil mit kurzen/langen Sätzen

Hermanns Sätze sind übrigens nicht kurz. Sie waren auch nie kurz. Auch in “Sommerhaus, später” nicht. Irgendwo muss da ein Missverständnis entstanden sein, kurze Sätze gelten nämlich fast schon als Markenzeichen der Autorin. Hermanns Sätze sind genau genommen sogar sehr lang, manchmal ziehen sie sich über einen ganzen Absatz. Sie sind eine Aneinanderreihung von kurzen Sätzen, Halbsätzen oder nur Satzfetzen.

Hermann kommt aus Berlin und lebt nach wie vor dort. Ihre Erzählungen bleiben dieses Mal meistens zeit- und ortlos. Nur selten wird aufgelöst, wann und wo sie spielen. In der ersten Geschichte wird eine Kohlelieferung aufgeräumt – das kann heute auf einem Aussteigerhof in Brandenburg sein. Es kann genauso gut vor 50 Jahren in einer ganz anderen Ecke des Landes sein. Der titelgebende Lettipark könnte ein Park in Berlin sein – oder doch ganz woanders.

“Lettipark” wirft existenzielle Fragen auf

Diese gewisse Ankerlosigkeit zwingt dazu, aufmerksam zu lesen. Man kann sich nicht an Bildern aus der eigenen Erinnerung festhalten, kann die Geschichten nicht in einen (zeit)geschichtlichen Kontext einordnen. Man bleibt vielmehr Hermanns Beschreibungen ausgesetzt – aber das funktioniert gut.

Unbeantwortet bleiben auch die existenziellen Fragen, die Hermann aufwirft: Was geschieht, wenn wir jemandem begegnen? Wie nah können wir den Menschen sein, die wir lieben? Die Geschichten bleiben im Ungefähren. Der Leser kann selbst überlegen, ob die Ehe von Philipp und Deborah nach der Adoption von Alexej wohl zerbricht und warum die Mutter aus der letzten Erzählung eine Anzeige zum Tod eines ihr fast fremden Mannes geschickt bekommt. Hermann schreibt dazu in einer der Geschichten: “Es ging um all das, und darunter ging es sicher noch um etwas ganz anderes.”

Judith Hermann: “Lettipark”, S. Fischer Verlag, 192 S., 19,60 Euro

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(apa/red)

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