“Irma” von Tex Rubinowitz: Lockerungsübung gegen Literatursteifheit

"Irma" ist der neue Roman von Tex Rubinowitz
"Irma" ist der neue Roman von Tex Rubinowitz - © Rowohlt Verlag/APA
Aus dem Text des vergangenen Bachmann-Wettlesens, mit dem Tex Rubinowitz in Klagenfurt den Sieg einheimste, ist ein skurriles Buch um eine außergewöhnliche Persönlichkeit geworden: “Irma” ist unser Buch-Tipp der Woche.


Irma gibt es nicht – die seltsame Litauerin, die an Batterien lutschte, mit ihrem ersten Freund den denkbar ausgefallensten Sex praktizierte und mit ihrer ungewöhnlichen Persönlichkeit ihrem Autor Tex Rubinowitz vergangenen Sommer zum Bachmann-Preis verhalf.

“Irma” ist eine fiktive Figur

Nun hat der ausgezeichnete Humorzeichner ein ganzes Buch daraus gemacht, “aber Irma hat es doch nie gegeben”, verrät er darin seinem Lektor.

“Das ist doch egal, interessiert niemanden”, entgegnet der Lektor im Schlusskapitel von “Irma”. Da hat er recht, denn die Authentizitätsfrage ist bei einem Buch, das zwar nicht als “Roman”, aber auch nicht als “autorisierte Autobiografie” ausgeschildert ist, wohl nicht der Punkt, der für Scheitern oder Gelingen eines literarischen Textes ausschlaggebend ist. Andererseits liegt der Lektor auch mit seiner Vermutung richtig, dass man als Leser gern mehr von Irma erfahren hätte. Schließlich bringt ihre Freundschaftsanfrage per Facebook, 30 Jahre nach der kurzen, doch intensiven Beziehung kurz nach Rubinowitzens Ankunft in Wien, die Erinnerungsmaschine erst auf Touren.

Tex Rubinowitz: Kamerafahrt durch vermurkstes Leben

Doch Rubinowitz erzählt statt von Irma lieber von Tex. Da auch dieser Name ein Pseudonym ist, gibt es offenbar kein Problem mit zu viel oder zu wenig Distanz. “Irma” ist jedenfalls weder Tagebuch noch Erlebnisbericht aus erster Hand, sondern eine lange Kamerafahrt durch ein vermurkst wirkendes Leben, in dem sich Dichtung und Wahrheit, Fall und Zufall, Lust und Last zu einem bunten Wirrwarr vermischen, das selbst dem Erzähler mitunter seltsam vorkommt. Ohne groß über raffinierte Erzähl-Konstruktionen verbunden zu werden, reiht sich eine Episode an die andere, mal in Slapstickmanier, mal als Abenteuer eines traurigen Tramps, der mit Don Quixote ebenso verwandt scheint wie mit Buster Keaton oder Aki Kaurismäki.

Missbrauch und Gewalt im Roman

Also erfährt man von einem üblen Missbrauch im Alter von sieben Jahren und späteren Gewalterlebnissen, von “Massenquetsch”-Pausenfreuden zwischen Türstöcken als Höhepunkte der früh beendeten Schulzeit, von rascher Emanzipation von der Familie und verkorksten Frauenbeziehungen, von Trampen und Wohnen, von Literaturpreisehren für den allerersten Text und einem Einbürgerungsantrag in die DDR. Die Arbeit in der Joghurtfabrik hat der Erzähler Tex Rubinowitz ebenso genossen wie seine Militärzeit in der Bundeswehr als Bremsfallschirmpacker für Marineflugzeuge. Doch der scheinbar ausgetragene Skurrilitätswettbewerb wird immer wieder gekonnt mit Lakonie und Understatement unterlaufen.

Diskussionen mit dem Lektor

Es gelinge ihm nicht recht, jenen Schwebezustand herzustellen, der für die richtige Einschätzung der Szenen nötig sei, klagt er einmal seinem Lektor, so etwas wie eine Zwischenebene wäre fein. “Ich habe meinem Lektor vorgeschlagen, man könne doch den ganzen Irmaquatsch durchstreichen, aber stehenlassen. Er meinte nur, das sei unüblich.” Durchgestrichen ist nichts, aber unüblich genug sind auch die eingestreuten Zeichnungen des Künstlers Max Müller, die als unnotwendige Stimmungsverstärker fungieren.

Bachmann-Preis-Sieg nicht unumstritten

Die Bachmann-Preis-Entscheidung war durchaus umstritten. Als ganzes Buch ist “Irma” wohl nicht literaturpreisverdächtig. Doch als Lockerungsübung für einen mitunter allzu steifen, strengen, dogmatischen Literaturbetrieb eignet es sich hervorragend.

Tex Rubinowitz: “Irma”, Rowohlt, 208 S., 17,50 Euro

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