Fiaker-Interview zu Hitzefrei, Stadt-Wien-Verbot und Demonstrationen

Von Jennifer Schindl
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Fiakerin Katharina Fiedler mit ihren Pferden am Michaelerplatz.
Fiakerin Katharina Fiedler mit ihren Pferden am Michaelerplatz. - © VIENNA.at/Jennifer Schindl
Rund um Fiaker-Pferde entbrennt regelmäßig eine hitzige Diskussion um Verbote, um die Tiere zu schützen. VIENNA.at hat mit einer Fiakerin in der Wiener Innenstadt gesprochen um sich ein Bild der anderen Seite zu machen.

Bei großer Hitze leidet Mensch und Tier. Wer kann, sucht sich ein schattiges Plätzchen, um den sengenden Strahlen zu entgehen. Arbeitsbedingt kann der Mensch allerdings häufig nicht anders, als sich der prallen Sonne auszusetzen. Doch auch Tiere haben oft keine Wahl. Wir haben mit Katharina Fiedler, einer Fiakerin mit Standort Michaelerplatz/Stephansplatz über Hitzefrei-Forderungen, schlafende Demonstranten und Pferdeurlaub gesprochen.

VIENNA.at: Ist es wahr, dass die Pferde 365 Tage im Jahr arbeiten?

Katharina Fiedler: Nein, das ist definitiv nicht wahr. Kann auch gar nicht sein. Insgesamt gibt es 405 registrierte Fiakerpferde. Davon sind jeden Tag 124 im Einsatz. Das geht sich also gar nicht aus. Zusätzlich sind zwei freie Tage pro Woche vorgeschrieben. In unserer Firma gehen sich eigentlich immer drei freie Tage für die Pferde aus. Außerdem hat jedes Pferd zwei bis vier Monate Urlaub im Jahr – je nach Bedürfnis des Pferdes. In dieser Urlaubszeit werden sie aufs Land gebracht. Dort können sie auf der Weide entspannen.

Viel Kritik hagelt es seitens der Bevölkerung zur Nutzung von vielbefahrenen Straßen – warum sieht man immer wieder Pferde den Gürtel entlang fahren, gibt es da keine Alternative?

Den Gürtel entlang fährt niemand. Es gibt Stallungen im 17. und 18. Bezirk – um diese zu erreichen muss der Gürtel überquert werden bzw. ein ganz kurzes Stück von etwa 20 Metern entlang gefahren werden. Die Pferde sind darauf trainiert und haben kein Problem damit. Mit Touristen fährt jedenfalls niemand am Gürtel spazieren.

Es gibt Gerüchte, dass manche Pferde in Wiener Kellern “geparkt” werden – gibt es solche schwarzen Schafe?

Es gibt zwei oder drei Kellerstallungen in Wien. Insgesamt gibt es in der Stadt etwa 25, das ist also ein Bruchteil des Gesamten. In Kellerstallungen geht es den Tieren aber gar nicht unbedingt schlechter – im Sommer, beispielsweise, ist es dort sogar wesentlich kühler und angenehmer für die Pferde. Es ist auch nicht so, dass die Tiere dort “geparkt” werden, das sind große, ausgeräumte Keller, in denen sich Pferdeboxen befinden. Die sind hoch genug, gut durchlüftet und haben Fenster zur Straße oder zum Innenhof. Die meisten Fiakerunternehmer sind aber ohnehin drauf und dran, darauf umzusteigen, die Pferde im Hof oder auf großflächigen Arealen zu halten, auf denen Koppel- und Weideflächen vorhanden sind. Die Kellerboxen werden heute nur noch bei akutem Platzmangel verwendet.

Handelt es sich bei den Fiaker-Pferden tatsächlich um Landwirtschafts- oder Sport-Tiere, die ausgedient haben und sonst schon auf der Schlachtbank gelandet wären?

Zum Teil ja. Bei Trabrennen werden z.B. Pferde schon mit etwa 3 Jahren ausgemustert, wenn sie nicht schnell genug sind. Gesundheitlich sind sie aber topfit. Im Wagen sind die Pferde sehr brav und auch relativ schreckfrei, weshalb sie sich für die Stadt wunderbar eignen. Der andere Teil wird jung gekauft, selbst ausgebildet und wenn sie dann alt genug sind, werden sie langsam an den Straßenverkehr gewöhnt. Zuerst wird am Land ausgefahren, dann in Schönbrunn, wo nicht so viel Verkehr ist, und schließlich in der Stadt. Meistens kombiniert man dann ein junges mit einem älteren, erfahrenen Pferd.

Wie ist eure Meinung zu einem Stadt-Wien Verbot für Fiaker?

Schlecht natürlich – wir leben alle von und mit unseren Pferden und ich denke, so wie wir das Fiakerfahren betreiben, ist es auch gerechtfertigt. Wir haben strenge Kontrollen und tun alles, um den Betrieb so tierfreundlich wie möglich zu gestalten. Im Vergleich zu anderen Ländern sind wir sowieso um Welten voraus.

Sieht die Meinung zu hitzefrei für die Pferde anders aus?

Nicht wirklich. Wir stehen zu 60 bis 70 Prozent des Tages im Schatten mit den Tieren, denn ab Mittag steht fast überall Schatten zur Verfügung. Wir kühlen die Pferde und sie bekommen nach jeder Rundfahrt so viel Wasser wie sie möchten. Es ist ein Irrglaube, dass nicht auf allen Standplätzen Wasser zur Verfügung steht. Außerdem verkraften die Pferde die Hitze meist um einiges besser als die Kutscher – es kommt wesentlich öfter vor, dass ein Kutscher kollabiert, als dass ein Pferd kollabiert.

Vor Kurzem erst haben Tierschützer mittels Sleep-in mit Pyjamas und Schnullern am Stephansplatz demonstriert – was denkt man sich da als Fiaker?

Eigentlich fanden wir das ziemlich lustig. Die Demonstranten sind den ganzen Tag in der Sonne gelegen, während wir mit den Pferden im Schatten gestanden sind. Die Art und Aufmachung war, meiner Meinung nach, etwas übertrieben.

Gibt es Angst vor einer tatsächlichen Umsetzung der Verbote?

Ja, schon. In der heutigen Zeit werden Tiere nun einmal nur noch als Streicheltiere gesehen. Die Menschen werden nicht mehr aufgeklärt über Pferde und Kühe als Nutztiere. All die Tiere auf eine Weide zu stellen ist unrealistisch – das kann nicht finanziert werden. Ja, wir haben Angst vor einer Umsetzung der Verbote, gerade durch solche Argumente, die für Leute, die sich weniger auskennen recht plausibel klingen.

Unsere User haben u.a. vorgeschlagen, den Fiaker-Betrieb ins Grüne zu verlegen, wie beispielsweise in Wien auf den Prater zu begrenzen – ist das ein realistischer Vorschlag?

Nicht wirklich, es kommen nicht halb so viele Touristen in den Prater, als in die Innenstadt. Die Innenstadt kann mit allerlei Sehenswürdigkeiten aufwarten – der Prater geht sich bei vielen bei einem Kurztrip gar nicht aus. Außerdem gibt es insgesamt 58 Fiakerkutschen in Wien, die täglich im Einsatz sind, da wäre der Prater dann ziemlich verstopft. Zudem ist die Hauptallee eine Gerade mit lauter Bäumen, da gibt es nicht viel zu sehen – der Grundgedanke beim Fiakerfahren ist ja die Kombination von Tradition mit umweltfreundlichem Sightseeing, also ich fürchte, das würde nicht wirklich in Anspruch genommen werden.

Sorgen sich die Fahrgäste um das Wohl der Tiere? Äußern sie sich dazu?

Einige fragen nach. Manche sogar schon vor Fahrtantritt. Nachdem ich ihnen dann erkläre, wie alles rund um Haltung, Urlaub, freien Tagen und tierärztlichen Kontrollen funktioniert, sind alle beruhigt. Gerne zeige ich auch Fotos von der Haltung her. Also es hatte noch niemand ein schlechtes Gefühl, der mit mir und meinen Pferden mitgefahren ist.

Werden Fiakerunternehmer kontrolliert?

Ja! Laufend. Es gibt eine halbjährliche Großkontrolle vom Magistrat und angekündigte tierärztliche Kontrollen. Zwischendurch werden auch unangekündigte tierärztliche Kontrollen durchgeführt, genauso wie unangekündigte Kontrollen vom Magistrat.

Gibt es noch etwas, das Sie gerne los werden würden?

Es werden so oft Falschmeldungen verbreitet. Eine Tierschutzorganisation hat beispielsweise vor Kurzem behauptet, es wäre ein Pferd am Stephansplatz kollabiert. Ein interessierter Passant hat daraufhin bei der Polizei nachgefragt, ob es dem Tier denn schon besser ginge – die Polizei wusste davon jedoch nichts, woraufhin bei den Fiakern nachgefragt wurde, die ebenfalls nichts davon wussten. Die Polizei hat die Tierschützer daraufhin aufgeklärt, dass eigentlich ziemlich hohe Geldstrafen auf die Verbreitung von falschen Begebenheiten stehen. Danach war es sehr ruhig um den vermeintlichen Zwischenfall.

Es wurde auch einmal ein Bild an die Medien weitergeleitet. Dazu geschrieben wurde, es handle sich um ein kollabiertes Pferd. Tatsächlich ist das Tier bloß auf den Gleisen ausgerutscht und war sofort wieder auf den Beinen. Genauso wie es uns Menschen manchmal “auf die Schnauze haut”, passiert das eben auch Tieren, ohne dass etwas Schlimmeres dahinter steckt.

Genau solche Gerüchte führen dazu, dass die Menschen Fiaker-Verbote fordern. Es gibt jedoch sehr viele, die mit dieser Arbeit ihre Familie ernähren. Den Fiaker-Betrieb zu verbieten, würde ganze Existenzen zerstören. Oft wird das Wohl der Tiere weit über das der Menschen gestellt, obwohl wir wirklich unser Bestes geben, damit es den Pferden gut geht.

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