Das nationalsozialistische Wien: Ein Blick auf die Stadt im Zeichen des Hakenkreuzes

Von Verena Kaufmann
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Gestützt auf Zeitzeugengespräche zeichnen die Autoren ein Bild von der Stadt im Zeichen des Hakenkreuzes.
Gestützt auf Zeitzeugengespräche zeichnen die Autoren ein Bild von der Stadt im Zeichen des Hakenkreuzes. - © Wikimedia Commons/Molden Verlag/Privat
“Anschluss” anno 1938: Aus Wien wird “Groß-Wien”, der monströse Partei- und Verwaltungsapparat der Nationalsozialisten bemächtigt sich der Stadt. Was in den darauffolgenden Jahren geschieht gehört zur dunklen Vergangenheit der Stadt, die von Niedertracht, Hass und ideologischer Verblendung geprägt ist. Unser Vintage-Buchtipp widmet sich dem Abgrund der “braunen Revolution”, einem Wien, das ganz im Zeichen des Hakenkreuzes stand.

“Ein Volk! Ein Reich! Ein Führer!”: Am 20. April hätte Adolf Hitler seinen 128. Geburtstag gefeiert. Seine Person wurde sakralisiert, seine Versprechen hochgepriesen. Doch das sogenannte “Dritte Reich” wird sich für viele Menschen als Reich des Terrors und des Todes erweisen. Was dabei manchmal vergessen wird: Wien war das erste Exerzierfeld des Holocausts, hier wurde der industrielle Massenmord entwickelt und später in andere Länder “exportiert”.

Gleich zu Beginn des Buches “Das nationalsozialistische Wien” halten die Autoren Robert Bouchal und Johannes Sachslehner fest, dass der Rückblick auf diese Zeit keinesfalls nostalgisch oder wehmütig-sentimental ist. Es ist ein Blick in den Abgrund menschlicher Niedertracht und Gemeinheit, von Hass und Habgier, geschuldet durch ideologische Verblendung, Mythen und Ressentiments.

Wien im Brennpunkt der NS-Herrschaft: Mörder, Mitläufer und Opfer

Gestützt auf Zeitzeugengespräche zeichnen die Autoren nach und nach ein Bild von der Stadt im Zeichen des Hakenkreuzes. Sie besuchen Orte des Grauens und erzählen von Profiteuren, Handlangern und Mördern, von Mitläufern und Opfern. Eine Reihe bisher nicht veröffentlichter Fotos und Dokumente aus Privatbesitz erlauben einen Blick in den Alltag und das Leben unter dem Hakenkreuz.

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Burgtor und Heldenplatz als Bühne für die Botschaft des Hakenkreuzes – Foto: privat

Den “Anschluss” im Jahre 1938 können viele Wiener kaum erwarten: Das blutrote Tuch mit der Swastika liegt längst in zahlreichen Schubladen der Stadt, Armbinden und Uniformen tauchen wie aus dem Nichts auf. Die Zukunft des National-Sozialismus scheint unaufhaltbar. Für viele bleibt zu diesem Zeitpunkt nur mehr ein Abschied für immer, um dem grausamen Regime zu entfliehen. Jüdische “Reibpartien” und der “Judenstern” zählen fortan zum Wiener Stadtbild, pogromartige Gewaltorgien, Enteignungen und Hausdurchsuchungen prägen den Alltag vieler Menschen.

Die dunkle Geschichte des Aspangbahnhofs und des Wiener Landesgerichts

Viele Orte werden zu Brennpunkten der NS-Herrschaft, so auch der Wiener Aspangbahnhof. Mit der NS-Machtübernahme spielte die Verkehrsstation eine wichtige Rolle in der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Ab 1939 wurde hier die Deportation von Juden abgewickelt, bis 1942 gingen hier zahlreiche Züge ab, die die Menschen zuerst in die sogenannte Auffanglager von Rest-Polen, später nach Theresienstadt, und von diesen weiter unter anderem in die Vernichtungslager Auschwitz, Treblinka oder Maly Trostinez transportierten. Dort fand die große Mehrheit der Opfer den Tod, denn von mehr als 47.000 Deportierten kamen nur rund 1.000 Menschen zurück.

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Der Gedenkraum in der Hinrichtungsstätte im Landesgericht – Foto: Robert Bouchal

Ein weiterer Ort des Grauens befindet sich im Wiener Landesgericht. Im Erdgeschoss des Gebäudes wurden insgesamt 1.210 Menschen unter dem NS-Regime exekutiert, wegen Witzen oder politischem Widerstand. Jede einzelne Hinrichtung wurde dabei akribisch festgehalten und dauerte meist nur wenige Sekunden. Sobald das Urteil verlesen war, wurde es auch blitzschnell vollstreckt: “Von hinten legte sich eine Hand über die Augen des Opfers, links und rechts packten kräftige Hände zu, im Laufschritt ging es nach schneller Beiseiteschiebung eines Vorhangs durch eine offene Tür in einen waschküchenähnlichen Raum, und schon hallte durch das Gerichtszimmer und weithin durch den Korridor des Armesündertraktes der dumpfe Aufschlag des niedersausenden Fallbeils.” (Hans Rieger, Das Urteil wird jetzt vollstreckt.) Heute erinnert eine goldene Tafel mit zahlreichen Namen und dem Appell “NIEMALS VERGESSEN – SEID WACHSAM!” an die Todesmaschinerie in Wien.

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Stolpersteine erinnern auch in Wien an die Opfer des Holocausts – Foto: Robert Bouchal

Wien am Abgrund: Notwendige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit

Fazit: Das Buch leistet definitiv einen großen Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung der Österreicher. Ein Blick in das Buch ist ein unangenehmer aber nötiger Einblick in die Vergangenheit von Wien. Während einige Geschehnisse und Orte durchaus bekannt sind, sorgen persönliche Geschichten von Zeitzeugen und Überlebenden über die Gräueltaten, die ihnen angetan wurden, für Gänsehaut. Das erlebte Leid und die Angst vor dem Tod können nur erahnt werden, umso wichtiger ist es für uns Nachgeborenen, sich damit auch aktiv auseinanderzusetzen. Es geht hierbei letztlich um die Auseinandersetzung mit der Frage nach Schuld und Sühne und wie es dazu kommen konnte, dass einstige Nachbarn und Freunde durch die Indoktrination von Parolen und Phrasen plötzlich glaubten, zu einem “besseren” Volk zu gehören.

Für alle, die nun ebenfalls mehr über die dunkle NS-Vergangenheit der Stadt und die Geschehnisse im damaligen “Groß-Wien” erfahren möchten: Das Buch “Das nationalsozialistische Wien” ist in allen Buchhandlungen und versandkostenfrei auf www.styriabooks.at erhältlich.

Außerdem gibt es die Möglichkeit, mehr über die Autoren und ihre Recherchearbeit bei folgenden Buchpräsentationen zu erfahren:

Donnerstag, 01. Juni, 18.30 Uhr: Hintermayer, Neubaugasse 29, 1070 Wien
Donnerstag, 08. Juni, 19.00 Uhr: Kral, J.-F.-Kennedy-Platz 2, 2560 Berndorf

Buchtipp:

Das nationalsozialistische Wien. Orte, Täter, Opfer.

Verlag: Molden Verlag

Autoren: Robert Bouchal und Johannes Sachslehner

ISBN: 978-3-222-15002-9

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