Beeindruckendes Romandebüt: Anna Baars “Die Farbe des Granatapfels”

"Die Farbe des Granatapfels" ist der erste Roman von Anna Baar
"Die Farbe des Granatapfels" ist der erste Roman von Anna Baar - © APA/GERT EGGENBERGER / Wallstein Verlag
Die junge Autorin Anna Baar fand mit einem Auszug ihres Debütromans beim Wettlesen um den Bachmann-Preis 2015 zwar viele Anhänger, ging aber letztlich ganz ohne Auszeichnung heim. Nun ist ihr beeindruckendes Buch erschienen – und stürmte die ORF-Bestenliste. “Die Farbe des Granatapfels” ist unser Buch-Tipp der Woche.

Eine Fehlentscheidung der Jury, die vor einem Monat in Klagenfurt fiel, wie nun klar wird: Das Buch der Klagenfurterin Anna Baar ist soeben erschienen, beeindruckt auf ganzer Linie und hat sich auch sofort an die Spitze der ORF-Bestenliste gesetzt.

Kindheitserinnerungen von Anna Baar

2011 gewann die Kärntnerin Maja Haderlap mit “Engel des Vergessens” den Bachmann-Preis. “Die Farbe des Granatapfels” ihrer Landsfrau Baar erinnert im mancher Hinsicht an diesen zu Recht gefeierten Roman, der am 8. September im Burgtheater zur Uraufführung kommt. Kindheitserinnerungen vermischen sich auch hier mit der Aufarbeitung einer Vergangenheit, in der sprachliche Barrieren verteidigt statt überwunden werden. Diesmal ist nicht Slowenisch, sondern Kroatisch die Zweitsprache, anhand der politische, historische und familiäre Verwerfungen abgehandelt werden.

Anna Baar, 1973 in Zagreb geboren und in Wien, Kärnten und auf der Insel Brac aufgewachsen, fällt nicht mit der Tür ins Haus. Sie entwickelt ihre Geschichte langsam, auf leisen Sohlen. Was da allmählich entsteht, ein aus der Erinnerung heraufbeschworenes, bilderreiches Panorama aus intensiven Gerüchen, Geräuschen und Gefühlen, biedert sich nicht an, gibt sich spröde und abweisend. Erst wenn man sich vertraut gemacht hat mit dem Erzählrhythmus, der sein Thema mehr einkreist als vorantreibt, der keine Handlung im eigentlichen Sinn kennt, aber jederzeit und unvermutet Details Raum gibt, sich zu entfalten, dem öffnet sich der Reichtum dieser Prosa.

Vielseitiger Roman einer Jungautorin

“Die Farbe des Granatapfels” ist vieles zugleich: ein Coming-of-Age-Roman, in dem die Erzählerin das Aufwachsen eines Mädchens (meist “das Kind” genannt) schildert, bei dem die stets fern der Eltern verbrachten Sommermonate eine zentrale Rolle spielen; ein Beziehungsroman, bei dem die kleine “Anuschka” ihrer Großmutter Nada (Kroatisch für “Hoffnung”) in einer differenziert ausgeloteten und vielen altersbedingten Veränderungen und Wendungen unterworfenen Hassliebe verbunden ist; eine komplexe Sprachbiografie, in der der Konflikt zwischen der von der Großmutter als Feindessprache verachtete “Vatersprache” Deutsch und der vom Mädchen als fremd empfundenen kroatischen Mutter- und Großmuttersprache tiefe Spuren in der Heranwachsenden hinterlässt; eine Identitätssuche zwischen zwei als sehr unterschiedlich erlebten Kulturen; ein Stück Zeitgeschichte, in dem sich der Hass auf die früheren deutschen Eindringlinge über Generationen erhält und vom Tod Titos bis zum blutigen Zerfall Jugoslawiens große Ereignisse im Kleinen widerspiegeln.

Ein besonderes Buch: “Die Farbe des Granatapfels”

Das Besondere dieses Buches ist aber, dass es nicht mit langem epischen Atem prahlt, sondern seinen großen erzählerischen Bogen ganz zart aufspannt. Überall werden Querverbindungen zu den einzelnen Motivsträngen des Romans hergestellt, doch nie wird die Sprache zum bloßen Werkzeug. Anna Baar lässt sich nicht hetzen. Sie nimmt sich Zeit, sieht immer wieder genau hin, horcht nach und haltet inne, wo ein genaueres Ausloten von Stimmungen und Momenten Sinn macht. Das hemmt zwar mitunter den Erzählfluss, lässt jedoch enorm an Ausdruckskraft gewinnen, ohne sich in poetisierende Selbstverliebtheit zu verlieren. Man versteht, warum Büchner-Preisträger Josef Winkler das Buch “ein Roman-Sprachwerk sondergleichen” nennt.

“Die Farbe des Granatapfels” ist ohne Zweifel autobiografisch geprägt. Baars Mutter stammt aus Dalmatien, ihr Vater ist Österreicher. Als Kind verbrachte sie die Sommerferien jedes Jahr bei ihrer kroatischen Großmutter auf der Insel Brac, wo sie nicht deutsch sprechen durfte. Heimlich schrieb sie, um über den Sommer die Sprache nicht zu verlernen. In ihr erstes Buch sind immer wieder kroatische Sätze oder Begriffe eingewebt, der Erzählerin nah und fern zugleich.

Anna Baar geht auf Lesetournee

In Kroatien startet Anna Baar Mitte September auch ihre Lesetournee, ehe sie am 22. September im Salzburger Literaturforum Leselampe erstmals in Österreich liest. Auch ohne Bachmann-Preis darf man dem Buch und der Autorin gefahrlos eine große Zukunft voraussagen. “Die Farbe des Granatapfels” könnte zu einer der Modefarben dieses Herbstes werden.

Anna Baar: “Die Farbe des Granatapfels”, Wallstein Verlag, 320 S., 20,50 Euro

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(apa/red)

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