“Auf der Flucht”: Schwabeneder und El-Gawhary über die Flüchtlingskrise

"Auf der Flucht" behandelt die aktuelle Flüchtlingskrise
"Auf der Flucht" behandelt die aktuelle Flüchtlingskrise - © Kremayr & Scheriau / Manfred Weis / Manfred Weis
Über das Elend auf beiden Seiten des Mittelmeeres und die Flüchtlingskrise haben die ORF-Korrespondenten Mathilde Schwabeneder und Karim El-Gawhary ein gemeinsames Buch verfasst. “Auf der Flucht” ist unser Buch-Tipp der Woche.

60 Mio. Menschen sind derzeit weltweit auf der Flucht. Die ORF-Korrespondenten Mathilde Schwabeneder und Karim El-Gawhary widmen sich in einem gemeinsamen Buch Ausgangs- und Endpunkten dieser Völkerwanderung – und dem uns Europäern oft unbekannten Schrecken dazwischen. “Auf der Flucht” gibt aber auch erschütternde Einblicke in das Schlepperwesen und die Ohnmacht der Behörden gegenüber den Bossen.

“Auf der Flucht”: Ein Buch am Puls der Zeit

Die Autoren nähern sich dem Thema mit Reportagen von beiden Seiten des Mittelmeers an – und mit einer aus Großraming im oberösterreichischen Ennstal. Der Zeitpunkt der für das Buch hätte nicht besser gewählt sein können: Bilder von Familien, die nur mit dem Nötigsten über Bahngleise nach Österreich marschieren, haben zuletzt dramatisch vor Augen geführt, wie drängend das Problem ist. “Woher kommen die alle?”, mag sich manch einer fragen. Nicht nur aus den täglich in den Nachrichten vertretenen Krisenregionen, wird der Leser bemerken. In vielen afrikanischen Ländern ist es auch nicht viel besser, nur stehen sie nicht im medialen Fokus.

Traumatisierte Kinder, erschreckende Bilder

Dass Flüchtlinge in ihrer Heimat Dinge erlebt haben, die sich kaum jemand in Europa vorstellen kann, zeigen anschaulich die Zeichnungen syrischer Kinder im Libanon. Wo ein österreichisches Kind seine Familie oder eine idyllische Blumenwiese malen würde, sind hier Bomber, abgerissene Gliedmaßen, abgeschlagene Köpfe zu sehen, dazwischen ergießt sich ein Blutschwall. Spiegelbilder traumatisierter Seelen.

Karim El-Gawhary schildert Flüchtlingsschicksale, wie wir es von ihm gewohnt sind: stets mit menschlichem Fokus, nie moralisierend oder sensationslüstern. Letzteres wäre ohnehin völlig überflüssig, denn die Geschichten machen in ihrer Schlichtheit am meisten betroffen. So etwa jene der von IS-Schergen verschleppten Amscha, die in Mossul wie ein Stück Vieh für umgerechnet zwölf Euro verkauft wurde.

Mathilde Schwabeneder und Karim El-Gawhary über Schlepper

“Auf der Flucht” rührt streckenweise zu Tränen, ist aber keineswegs ein rührseliges Buch, vielmehr beinhaltet es etliche harte Fakten – etwa zum Geschäft der Schlepper und ihren perfiden Methoden. Die Grenzen zum Menschenhandel sind fließend. Handys von Flüchtlingen werden abgehört, um sie orten und überfallen zu können. Misshandlung, Vergewaltigung, Erpressung stehen an der Tagesordnung, rasch findet man sich auf einem Sklavenmarkt oder im Bordell wieder. Obwohl den Behörden die Bosse teils namentlich bekannt sind, beißen sie sich wegen der Beziehungen dieser Leute die Zähne aus. Das macht Schwabeneder am Beispiel eines Schlepperrings deutlich, an den die sizilianische Ermittler einfach nicht herankommen – ebenso wenig wie an dessen in Dubai vermutete Kasse, in die monatlich etliche Millionen fließen dürften.

Flüchtlingskrise: Tragödien im Mittelmeer

Die Autorin widmet sich auch den Tragödien im Mittelmeer. Ein Blick nach Lampedusa relativiert vieles: Während im Rest Europas über Quoten, Zäune oder bürokratische Zuständigkeiten diskutiert wird, riskieren dort Freiwillige am offenen Ozean regelmäßig ihr Leben, um Flüchtlinge aus überfüllten Booten zu retten. Schwabeneder beschreibt die Traumata dieser Helfer. Sie werden noch im Schlaf von den Blicken Ertrinkender verfolgt, die ihnen aus den Händen gerutscht sind, weil sie so erschöpft und vom ausgelaufenen Diesel der Schlepperboote völlig glitschig waren.

Wohl als Klammer für die Reportagen aus den unterschiedlichen Weltgegenden gedacht ist eine weitere aus Großraming, wo man es vom Florianiprinzip zum bunten Miteinander mit den im Ort untergebrachten Flüchtlingen geschafft hat – zumindest weitgehend. Karim El-Gawhary, der in dem oberösterreichischen Alpendorf in die Rolle eines Lokalreporters geschlüpft ist, zeigt hier andere Probleme auf – etwa, wie Quartiergeber vom finanziell ansonsten klammen System profitieren. Aber das ist eine andere Geschichte…

Karim El-Gawhary, Mathilde Schwabeneder “Auf der Flucht”, Kremayr & Scheriau, 188 S., 22 Euro

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(apa/red)

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