1.000 verbotene Automaten in Wien: Verbot wird Stadtbild nicht verändern

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Der Experte geht davon aus, dass es in Wien 1.000 illegale Automaten gibt.
Der Experte geht davon aus, dass es in Wien 1.000 illegale Automaten gibt. - © dpa
Von vielen Suchtexperten wird das Verbot des Automatenglücksspiels in Wien begrüßt. Andreas Kreutzer sieht das anders: Statt das kleine Glücksspiel zu verbieten, solle es kanalisiert werden. Am Wiener Stadtbild werde sich vorerst nichts ändern, meint er.

Seit Jahresbeginn sind die rund 2.700 Automaten in der Bundeshauptstadt illegal, da die Stadt die bestehenden Lizenzen für ungültig erklärt hat. Der Verfassungsgerichtshof (VfGH) hat das am Donnerstag bestätigt.

Verschwinden alle Spielsalons aus Wien?

Dass nun Spielsalons, die in einkommensschwachen Bezirken ganze Straßenzüge säumen, einfach verschwinden werden, glaubt Kreutzer nicht. “Die Kabäuschen werden zwar zugesperrt, aber das Wettlokal bleibt, das Cafe bleibt, das Publikum bleibt”, so Kreutzer vom Beratungsunternehmen Kreutzer Fischer & Partner, das alljährlich eine Studie zum österreichischen Glücksspielmarkt vorlegt. Langfristig könne es schon passieren, dass das ein oder andere Wettcafe schließen müsse, weil es ohne Glücksspielautomaten zu wenig Geschäft macht.

Sportwetten bleiben legal

Sportwetten sind in Österreich nach wie vor legal, der Gesetzgeber sieht sie nicht als Glücksspiel. In Wien können Spielfreudige jetzt entweder in Wettsalons gehen oder ins Casino in der Kärntner Straße, wo über 200 Glücksspielautomaten stehen. Die Spielbankkonzessionen sind Bundessache, die Hauptstadt bekommt bald zwei zusätzliche Casinos – eines im Prater (Novomatic) und eines im Palais Schwarzenberg. Die Lizenzen sind aber noch nicht rechtskräftig, weil die bisherige Monopolistin, die Casinos-Austria-Gruppe, Rechtsmittel gegen die Vergabe an zwei Konkurrenten eingelegt hat.

Theoretisch dürften die Casinos Austria auch einen WinWin-Automatensalon in Wien errichten – die Lotterielizenz, die der Konzern ebenfalls innehat, würde dazu berechtigen. Im Jahr 2011, als die Diskussion um das Automatenverbot in Wien begann, hat der scheidende Lotterien-Chef Friedrich Stickler aber versprochen, freiwillig auf WinWin-Outlets zu verzichten, sollte die Stadtregierung einarmige Banditen verbannen.

Kreutzer kritisiert “Marktbereinigung”

Berater Kreutzer ist da skeptisch. “Im Grunde genommen ist das Vorgehen der Wiener Grünen eine Marktbereinigung, damit dann die Lotterien Salons eröffnen können”, sagte er im Gespräch mit der APA. Er kritisiert, dass die Grünen, vehemente Gegner des kleinen Glücksspiels, “immer nur gegen einen Konzern argumentieren und die Casinos/Lotterien außen vor lassen.” Für den Branchenkenner ist es auch “moralisch nicht wirklich einwandfrei”, dass in Salzburg und Tirol WinWin-Salons stehen, obwohl dort das Automatenspiel verboten ist. In den WinWin-Hallen stehen sogenannte Video Lottery Terminals (VLT), das sind zentral vernetzte Glücksspielautomaten.

Spielerschutz nicht im Fokus

Puncto Spielerschutz sieht Kreutzer “viel Aktionismus und wenig Substanz”. Würde man den Spielerschutz ernst nehmen, würde man wie in der Schweiz eine segmentsübergreifende Karte einführen, meint er. In Österreich sind die diesbezüglichen Bemühungen des Gesetzgebers versandet. Derzeit kocht jeder Betreiber seine eigene Suppe. Auch können suchtgefährdete Personen, die beispielsweise im Casino gesperrt wurden, einfach im nächsten Wettsalon weiterzocken.

Ganz zu schweigen vom illegalen Bereich, so Kreutzer. “Die Glücksspielanbieter werden Möglichkeiten finden, den Bedarf zu befriedigen”, ist er überzeugt. Schon jetzt stünden in Salons Computer oder Tablets, über die online gegambelt werden kann. Die Verringerung des Automatenangebots in Wien werde die Zahl der Spielsüchtigen nicht eindämmen; vielmehr würden diese nach Niederösterreich, auf Sportwetten oder eben in den illegalen Bereich ausweichen.

Trotz Verbot: 1.000 Automaten

Er rechnet damit, dass es in Wien a la longue 1.000 Spielautomaten geben wird – Verbot hin oder her. Auch in Salzburg und Tirol habe er zuletzt, im Jahr 2013, 650 bzw. 550 einarmige Banditen gezählt, obwohl diese dort illegal sind.

Dass das Casino in der Wiener Kärntner Straße nun mehr Umsatz macht, glaubt Kreutzer dagegen nicht. “Das haben wir untersucht. Das kleine Glücksspiel in Wien war sehr stark dominiert von Personen aus sozial niedrigen Schichten”, mit einem “unglaublichen” Migrantenüberhang. “Die würden bestenfalls in das Novomatic-Casino in den Prater gehen, aber das gibt es noch nicht.”

Sadt Wien entgehen 55 Millionen Euro

In der Spielsuchtdebatte bringt Kreutzer einen weiteren Punkt auf: “Wir haben eine Gesundheitsökonomie, die davon lebt, dass es Sucht gibt. In Österreich sind die Steuereinnahmen aus Suchtgebieten – Alkohol oder Tabak – weitaus höher als die Präventionsausgaben.”

Apropos Steuern: Der Stadt Wien entgehen durch das Verbot im Jahr rund 55 Millionen Euro an Einnahmen. Diese Summe hätte die Stadt unter Garantie bekommen, wenn es die höchste Anzahl an Automaten, wie sie im Bundes-Glücksspielgesetz (GSpG) festgelegt ist, erlaubt hätte. Bisher haben die Einnahmen aus der Automatenabgabe laut Kreutzer weniger als 50 Mio. Euro ausgemacht. Würde die Stadt neue Landeskonzessionen nach dem GSpG vergeben und dennoch weniger als 55 Mio. Euro einnehmen, müsste der Bund den Rest zuschießen. (APA)

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