Wiener über das Kriegsende: “Warum hören denn die Trotteln nicht auf?”

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70 Jahre Kriegsende - "Warum hören denn die Trotteln nicht auf?"
70 Jahre Kriegsende - "Warum hören denn die Trotteln nicht auf?" - © APA (Archiv)
Am 27. April 1945 proklamierte die provisorische Staatsregierung mit Karl Renner in Wien die “Wiederherstellung der Republik Österreich”. Damit war der Zweite Weltkrieg für die “Ostmark” im Grunde vorbei, auch wenn die Deutsche Wehrmacht erst am 8. Mai endgültig kapitulierte.

In den Köpfen vieler Menschen geschah das aber schon viel früher. Das meint der Zeitzeuge Günther Doubek im Rückblick. An den “Endsieg” habe nach sechs Kriegsjahren aller Propaganda des Nazi-Regimes zum Trotz fast niemand mehr geglaubt, erinnerte sich der heute 86-jährige Wiener im APA-Gespräch.

Wiener spricht über das Kriegsende

Vielmehr sei die Stimmung eher so gewesen: “Um Gotteswillen, warum hören denn die Trotteln nicht auf? Warum muss es noch 10.000 und 100.000 Tote geben, wenn man eh schon weiß, wie der Krieg ausgeht?” Man habe ja “nur eine Landkarte anschauen brauchen”, um zu sehen, dass die Alliierten letztlich die Überhand gewinnen würden. “Überhaupt nach der Invasion in der Normandie.” Das war im Juni 1944. Gekippt sei die Stimmung bereits mit der Niederlage bei Stalingrad 1943: “Man hat gesehen, dass man nicht gegen die ganze Welt Krieg führen kann.”

Dabei bediente der damals 16-jährige Günther als “Flak-Helfer” bis zum Ende “Fliegerabwehrkanonen” und schoss dabei sogar einen amerikanischen Tiefflieger ab. Ideologische Hintergründe gab es für den Eifer keine mehr, die ursprüngliche Begeisterung für die “Hitlerjugend” war längst abgeflaut. Auch, dass jene Kommandanten aus Waidhofen an der Ybbs, denen er als Luftwaffenhelfer unterstellt war, bis zuletzt linientreu blieben (“Das waren Nazis, die waren völlig irr”), sei nicht ausschlaggebend gewesen.

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Es ging schlicht ums Überleben: “Uns wurde gesagt: Jeder Flieger, den wir nicht abschießen, könnte eine Bombe auf unser Haus abwerfen.” Auch eigene Erfahrungen spielten eine Rolle: “Die amerikanischen Tiefflieger waren Berufskiller, richtige Mörder. Ich kann mich erinnern: In Tirol, Fliegeralarm, alle steigen aus den Postautobussen. Eine alte Frau mit Beinprothese, die gerade aus dem Spital geholt wurde, bleibt sitzen. Der Tiefflieger kommt und schießt den Bus in Brand, die Frau verbrennt. Wo war da ein Feind?”

“Alle Juden sind im KZ”

Oder: “Wir sind auf der Straße gegangen, auf einmal kommt ein Tiefflieger daher, da überholt uns ein alter Bauer auf einem Rad mit einem Hut und mit einer Pfeife im Mund. Wir haben noch geschrien, er soll in den Graben springen. Der Flieger dreht um und schießt. Ärger geht’s nicht mehr. Wie ich dann in Trient den Tiefflieger abgeschossen habe, habe ich mir einen Haxen ausgefreut.”

Dennoch hatte der Teenager trotz aller Indoktrinierung keine Sympathien für die Nazis mehr. Dazu hatte ein Erlebnis am “Schwadorfer Hügel” beigetragen: “Dort waren die Heinkel-Werke, Motorenneubau, mit kleinem Flugfeld daneben. Das mussten wir mitbewachen.” Doch war das Werk auch von Fliegerangriffen betroffen. “Dann ist einmal ein Lkw gekommen. Er hat Erde in einen Bombentrichter abgekippt.” Zwei Häftlinge in KZ-Kleidung (“Die haben ausgeschaut wie zwei Elendsfiguren”) mussten die Erde verteilen.

Einen davon erkannte Günther Doubek. Es handelte sich um einen jüdischen Nachbarn von früher. “Ich hab’ ihn gefragt: Warum sind Sie im KZ? Was haben’s denn getan? Da hat der andere auf seinen gelben Judenstern gedeutet und mit ungarischem Akzent gesagt: ‘Alle Juden sind im KZ'”. Bis dahin, 1944, sagt Günther Doubek, habe er nicht gewusst, dass auch Juden in Konzentrationslager deportiert wurden. “Ich habe gedacht, sie haben die Juden weggeschickt. Nach Palästina oder Amerika.”

Günther Doubek erzählte seinem Vater von dem Vorfall. Dieser stammte aus der Sozialdemokratie und war ein Gegner des nationalsozialistischen Diktators Adolf Hitler, auch wenn er sich in Gegenwart des Sohnes mit politischen Äußerungen eher zurückhielt. Diesmal aber nicht: “Er hat gesagt: Hör zu, das sind alles Irre oder Verbrecher. Und der Hitler ist der Oberirre und der Oberverbrecher. Er hat mir dann alles erzählt, was er über das KZ wusste. Es hat auch alles gestimmt.”

Über das Ende des Krieges

Obwohl dem Vater das gesamte Ausmaß der Nazi-Gräuel auch nicht bewusst war: “Eine Polin hatte ihm erzählt, dass es irgendwo einen Riesenofen gibt, in dem die Leichen verbrannt werden. Er hat ihr das gar nicht geglaubt, auch nicht, dass es überhaupt so große Öfen gibt. Aber er hat jedenfalls gemeint, dass das alles Verbrecher sind.”

Vor allem in den letzten Kriegswochen hätten viele Männer versucht, sich auf allen möglichen Wegen vor der Front zu drücken, blickt Doubek zurück. Er selbst schaffte es nicht, blieb bis zuletzt in Tirol im Kriegseinsatz. “Dann kann ich mich noch genau erinnern, wie in tiefer Trauer bekannt gegeben wurde, dass der Führer und oberste Befehlshaber an der Spitze seiner Truppen gefallen ist.” Hitler war tot, das “Dritte Reich” kurz darauf Geschichte. “Der letzte Abend war unvergesslich. Es waren Soldaten aus ganz Großdeutschland versammelt. Alle haben Lieder aus ihrer jeweiligen Heimat gesungen.”

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Doch war die Gesamtlage recht unübersichtlich. Günther Doubek und weitere Kameraden schlugen sich in den noch verschneiten Bergen von Trient in Richtung Norden durch. “Da steht ein Kollege auf und ruft, wir sollen alle her kommen. Wir haben vom Berg runter geschaut und auf der Kirche in Hall war die rot-weiß-rote Fahne platziert. Da haben wir gesagt: Burschen wir sind in Österreich. Es kann uns nichts mehr passieren.”

Von Hall in Tirol ging es zurück nach Wien. “Manchmal sind wir kurz mit dem Zug gefahren, aber hauptsächlich gegangen. Drei Wochen lang.” Als Günther Doubek zuhause ankam, wurde die Hauptstadt bereits von den “Vier im Jeep”, den Besatzungsmächten Sowjetunion, USA, Großbritannien und Frankreich kontrolliert. Doch ganz war der Friede noch nicht eingekehrt: “In der Hagenmüllergasse hat ein Bub aus dem Gemeindebau aus dem zweiten Stock leere Flaschen auf russische Soldaten geschmissen. Ein Russe hat ihn runterg’schossen.”

>> Die Geschichten Wiens

(Das Gespräch führte Edgar Schütz/APA)

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