Wiener Festwochen: Hyperreality mit zahlreichen Premieren

Die Wiener Festwochen wurden bereits eröffnet.
Die Wiener Festwochen wurden bereits eröffnet. - © APA (Sujet)
Die in Wien lebende iranische Musikerin Fauna wird erstmals ihr neues Album “Infernum” bei Hyperreality, dem Clubfestival der Wiener Festwochen, vorstellen. Für die Produktion ist die Künstlerin “beinahe gestorben”, wenn man nach den technoid-verfremdeten Worten geht, die sie anfangs an die Hörer richtet. Und das ist nicht die einzige Premiere, die die Besucher zwischen 24. und 26. Mai erwartet.

Fauna ergänzt das Eröffnungsangebot des von Marlene Engel kuratierten Festivals: Der erste Abend dient dabei gewissermaßen als Appetizer mit viel Qualität, stehen zunächst doch nur drei Auftritte an, bevor an den beiden folgenden Tagen mehrere Floors von Dutzenden Acts bespielt werden. Und so liegt es an Arca oder Aisha Devi, Lust auf das Kommende zu machen. Und natürlich Fauna: Unter diesem musikalischen Alias bietet Rana Farahani ebenso reduzierte wie prägnante Electroklänge, die schon mal “Unbehagen” evozieren wie im gleichnamigen Track. “The world I know is dangerous”, dröhnt es da zu harten Beats aus den Boxen.

Hyperreality mit Premieren allerlei Zuschnitts

Aber ein bisschen Gefahr hat noch nie geschadet, schon gar nicht im Techno-Umfeld, wobei Fauna ihr Spektrum keineswegs eng gesteckt anlegt, sondern allerlei Ausflüge an die verschiedenen Enden wagt. Da wäre auch der 80er-Pop von “Death Fly” zu nennen, höchst eingängig und die Tanzbeine bedienend. “Infernum” macht jedenfalls durchwegs Spaß, trotz teils düsterer Ästhetik. Denn Fauna versteht es, an den richtigen Stellen mit dem von ihr selbst Vorgelegten zu brechen, ohne sich um Konventionen zu scheren. Live wird der Sound von einem ganzen Ensemble zum Leben erweckt.

Dass Electric Indigo ein Debüt vorlegen kann, ist eigentlich überraschend. Denn immerhin gehört Susanne Kirchmayr schon seit bald 30 Jahren zur heimische DJ-Szene und ist aus dieser international höchst relevanten Abteilung kaum mehr wegzudenken. Trotzdem ist “511593”, vor wenigen Wochen erschienen, ihr erstes Album. Wer Electric Indigo kennt, weiß natürlich, dass hier höchst anspruchsvolle Sounds gekreuzt, überlagert und verschnitten werden. Wie das live klingt, konnte man schon das ein oder andere Mal vernehmen – und nun auch bei Hyperreality, wo Electric Indigo den zweiten Abend mitgestalten wird.

Hyperreality als “paradigmenfreier” Ort

Durchtanzte Nächte in ungewöhnlicher Umgebung: Bereits im Vorjahr gab es diese Kombination bei den Wiener Festwochen. Die Clubkultur-Schiene Hyperreality führt man auch im zweiten Jahr unter Intendant Tomas Zierhofer-Kin fort und hat dafür mit der ehemaligen Sargfabrik Atzgersdorf, nun als F23 firmierend, ein neues Zuhause gefunden. Hier verspricht man einen “weitgehend paradigmenfreien” Ort.

Jedenfalls will Kuratorin Marlene Engel ihr Festival im Festival, das von 24. bis 26. Mai über die Bühne geht, so verstanden wissen. “Also ein Ort, an dem sich alle gleichermaßen willkommen fühlen können, bei dem wenig vorangehende negative Erfahrungen oder Assoziationen vorhanden sind und sich jeder gleichermaßen orientieren muss”, erklärte sie gegenüber der APA. Schon bei der ersten Ausgabe, die im Schloss Neugebäude die Mauern erzittern ließ, verstand man sich darauf, Musik, Ästhetik sowie gesellschaftspolitische Inhalte in unkonventioneller Form zusammenzubringen.

Auch diesmal gebe es einen “Querschnitt aus globaler Clubkultur”, wobei so bekannte Namen wie Arca oder Kelela ebenso zu Gast sind wie das Label Qween Beat mit einem Showcase und etliche heimische Künstler. Insgesamt sei das Line-up “eine Setzung mit Musikerinnen, die in sich spannend und nicht homogen ist, aber trotzdem Sinn ergibt”, so Engel. Ein gemeinsamer Nenner sei “eine gewisse queere Haltung. Queer nicht im Sinne von sexuell oder anderen Zuschreibungen, sondern klar politisch.” Das Hyperreality hat bezüglich der Zusammenstellung jedenfalls so gut wie allen anderen heimischen Musikfestivals einiges voraus, wenn es um Ausgewogenheit und Vielfalt geht.

Festival im Festival: Programmierungsdiversität bei den Wiener Festwochen

Ein wesentlicher Bestandteil des Ganzen ist natürlich der Club als Ort, “an dem gesellschaftliche Zwänge und Mechanismen außer Kraft gesetzt werden”. Natürlich müssten das Betreiber und Gäste auch wollen, aber prinzipiell sieht Engel hier schon “eine gewisse Autonomie” vorherrschen, “in der wir uns nach innen selber strukturieren können, gesellschaftlich sowie politisch”. Zusätzliches subversives Potenzial ergebe sich schon alleine aus der “Diversität unserer Programmierung”, unterstrich Engel, die auch die zeitgemäße Musikszene als “Sprachrohr unserer Generation” definierte.

Folglich müsse man diesen Acts auch die entsprechende Bühne bieten, wobei die Ausprägungen “auch in der Musik nicht mehr auf nur eine Disziplin zu fassen” seien. Performance, Pop oder bildende Kunst – zunehmend werden die Übergänge fließend. Womit man letztlich wieder beim Freiraum Club wäre: “Hier kommen wir nicht nur ungefiltert zusammen, sondern die Erfahrung durch Dinge, die mit Selbstausdruck und Community zu tun haben, sowie interdisziplinäre Formate wie Visuals, Tanz oder Performance”, meinte Engel.

Und so gibt es pointierten Rap von Ebow (die übrigens auch als Teil des Kollektivs Gaddafi Gals zu erleben ist), präsentiert Electric Indigo Sounds ihres Debütalbums “511593”, lässt Meuko! Meuko! flüchtig anmutende Stimmfragmente auf knallige Beats treffen und tut sich die Engländerin Shiva Feshareki mit Organist Kit Downes zusammen, um mächtige Klangwände pulsieren zu lassen. Auch hier zeigt sich, wie weit das Feld bei Hyperreality beackert wird, wenn zeitgenössische Musik auf die Kraft des Elektronischen trifft. Neben dem Auftakt am 24. Mai, der mit drei Darbietungen im “Zusammenbau” bestritten wird, stehen also am 25. und 26. Mai lange Nächte mit verschiedenen Floors auf dem Programm. Hier wird die Nacht zum Tag gemacht.

>> Mehr Infos und Nachrichten zu den Wiener Festwochen

(APA/Red)

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