Wien Museum präsentiert Prater als anarchischen Ort sozialer Durchmischung

Der Prater von anno dazumal ist im Wien Museum zu sehen
Der Prater von anno dazumal ist im Wien Museum zu sehen - © Unbekannt Fotografie © Wien Museum / Leo Jahn-Dietrichstein Fotografie © Wien Museum
Das Wien Museum lädt anlässlich des 250 Jahre-Jubiläums des Wiener Praters zur Zeitreise durch das Vergnügungsareal. Eine chronologische Schau widmet sich dem ehemals kaiserlichen Jagdgebiet, das auch verruchte Seiten hat.

“Schön ist so ein Ringelspiel. Das is a Hetz und kost net viel!”, sang Hermann Leopoldi einst. Ein Ticket fürs Wien Museum kostet zwar ein paar Euro mehr, dafür bekommt man allerdings eine Zeitreise durch ein Vierteljahrtausend Vergnügen. Denn das Ausstellungshaus am Karlsplatz widmet anlässlich seines 250-jährigen Jubiläums dem – stets verruchten wie verklärten – Prater eine große Jubiläumsschau.

Kleinkriminalität und Prostitution im Prater

Um ein Charakteristikum des früheren kaiserlichen Jagdgebiets, das Joseph II. 1766 für die Bevölkerung öffnete, zu illustrieren, muss man gar nicht allzu weit in die Vergangenheit blicken. Vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war das Freizeitareal in der Leopoldstadt als Hort von Kleinkriminalität und Prostitution verschrien. Gleichzeitig galt in diesen Jahrzehnten ein Besuch im Wurstelprater für Firmlinge als Pflichttermin. Allein dieses Beispiel führt vor Augen, dass der Prater – die Bezeichnung kommt übrigens vom lateinischen “pratum” (Wiese) – immer schon und immer noch ein Ort der sozialen Nivellierung ist.

Museumsdirektor Matti Bunzl, bis vor kurzem im Brotberuf Kulturanthropologe, sprach bei der Presseführung am Mittwoch folgerichtig von “Liminalität” – ein Begriff aus der Wissenschaft, der einen Schwellenzustand von Gruppen durch Loslösung von festgefahrenen sozialen Strukturen und Ordnungen beschreibt.

Prater: “Anarchische” Vergnügungsstätte ohne Masterplan

Der Prater sei anders als etwa Disneyland eine organisch gewachsene, “anarchische” Vergnügungsstätte ohne Masterplan, eine Begegnungszone unterschiedlicher Klassen, ein Ort, “der nie heutig war”. Von Beginn an spielte man zugleich mit Nostalgie und Futurismus.

Die Zeit ist auch der Leitfaden der im Erdgeschoß angesiedelten Schau “In den Prater! Wiener Vergnügungen seit 1766”, die ab dem morgigen Donnerstag und bis zum 21. August zu sehen ist. Chronologisch schlängelt sich der Ausstellungsparcours durch die zweieinhalb Jahrhunderte. Vizedirektorin und Kuratorin Ursula Storch gliedert die Prater-Historie, die mit rund 650 Plakaten, Fotos, Filmclips und Original-Artefakten vom Ringelspielpferd aus 1880 über einen Watschenmann aus der Zwischenkriegszeit bis zu einem Autodromwagen aus den 1960ern aufwartet, in drei Abschnitte.

Wien Museum präsentiert Highlights aus 250 Jahren Prater

Teil eins erzählt die gut 100 Jahre dauernde Entwicklung bis zur Weltausstellung 1873. Während Aristokratie und Bürgertum die Hauptallee entlang defilierten, zog es das gemeine Volk in den Wurstelprater mit seinen ersten Buden und Fahrgeschäften. Die Schichten vermischten sich aber insofern schon damals, als entlang der Hauptverkehrsader drei Kaffeehäuser angesiedelt waren, die für alle zugänglich und leistbar waren. “Anders als in der Innenstadt durften auch schon Frauen in diese Cafes”, betonte Storch. Mit exotischen Tierschauen und Panoramen wollte man das Publikum locken. Wahre Massenevents waren Flugexperimente und Ballonfahrten sowie die regelmäßigen szenischen Feuerwerke, mit denen man “Sodom und Gomorrha”, aber auch Goethes “Faust” in Szene setzte. Hauptveranstalter dieser pyrotechnischen Spektakel war übrigens Johann Georg Stuwer – Namensgeber des Stuwer-Viertels.

Die Entscheidung, die Weltausstellung – ihr hat das Wien Museum 2014 eine eigene Mammut-Ausstellung gewidmet – am Wiener Prater-Gelände auszurichten, zog eine groß angelegte Modernisierung bzw. “Regulierung” des Areals nach sich. Alte Hütten wurden weggerissen, erste Wege asphaltiert, riesige Ausstellungshallen errichtet. Das sorgte schon damals für lautes Gejammere, wonach die gute alte Zeit für immer vorbei sei. “In Wahrheit hat damit die Blütezeit des Praters begonnen”, erklärte Storch. Die Anzahl der Buden wuchs von 87 auf 182, durch die vorangegangene Schleifung der Stadtmauer und die Verkehrsanbindung war das einstige ländliche Erholungsgebiet an die Stadt herangerückt und zum “Wiener Zentrum der Ablenkungen vom Alltag” (Storch) geworden.

“Venedig in Wien”: Riesenrad sorgte für Staunen

Neben einem begehbaren “Venedig in Wien” inklusive Paläste, Kanäle, Gondeln und bis zu 20.000 Besuchern am Tag sorgte die Eröffnung des – ursprünglich nur als temporäre Attraktion konzipierten – Riesenrads 1897 für Staunen. “Dieses ist auch ein gutes Beispiel dafür, dass der Prater wiederholt als Versuchsstation für technische Neuerungen diente”, so die Kuratorin. Der Vergnügungspark verfügte zudem über die erste elektrische Grottenbahn Europas (1898) und diente als Heimat der ersten Kinos. Exotismus und Voyeurismus – Stichwort: “Völkerschauen” und die Zurschaustellung “abnormer” Menschen – florierten in dieser zweiten Phase ebenfalls.

Sie endete mit dem Ersten Weltkrieg. Der Zusammenbruch der Monarchie, die Wirtschaftskrise und der Zweite Weltkrieg machten der Location ordentlich zu schaffen. Zur 200-Jahr-Feier 1966 gab es deutlich weniger Lokale als noch ein paar Jahrzehnte davor, Kinos und Theater waren ebenso verschwunden wie Zauberkünstler und Artisten. Flipper wie Automatenhallen und zunehmend hoch technisierte Adrenalin-Abenteuer traten an ihren Platz. Dank Glücksspiel- und Prostitutionsverbot sowie der Ansiedlung der neuen Wirtschaftsuniversität sei das Naherholungsgebiet auch heutzutage noch einem steten Wandel unterworfen, machte Storch deutlich.

Jüdische Vergangenheit: Im Wien Museum kein Thema

Den Aspekt der jüdischen Kultur im Zusammenhang mit dem Prater – in der historisch jüdischen Leopoldstadt gelegen – lässt das Wien Museum übrigens unbeachtet. Direktor Bunzl verwies in dem Zusammenhang auf die kommende Ausstellung “Wege ins Vergnügen. Unterhaltung zwischen Prater und Stadt” des Jüdischen Museums Wien, die am 16. März startet.

“In den Prater! Wiener Vergnügungen seit 1766” im Wien Museum am Karlsplatz, 10. März bis 21. August 2016, Katalog zur Ausstellung mit 168 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-7017-3395-8

(apa/red)

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