Wenn der Gestalkte zum Stalker wird: “Die Stunde zwischen Frau und Gitarre”

Von Daniela Herger
Clemens J. Setz hat einen in vielerlei Hinsicht wuchtigen Roman geschrieben
Clemens J. Setz hat einen in vielerlei Hinsicht wuchtigen Roman geschrieben - © Suhrkamp / APA/HERBERT NEUBAUER
Jungautor Clemens J. Setz legt mit “Die Stunde zwischen Frau und Gitarre” einen fabuliergewaltigen Roman vor, der vor lauter Fantasie nur so summt. VIENNA.at hat sich für Sie in das höchst spannende Buch vertieft.

Schon der Umfang des neuen Werkes des Grazer Autors Clemens J. Setz vermag zu beeindrucken. Über 1.000 Seiten geballte Erzählfreude liegen schwer in der Hand. Erstaunlich wenig sperrig ist jedoch das Lesevergnügen, das in dem Wälzer zweifelsohne zu finden ist.

Vielseitig-skurrile Setz-Protagonistin Natalie

Die zentrale Protagonistin Natalie Reinegger, um deren Gedanken, Wahrnehmungen, Ticks und Spleens das Buch kreist, beeindruckt als faszinierende, vielschichtige Romanfigur. Was sie tut, ist nicht immer logisch, oftmals skurril, zuweilen abstoßend – doch wie mit einem wahrhaft gelungenen Charakter üblich, ist es praktisch unmöglich, sich als Leser an ihrer Seite zu langweilen.

Mit einer sexuellen Neugier, die kaum ein Ekelempfinden kennt und etwas an Figuren von Elfriede Jelinek erinnert, erschließt sich die junge Frau eine Welt voller Abgründe, welche den meisten von uns verborgen bleiben wird. Sie setzt sich über die Grenzen jeglicher Moral hinweg und findet einen ganz eigenen Trost in anonym bleibenden, rauschhaft geschilderten sexuellen Begegnungen mit Fremden.

In einer Traumwelt voller imaginärer Tiere

Auch die Beziehung zu ihrem Ex-Freund Markus, die inzwischen vorüber ist, schildert Setz als von ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten geprägt – wenn sich das Paar etwa gemeinsam in eine skurrile Traumwelt flüchtet, die von imaginären Tieren bevölkert wird, mit denen die beiden ihre Wohnung teilen. Natalie macht sich einen Spaß daraus, Markus schier unlösbare Aufgaben zu stellen oder ihn mit einer gewissen Dominanz zu manipulieren und ihm Regeln aufzuerlegen, wie er zu sprechen oder sich zu bewegen hat.

Der Bruch kommt, als der literarisch ambitionierte Markus Natalie zu einer Figur in einer Erzählung macht, woraufhin sie ihn aus der gemeinsamen Wohnung wirft. Doch der Kontakt zwischen Natalie und Markus besteht nach wie vor – in spätnächtlichen Chats versucht sie, ihn zu provozieren oder sich mit ihm in einer Abfolge von “Non-Sequiturs” zu verlieren, die sie mit großen Glücksgefühlen erfüllen.

Spleens, Ticks und Kuriositäten in Setz’ Roman

Wenn Natalie von einer großen Unruhe heimgesucht wird, greift sie zu diesem wie auch anderen drastischen Mitteln, nimmt Medikamente oder geht “streunen” – ein Begriff, mit dem sie ihre sexuellen Abenteuer bezeichnet. Sie sieht sich Live-Sendungen zu beliebigen Themen im Fernsehen an, um sich zu beruhigen oder chattet stundenlang mit dem “Cleverbot”, einer automatisierten, online verfügbaren “Künstlichen Intelligenz”, die teils kurios passende Antworten auf drängende Fragen gibt. Was sie sonst noch beruhigt, sind etwa ihre eigenen Essensgeräusche, die sie aufnimmt und sich in Endlosschleife anhört oder Computerspiele, in denen es sie am meisten interessiert, die Randbereiche der programmierten Welt auszuloten.

Die Kollegen in ihrem Job als Behinderten-Betreuerin in der “Villa Koselbruch” in Graz ahnen von Natalies sexuellen Eskapaden und schrulligen Gewohnheiten freilich wenig. In ihrem Berufsleben wird einer ihrer Klienten zunehmend zentraler: der im Rollstuhl sitzende Alexander Dorm.

“Die Stunde zwischen Frau und Gitarre”: Dreieckskonstellation mit Stalkern

Dessen einziger regelmäßiger Besucher, Christoph Hollberg, wurde einst von Dorm so massiv gestalkt, dass Hollbergs Frau sich darüber das Leben nahm. Die ungewöhnliche Beziehung zwischen Stalker und Gestalktem beginnt Natalie zunehmend zu interessieren. Wie konnte aus der Opfer-Täter-Konstellation ein Verhältnis werden, in dem Dorm Hollberg regelmäßig aufsucht – und was verspricht sich der Gestalkte davon? Während Natalie der Sache nachgeht, wird sie immer tiefer in eine ungesunde Dreierkonstellation hineingezogen, in welcher der ehemalige Gestalkte mit dem aggressiven Habitus mehr und mehr zu Natalies Stalker wird.

Wie Setz dies schildert, ist von höchster Spannung geprägt und entwickelt für den Lesenden einen bezwingenden Sog, dem man sich schwerlich zu entziehen vermag. Längen hat der massive Roman trotz seines gewaltigen Umfanges kaum. Die faszinierende Protagonistin Natalie tut ein Übriges, den geneigten Leser bei der Stange zu halten. Und so schmelzen auch 1.022 Seiten rascher dahin, als man es je für möglich gehalten hätte. Absolute Lese-Empfehlung!

Clemens J. Setz: “Die Stunde zwischen Frau und Gitarre”, Suhrkamp Verlag, 1.022 S., 30,80 Euro

(DHE)

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