Wen man wählen soll

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Johannes Huber über die Bundespräsidenten-Wahl.
Johannes Huber über die Bundespräsidenten-Wahl. - © APA/Erwin Scheriau
Gastkommentar von Johannes Huber. Eine Entscheidungshilfe. Vorweg: Taktische Überlegungen sind noch nie so sinnlos gewesen wie bei dieser Bundespräsidenten-Wahl.

Dass Meinungsforscher so oft danebenliegen, ist auch darauf zurückzuführen, dass Befragte letzten Endes anders wählen als sie es zunächst ankündigen. Das soll immer wieder vorkommen. Ja, seien wir ehrlich: Wem ist es noch nie so gegangen? Wenn man wenige Wochen vor einem Urnengang gefragt wird, wen man wählen werde, nennt man meistens den Kandidaten, der einem ganz einfach am Sympathischsten ist. Spätestens in der Wahlzelle jedoch kommen dann ein paar andere Überlegungen dazu: Dann kann es plötzlich darum gehen, Kandidaten XY zu verhindern und allein dafür seinen größten Gegner zu wählen. Oder einen Präsidentschaftsbewerber doch nicht zu unterstützen, weil man glaubt, dass er ohnehin nicht in die Stichwahl kommen werde.

Vor allem Ersteres nennt man „taktisch wählen“. Und wer das vorhat, der sollte bedenken, dass er das hinterher bereuen dürfte. Denn meistens kommt es anders als man denkt. Ganz besonders bei dieser Bundespräsidenten-Wahl: Möglich ist fast alles. Vorne liegen könnte Norbert Hofer genauso gut wie Alexander Van der Bellen oder Irmgard Griss. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass jede(r) dieser drei gleich bei der ersten Runde an diesem Sonntag ausscheiden könnte. Damit muss von vornherein in Kauf genommen werden, dass die eigene Stimme immer auch eine verlorene sein kann.

Auf der anderen Seite kann niemand mit Sicherheit ausschließen, dass Rudolf Hundstorfer oder Andreas Khol in die Stichwahl kommen. In Umfragen mögen sie abgeschlagen sein. Doch was heißt das schon? Wenige Tage vor der steirischen Landtagswahl im vergangenen Sommer wies ein Institut für die Freiheitlichen beispielsweise 17 Prozent aus; erreicht haben sie dann 27 Prozent. Vor der Wiener Gemeinderatswahl wurde ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen SPÖ und FPÖ in Aussicht gestellt; mit dem Ergebnis, dass die Sozialdemokraten schlussendlich auf knapp 40 und die Freiheitlichen auf 31 Prozent kamen.

In beiden Fällen hat es mit Sicherheit Tausende „taktische Wähler“ gegeben. Die SPÖ hat sogar damit geworben, dass es angeblich knapp werden könnte; sie hat Leute, die ihr ansonsten kritisch gegenüberstehen, dazu aufgefordert, sie zu unterstützen. Begründung: Man sei doch auch der Meinung, dass es vor allem darum gehe, ein blaues Wien zu verhindern.
Hinterher erlebten die Wähler, die sich darauf einließen, ein blaues Wunder. Die Sozialdemokraten freuten sich über einen Achtungserfolg und nahmen es fortan nicht mehr so genau mit ihrer „anti-freiheitlichen“ Flüchtlingspolitik; Grenzen aller Art waren plötzlich akzeptiert.

Das ist zwar eine andere Geschichte, unterstreicht aber, dass man sich bei einer Wahlentscheidung am besten davon leiten lässt: Wer kommt meinen Vorstellungen am nächsten? Wer erfüllt das Amt des Bundespräsidenten meiner Einschätzung nach am ehesten? Wem traue ich also zu, ein gutes Staatsoberhaupt zu sein, das Österreich nach außen hin ordentlich vertritt und nach innen eine vernünftige Vermittlerrolle in einer zersplitterten Parteienszene spielt? Allein darum geht es nämlich. Also kann auch nur das entscheidend sein.

Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik!

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