“Und die Nacht prahlt mit Kometen”: Destruktive Amour Fou von Ela Angerer

Von Daniela Herger
Ela Angerers zweiter Roman "Und die Nacht prahlt mit Kometen" lässt einen nicht unberührt
Ela Angerers zweiter Roman "Und die Nacht prahlt mit Kometen" lässt einen nicht unberührt - © Aufbau Verlag / Christian Werner
Valerie ist 22 und leicht zu beeindrucken – etwa von Bojan, mit seiner vermeintlich souveränen Art und seinem umwerfend männlichen Körper. Doch rasch stellt sich heraus, dass immer alles nach seinem Kopf gehen muss. Und wenn die junge Wienerin einmal nicht spurt, wird er handgreiflich.

Ela Angerer hat in einer poetischen, leicht dahinfließenden Sprache eine von Gewalt geprägte Beziehung beschrieben – was beim Lesen von “Und die Nacht prahlt mit Kometen” schwer zu ertragen, weil ergreifend schmerzlich geschildert ist und einen Mitgefühl erzeugenden Sog entwickelt.

“Und die Nacht prahlt mit Kometen”: Eine Liebesgeschichte im Wien der 80er

In den Charakteren von Valerie und Bojan prallen im Wien der 1980er Jahre zwei Welten aufeinander: Die junge Frau aus gutem Hause, die sich vom Geld und der gesamten Lebenswelt ihrer Eltern abzunabeln versucht, und der mit allen Wassern gewaschene Filou, der zwar nie finanzielle Mittel, aber meist jemanden zur Hand hat, der ihn pekuniär aushält.

Bojan, der dubiose Geschäfte macht und die “richtigen” Leute kennt. Der unzählige Frauengeschichten unterhält und sich den Ansprüchen seiner Auserwählten immer wieder entzieht, wenn ihm alles zuviel wird. Verlässlichkeit und Beständigkeit sind seine Sache nicht, er ist dafür bauernschlau, launisch und unberechenbar, krankhaft eifersüchtig und regelmäßig jähzornig. Dabei überschreitet Bojan so manche Grenze – und lässt seine Launen ohne mit der Wimper zu zucken auch an seiner Partnerin aus.

Amour fou: Giftige Liebe zwischen Valerie und Bojan

Valerie ist von Bojan fasziniert und kämpft mit der ganzen Kraft jugendlicher Naivität darum, ihn in ihrem Leben zu halten. Wie giftig und ungesund die Beziehung ist, die sich zwischen den beiden entwickelt, wird ihr erst nach und nach klar. Denn es kommt immer öfter vor, dass Bojan ihr gegenüber die Hand ausrutscht – und seine Übergriffe werden immer brutaler. Valerie lernt, im Umgang mit Bojan wie auf Eiern zu gehen, ihn nach Möglichkeit nicht zu reizen und weder durch Worte noch durch Taten zu provozieren.

Doch das ist nicht leicht, denn in Bojans Welt gelten keine fixen Regeln, und was heute noch ein erwünschtes, ja von ihm eingefordertes Verhalten ist, kann morgen in Blutergüssen und einem blauen Auge resultieren. Selbst als die junge Frau von ihm schwanger wird, kommt es zu weiteren brutalen Zwischenfällen. Valerie gelingt es erst nach und nach, ihren eigenen Weg zu gehen, der sie langsam aber sicher von den destruktiven Eskapaden Bojans fortführt.

Verstörendes, sprachlich kunstvoll dargeboten

Wie schon Ela Angerers Erstling “Bis ich 21 war” besticht auch “Und die Nacht prahlt mit Kometen” mit einer Hauptfigur, die einem als Leser nahe geht, weil sie mit derart Verstörendem konfrontiert ist. Was Valerie für Liebe hält, mag man objektiv gesehen als ungesunde Abhängigkeit erkennen, zugleich schildert Angerer die Gefühlswelt ihrer Protagonistin so eindringlich, dass man notgedrungen so etwas wie Verständnis aufbringt, mitfühlt und mitleidet.

Kunstfertigkeit zeigt die Wiener Autorin bei der Beschreibung der Schläge Bojans. Denn diesen wird mehr als einmal voller Andeutungen und farbenfroher Bilder ausgewichen, worin die sprachliche Schilderung Angerers die Reaktion Valeries auf die Übergriffe widerspiegelt. Wie eine Naturgewalt lässt sie die Angriffe Bojans über sich ergehen, setzt ihnen nichts entgegen als schier unerschöpfliches Erdulden, blendet sie gewissermaßen aus, als ob sie jemand anderem passieren. Denn Valerie eignet sich als Strategie im Umgang mit dem von ihr glorifizierten Bojan eine Vermeidungstaktik an, die ihr das Aushalten einer derart degradierenden Behandlung und das Verweilen in einer zunehmend destruktiveren Beziehung ermöglicht.

Ela Angerers kunstvoller Wechsel zwischen zwei Zeitebenen

Viel Gefühl für Details beweist Angerer auch in ihrer wortgewandten Schilderung der typischen Wiener Lebenswelt der Achzigerjahre. Mühelos fügen sich Vierteltelefone, U4-Besuche mit Falco-Musik und der Atomreaktor-Unfall von Tschernobyl in die Erzählung ein, um dann nicht minder überzeugend in die Jetztzeit zu wechseln. Denn der Roman bewegt sich kapitelweise alternierend auf zwei Zeitebenen.

30 Jahre sind vergangen, die längst erwachsen gewordene Valerie erinnert sich, inzwischen 49-jährig, an die Ereignisse von damals. Auslöser ist, dass Bojan via Facebook Kontakt zu ihr aufgenommen hat – und sie beginnt, sich Szenen aus dem längst vergangenen Leben ins Gedächtnis zu rufen, das sie mit ihm geteilt hat.

Achtung, Spoiler: Abschließende Entzauberung des Peinigers Bojan

Am Ende des Romans steht eine Entzauberung des Mythos um Bojan, in dem Valerie bei einem zufälligen Wiedersehen beim besten Willen nicht mehr die einschüchternde, starke Persönlichkeit, den regelrechten Übermenschen von damals erkennen kann. Ihr Peiniger ist gebrochen, späte Gerechtigkeit scheint ihm widerfahren zu sein. Ein zaghaftes Happy-End beschließt Valeries fortgesetztes Martyrium und lässt einen als Leser nachdenklich zurück.

(DHE)

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