Rufus Wainwright vor dem Jazz Fest Wien im Interview

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Rufus Wainwright tritt heuer am Jazz Fest Wien auf.
Rufus Wainwright tritt heuer am Jazz Fest Wien auf. - © AP
“Ich will mein Glück nicht überstrapazieren”, sagt Rufus Wainwright, der heuer im Rahmen des Jazz Fests in der Wiener Staatsoper auftritt. Sein Songwriting sei schon immer von Opern beeinflusst worden. “Sie waren eine Art Geheimzutat, von der niemand wusste.”

Mit 13 Jahren entdeckte der Sohn der Folkmusiker Kate McGarrigle und Loudon Wainwright III die Oper für sich – und damit auch Wien. “Ob Mahler, Schubert oder Mozart: Ich habe mich schon immer zum Romantischen, zum Dramatischen hingezogen gefühlt – zwei österreichische Qualitäten”, schwärmt Wainwright, der seine immer wieder in Songs proklamierte Liebe zu Österreich auch auf seine Kindheit im kanadischen Montreal zurückführt – “einem kalten, sehr dunklen, isolierten Teil der Welt”. “Man fühlt sich Millionen Meilen entfernt von allem. Österreich schien mir immer als Zentrum aller Träume: Es hat so viel Geschichte, während Kanada so ‘neu’ ist.”

Rufus Wainwrights Liebe zur Oper

Die Liebe zur Klassik habe seitdem nie nachgelassen. “Opern haben immer schon mein Songwriting beeinflusst, sie waren eine Art Geheimzutat, von der niemand wusste”, erzählt der 41-Jährige. “Es hat in Los Angeles angefangen, als ich in Bars mit verrückten Leuten abgehangen bin, die nichts von Oper verstanden. Also habe ich das in meine Auftritte einfließen lassen. Dieser Sinn für Dramatik, die nonlineare Sichtweise, das Auf und Ab waren ihnen neu – und das habe ich für mich genutzt.” Die kleinen Club-Gigs von einst zogen eine höchst erfolgreiche Karriere nach sich, in der Wainwright seine Qualitäten als Komponist, Songschreiber, Vokalist und Showman mit eingängigem Pop ebenso wie mit opulenter Orchestermusik, vertonten Shakespeare-Sonetten, einer Judy-Garland-Hommage oder 2009 mit der ersten eigenen Oper “Prima Donna” unter Beweis stellte.

Freundschaft zu Angelika Kirchschlager

Eine verwandte Seele hat Wainwright in der Salzburger Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager gefunden, mit der ihn seit der ersten Begegnung bei einem Schweizer Musikfestival vor sieben Jahren eine Freundschaft verbindet. “Wir sind beide tief verankert in unserem jeweiligen Bereich: Ich bin Popsänger, sie ist in der Klassik zuhause”, so Wainwright, “aber zugleich teilen wir eine tiefe Wertschätzung für andere Genres und spüren den Zwang, uns außerhalb des eigenen Gebiets auszudrücken – mit derselben Intensität und demselben Anspruch, den man von einem traditionellen Pop- oder Opernsänger erwarten würde.” So hat Kirchschlager ihre Experimentierfreudigkeit zuletzt etwa auf der “Liedestoll”-Tournee mit dem Liedermacher Konstantin Wecker unter Beweis gestellt.

Beide würden sie “die Neugier, aber auch die Zweifel” teilen, sagt Wainwright. “Und gleichzeitig haben wir immer unglaublich viel Spaß miteinander. Angelika ist eine der lustigsten, positivsten Menschen, die ich kenne.” Das dürfte auch beim gemeinsamen Konzert am Sonntag spürbar werden, mit dem ein krankheitsbedingt geplatzter Auftritt des Duos in St. Pölten aus dem Vorjahr nachgeholt wird. In Wien werden sich Wainwright und Kirchschlager jeweils auf dem Terrain des anderen versuchen und sowohl solo als auch im Duett ein Potpourri aus Pop, Jazz, Chanson, Oper, Kunstlied und Musical darbieten. “Die Wiener Staatsoper ist weltweit die beste Bühne, um das zu tun”, ist Wainwright überzeugt, “weil hier schon so viel passiert ist.”

Kunstlied steht im Mittelpunkt

Das Kunstlied bestimmt den ersten Teil des Abends, wenn Kirchschlager drei Lieder aus Wainwrights sich vor Franz Schubert verneigendem Zyklus “Songs for Lulu” und Wainwright Teile aus Hector Berlioz’ Liedzyklus “Les nuits d’ete” singt. Wainwright sieht in den beiden Werken durchaus Gemeinsamkeiten, drehen sie sich doch um den Tod, “auch wenn sich Berlioz direkt darauf bezieht. Ich hingegen habe meinen Liederzyklus geschrieben, bevor meine Mutter starb, also umgibt ihn diese Atmosphäre, diese Spannung, bevor es passiert. Meiner ist mehr in der Angst verwurzelt, und Berlioz’ in der Reue – einmal mehr zwei Dinge, die ihr Österreicher nachvollziehen könnt”, schmunzelt Wainwright.

Konzert ohne Orchester

Auf ein Orchester verzichtet er dabei bewusst, einzig Pianistin Sarah Tsyman ist an seiner Seite. “Ich habe herausgefunden, dass Berlioz den Zyklus ursprünglich sogar nur für Klavier und Stimme geschrieben hat – viele Jahre vor der nun viel berühmteren Orchesterversion”, erläutert Wainwright. “Es gibt eine gewisse Einfachheit und Direktheit, die ich an dieser Version schätze. Mit einem Orchester ist es einfacher, weil man sich mehr dahinter verstecken kann. Aber nur am Klavier ist deine Stimme da draußen, nackt, intensiv. Nicht zuletzt dank Schubert gibt es in Wien noch eine Wertschätzung dafür, wie kraftvoll allein eine Stimme und ein Klavier sein können. Es ist so schön, das in dieser Stadt machen zu dürfen.”

Nächstes Projekt des Künstlers

Weniger reduziert fällt indes Wainwrights nächstes Projekt aus: 2018 soll mit “Hadrian” seine zweite Opernproduktion in Toronto Uraufführung feiern. Die Geschichte des römischen Kaisers Hadrian und seiner Liebe zu dem jung verstorbenen Antinoos erzählt Wainwright mit “vier Akten, Tänzern, Chören und zehn Charakteren, also denkbar umfangreich”. Kein Wunder also, dass bis dahin – mit Ausnahme einer geplanten Sammlung vertonter Shakespeare-Sonette – vorerst kein Nachfolger seines 2012 veröffentlichten Studioalbums “Out of the Game” zu erwarten ist. “Aber das Schöne daran ist”, beruhigt Wainwright: “Ich habe bereits tonnenweise neues Material und in ein paar Jahren kann ich eine beeindruckende Auswahl an Songs vorweisen, für die sich das Warten lohnt.” (APA)

>> Hier finden Sie das Programm des Jazz Fests im Überblick.

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