“Richard III.” auf DVD: Wenn Niavarani Shakespeare auf “urlustig” inszeniert

Von Daniela Herger
Michael Niavaranis "Die unglaubliche Tragödie von Richard III." gibt es nun auf DVD
Michael Niavaranis "Die unglaubliche Tragödie von Richard III." gibt es nun auf DVD - © HOANZL / APA/HERBERT PFARRHOFER
Ausverkaufte Vorstellungen am laufenden Band: Michael Niavarani schwimmt mit “Die unglaubliche Tragödie von Richard III.” im Globe Wien auf der Erfolgswelle. VIENNA.at hat sich das jüngst erschienene DVD-Box-Set zur originellen Shakespeare-Adaption für Sie angesehen.

“Richard III.” ist zwar unbestritten ein Shakespeare-Klassiker, doch anders als das derzeit in den Spielplan des Theaters Globe aufgenommene “Romeo und Julia” von der Handlung her weitaus unbekannter. Wer sich der Herausforderung stellen will, das Stück kennenzulernen und endlich zu verstehen, dem sei Michael Niavaranis Version des Werkes unter dem Titel “Die unglaubliche Tragödie von Richard III.”, das nun in einer aufwändig produzieren DVD-Version erschienen ist, wärmstens ans Herz gelegt.

Am Anfang war die Shakespeare-Skepsis

Der Wiener Kabarettist hat sich mit seinen Adaptionen der Werke des großen Barden generell ein ambitioniertes Ziel gesetzt: dem Publikum die Angst vor komplexen Shakespeare-Stücken zu nehmen. Wie er im Beiheft zur DVD-Edition unter “Shakespeare ist zum Sterben langweilig” beschreibt, gehörte er vor gar nicht allzu langer Zeit selbst noch zu jenen Menschen, die maximal aus Verliebtheitsgefühlen gegenüber einer “wahnsinnig gscheiten und wunderschönen” Frau freiwillig in ein Shakespeare-Stück gegangen wären.

Zu komplex schienen ihm schon in der Schulzeit die Dialoge, zu schwierig dadurch der Versuch, dem Geschehen der Stücke zu folgen. Knackpunkt war für den Kabarettisten, dass er begann, eine Shakespeare-Übersetzung in modernem Englisch zu lesen. “Und plötzlich merkte ich: Nicht Shakespeare ist blöd, ich bin blöd, dass ich ihn nicht verstanden habe! Dieser Moment war für mich fast eine Erleuchtung, als ich kapiert habe, wie lustig und unglaublich ordinär Shakespeare sein kann.” Daraus entstand die Idee Niavaranis, die Stücke des großen Barden einem Publikum näher zu bringen, das sonst von derlei Klassikern der Weltliteratur eher abgeschreckt ist.

Niavarani liefert einen Shakespeare, den die Massen verstehen

Lange Rede, kurzer Sinn: Dieser Versuch ist geglückt, wenn auch Niavarani in seinem Versuch, Shakespeare besonders amüsant zu inszenieren, zuweilen über das Ziel hinausschießt. Die 166 Minuten dauernde Adaption von “Richard III.” aus der Feder des höchst populären Kabarettisten , die nun im Rahmen eines detailverliebten Box-Sets bei Hoanzl erschienen ist und Sammlerherzen höher schlagen lässt, unterscheidet sich lediglich zu Beginn nicht im Geringsten von einer gewöhnlichen Shakespeare-Inszenierung: hochgestochene Dialoge, ein verwirrendes Personen-Gewusel auf der Bühne, Unklarheiten, wer wer ist und was die einzelnen Protagonisten umtreibt.

Dann die erfrischende Durchbrechung, als der Koch Frederick Dighton (Bernhard Murg) die Bühne betritt – und in breitestem Wienerisch so zu reden ansetzt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Damit hat er ganz schnell erste Publikumslacher auf seiner Seite. Und als sich kurz darauf Michael Niavarani in der Rolle des Schusters William Forrest dazugesellt und offenherzig bekennt: “Die reden so komisch, do vastehst jo nix!” geht neben dem schallenden Gelächter auch ein gefühltes Aufatmen durch das ausverkaufte Globe-Theater in Wien-Landstraße.

>>Eindrücke aus “Die unglaubliche Tragödie von Richard III.” von Michael Niavarani

Beste Freunde bezwingen jegliche Unbill

Binnen kürzester Zeit gelten das Interesse und die Sympathien der Zuseher nicht mehr dem eher angestaubt anmutenden Plot, sondern vielmehr den Faxen Niavaranis und Murgs, die als beste Freunde in die Intrigen und Komplotte der Adeligen verstrickt werden, denen es – allen voran natürlich der Hauptfigur Richard III. – um den englischen Thron geht. Wie das dauerblödelnde Duo der Anstiftung zu mehreren Morden unter Zusicherung hoher Belohnungen durch Bösewicht Richard III. immer wieder auf wahnwitzige Art und mit mehr Glück als Verstand entgeht, bis die beiden – Achtung, Spoiler! – ihr verdientes Happy-End erhalten, das ist schon sehenswert.

MICHAEL NIAVARANIS „DIE UNGLAUBLICHE TRAGÖDIE VON RICHARD III.“ – Trailer lang from Peter Schroeder on Vimeo.

Stellenweise leider etwas zu “lustig”: “Richard III.”

Ist es auch unterhaltsam? Ja, unbedingt. So tabulos witzig hat man “Richard III.” bestimmt noch nie erlebt. Niavarani gebührt schon für die Leistung höchstes Lob, Shakespeare dermaßen gefällig aufzubereiten und zugänglich zu machen. Was man der Inszenierung aus seiner Feder jedoch ankreiden könnte, ist, dass sie wiederholt derb über das Ziel hinausschießt in ihrem Unvermögen, jede noch so platte Pointe liegenzulassen. Je länger das Stück andauert, desto eher mag mancher bei sich denken: “Ein Königreich für einen guten Schmäh!”

Beispielsweise kommt Fäkalhumor wiederholt an prominenter Stelle zum Einsatz, wenn etwa nolens volens der königliche Stuhl von den beiden Helden untersucht werden muss (nein, nicht die Sitzgelegenheit). Die Freuden des “Herumhurens” werden ebenso gepriesen wie die eindeutig zweideutige homoerotische Situationskomik zwischen Forrest und Dighton bis ins Letzte ausgeschlachtet wird. Mal ist von “Scheiße, Scheiße, Scheiße”, dann wieder von “Speibe, Speibe, Speibe” die Rede, und auch stinkende Winde werden mehr als einmal als zentraler Gag bemüht. Die feine Klinge ist Niavaranis Sache nicht. Böse Zungen könnten es einen “Heislschmäh” nennen, der immer wieder in “Richard III.” zum Einsatz kommt. Sei’s drum – dem vor Lachen brüllenden Publikum scheint es zu gefallen.

Ein Box-Set, das alle Stückeln spielt

Wer tiefer in die Materie eintauchen will, erhält dank einer ganzen Bonus-DVD mit stolzen 188 Minuten Zusatzmaterial zu “Richard III.” ausreichend Gelegenheit dazu. Interviews und diverse Making-of’s sind im Box-Set ebenso enthalten wie der vollständige Text zur Niavarani-Adaption des Shakespeare-Stücks und das Programmheft, wie es auch im Globe Wien erhältlich war bzw. bei den weiteren Aufführungsterminen bis vorerst Ende Jänner 2016 noch ist. Hat man sich all das zu Gemüte geführt, braucht man wahrlich nie wieder zu befürchten, bei diesem Shakespeare-Stück “auf der Leitung zu stehen”. Und das allein ist doch schon Gold wert.

Die unglaubliche Tragödie von Richard III. Eine Komödie von Michael Niavarani, sehr frei nach William Shakespeare. Box-Set inklusive Doppel-DVD des Stücks im Globe Wien, Bonus-DVD mit Extras, Textbuch und Replica des Programmhefts. HOANZL, UVP 39,99 Euro.

(DHE)

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