Neue Schau im Wiener Belvedere zeigt Werke von Klemens Brosch

Werke von Klemens Brosch sind im Belvedere in Wien zu sehen.
Werke von Klemens Brosch sind im Belvedere in Wien zu sehen. - © Grafische Sammlung, Landesgalerie Linz des Oö. Landesmuseums
In der Belvedere-Orangerie ist ab Freitag, den 9. März, die erste museale Schau zu Klemens Brosch in Wien zu sehen. Die Ausstellung soll eine Wiederentdeckung des Künstlers sein.

Es ist die andere Schau zum Weltkriegs-Gedenken und die Wiederentdeckung eines vergessenen Shooting-Stars der Jahrhundertwende: In der Belvedere-Orangerie findet ab morgen, Freitag, die erste museale Schau zu Klemens Brosch in Wien statt. Nach dem Frühwerk eines Wunderkindes wurde seine Laufbahn, seine Persönlichkeit und sein kühner künstlerischer Blick auf tragische Weise vom Krieg durchkreuzt. Brosch “verfolgt mich schon seit vielen Jahren”, bekannte Kuratorin Elisabeth Nowak-Thaller bei der Pressekonferenz am Donnerstag. In seiner Heimatstadt Linz, wo auch der größte Bestand seines Werks zu finden ist, zeigte sie vor zwei Jahren eine große Ausstellung – für die damalige Lentos- und jetzige Belvedere-Direktorin Stella Rollig war mit ihrer Berufung nach Wien klar, “dass ich Klemens Brosch hier präsentieren will, damit er von einer breiteren Öffentlichkeit entdeckt werden kann”. Mit Klimt, Schiele und Kokoschka sei der weitgehend unbekannte Brosch einer der wichtigsten Zeichner des Landes.

Brosch-Schau in Wien als Teil des Gedenkjahres

Auf tragische Weise ist die Retrospektive des nur 32 Jahre alt gewordenen Künstlers auch ein Teil des Gedenkjahres 2018. Die Zäsur des Krieges, wie sie aus dem kometenhaften Aufstieg eines jungen Künstlers und dem revolutionären Potenzial einer geradezu manisch in und hinter die Objekte blickenden Perspektive einen von Morphiumsucht und Traumatisierung an der Front gezeichneten Heimkehrer und späteren Selbstmörder gemacht hat, lässt sich in diesem kurzen wie beeindruckenden Lebenswerk ganz unmittelbar schmerzlich darstellen.

“Kl. Brosch, Klasse 7b.”, steht in der unteren Ecke von “Am Strand”, einer gewagten, mit fabelhafter Akribie gezeichneten Darstellung eines sich zum Beobachter hin aufschwingenden Vogels. Brosch, geboren 1894, galt als Wunderkind, lauerte der Natur mit dem Mikroskop und dem Feldstecher detailversessene Studien aus kühner Perspektive ab, hätte – wäre er nicht in Vergessenheit geraten – dem Surrealismus den Weg geebnet. 1911 erdachte sich der Halbwüchsige “erkaltete Sonnen”, 1912 ließ er ein seufzend zusammengesunkenes, monströses Krokodil auf einem strahlenden Mond Platz nehmen. Seine frühen Arbeiten zeugen nicht nur von seltener handwerklicher Begabung sondern vor allem von einer Eigenwilligkeit der künstlerischen Vision, die man als ganz großes Versprechen werten musste.

Brosch lebte als Drogensüchtiger in Wien

Auf die Akademie wurde er trotz verpasster Aufnahmsprüfung aufgenommen, sein erstes Studienjahr verbrachte er mit Seriendarstellungen von Alltagsgegenständen, die in rauschhaften Arbeitssessions aus Dutzenden verschiedenen Blickachsen zum Kultobjekt erklärt werden. Dann der Krieg. Der Bruder stirbt neben ihm an der Front, er selbst wandert mit Lungenkrankheit und schlechter psychischer Verfassung von Lazarett zu Lazarett. Morphinsüchtig wird er entlassen, nach nur 50 Tagen kehrt ein gebrochener Mensch zurück nach Wien. Seine Motive verändern sich, werden realistisch, anklagend, dem Leid des Krieges in all seinen Facetten verschrieben. Nach Abschluss seines Studiums 1919 zieht er sich zurück, lebt und finanziert seine Drogensucht über einige Sammler, stellt nicht mehr aus.

Klemens Brosch nahm sich in Wien das Leben

In den hinteren Räumen der Orangerie lebt nur noch eine Ahnung des gewaltigen Talents. Ab den 1920er-Jahren werden Broschs Arbeiten malerischer, großformatiger und wieder symbolhafter. Immer noch beeindruckt die Perspektive, die Textur der Bildgestaltung, die feine Ziselierung – aber die Dichte, das unumgängliche künstlerische Drängen der früheren Jahre ist viel weniger zu spüren. Nach mehreren psychiatrischen Aufenthalten und Drogenentzügen sieht es 1926 endlich so aus, als wolle Brosch eine neue Phase beginnen, nach Wien zurückkehren, wieder ausstellen. Doch am 17. Dezember nimmt er sich in einem minutiös geplanten Selbstmord das Leben. So minutiös, als wäre es sein letztes, anklagendes Kunstwerk: Mit einer Gasmaske aus dem ersten Weltkrieg chloroformiert er sich zu Tode. Ein großer Unbekannter. Eine lohnende Entdeckung. Und vielleicht noch mehr: Ein erschütterndes Kriegsmahnmal der inneren Zerstörung.

APA/Red.

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