“Manchester by the Sea”-Regisseur Kenneth Lonergan im Interview

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Kenneth Lonergan im Interview
Kenneth Lonergan im Interview - © APA
Mit seinem vielbeachteten und hochgelobten Drama “Manchester by the Sea” hat Regisseur Kenneth Lonergan die 54. Viennale eröffnet. Im Interview erzählt der Filmemacher von den Dreharbeiten, seinen Erfahrungen mit den Schauspielern und von der Unterstützung seitens Matt Damon.

Der 54-Jährige wird mit seiner erst dritten Regiearbeit bereits als Oscar-Anwärter gehandelt, ist doch sein überaus emotionaler Film rund um einen entfremdeten sowie traumatisierten Charakter (Casey Affleck), der durch ein familiäres Unglück aus seinen tristen Verhältnissen in eine ungewohnte Position gedrängt wird, gleichermaßen mitreißend wie beeindruckend.

APA: Die Geschichte zu “Manchester by the Sea” wurde Ihnen von Matt Damon und John Krasinski angetragen, wobei ersterer ursprünglich Regie führen und zweiterer die Hauptrolle übernehmen sollte. Was hat Sie eingangs an der Idee fasziniert?

Kenneth Lonergan: Ich kann das gar nicht so genau sagen, es schien mir einfach eine sehr fesselnde Geschichte zu sein. Da wird etwas abgehandelt, über das man sich immer Sorgen macht, wenn man selbst Kinder hat. Ich habe Glück, dass mir so etwas nicht widerfahren ist. Aber irgendwie hat man das immer im Kopf – dies Verantwortung für andere, für Kinder. Mich hat auch die Figur an sich interessiert: Dieser Mann, der eine derartig schwere Last mit sich trägt und dennoch funktioniert, um das zu tun, was für die Familie das Richtige ist.

Sind Ihnen erst später die Parallelen zu Ihren bisherigen Filmen “You Can Count On Me” und “Margaret” aufgefallen – Fragen von Schuld und Verantwortung, von Trauma und komplexen Familienverhältnissen?

Ja, dann während des Drehs. Meistens fällt mir etwas erst dann auf, wenn mich andere Menschen darauf hinweisen. Ich habe etwa – und das ist mir ziemlich peinlich – realisiert, dass jeder meiner Filme einen Unfall mit furchtbaren Folgen beinhaltet. Aber was soll ich tun?

War es befreiend, ein Drehbuch zu schreiben, das Sie – so war es zumindest geplant – nicht selbst umsetzen würden?

Es war befreiend, ja. Auch wenn es einen dann einholt. Es gibt sehr viele Szenen im Auto und ich dachte mir: “Der arme Matt muss die alle drehen.” Und bei den Rückblenden habe ich mir gedacht: “Wenn die nicht im Drehbuch funktionieren, wird der Regisseur das beim Schnitt ausbügeln.” Doch dann war ich es, der all diese Fahrszenen und Rückblenden drehen musste.

Schauspieler erzählen von der Arbeit mit Ihnen, dass Sie am Set mit den Charakteren stets mitfühlen, alles intensiv durchleben. Wie war diese Arbeit mit Ihrem Hauptdarsteller Casey Affleck?

Großartig! Das war eine der erfreulichsten Kollaborationen, die ich je mit einem Schauspieler hatte – und ich hatte viele davon! Er ist sehr genau, sehr intensiv, sehr getrieben, sehr lustig und sehr seriös – er will wirklich alles wissen, was ich über eine Szene weiß, und fügt dann noch mehr hinzu. Ich weiß dieses emotionale und auch intellektuelle Engagement für den Job wirklich zu schätzen. Er ist nicht eitel, stellt sich immer auf seine Co-Stars ein, hat nicht das Bedürfnis, mit seiner Emotionalität zu prahlen. Er nimmt die Geschichte sehr ernst. Und trotzdem ärgern wir einander gerne – Beleidigungen sind ein wichtiger Teil unserer Freundschaft. Aber wir haben auch großen Respekt voreinander.

Affleck spielte bereits 2002 in Ihrem Theaterstück “This is our youth” in London mit. Sie sind über das Schreiben von Theaterstücken zum Film gekommen – fühlen Sie sich als Regisseur mittlerweile so gefestigt wie als Theatermacher?

Noch nicht so richtig. Es ist immer noch ein großer, schwieriger, komplizierter Job und Regieführen ist eine anspruchsvolle Kunst an sich. Noch habe ich das weniger oft gemacht als zu schreiben. Bis vor kurzem habe ich mich noch wie ein Autor gefühlt, der Regie führt – mittlerweile fühle ich mich als Regisseur, was auch immer das heißt. Aber es gibt noch viel zu lernen und man kann das ganze Leben damit verbringen, zu lernen.

Amazon hat um 10 Mio. Dollar die US-Distributionsrechte für “Manchester by the Sea” erworben. Haben Sie das Gefühl, Streamingportale mischen im positiven Sinne den Markt für Filme und Serien auf?

Ja, so scheint es jedenfalls. Mir gefällt, dass Amazon ein klassischer Filmverleiher sein will und Filme fernab des Mainstreams wählt. Das sage ich nicht nur, weil sie meinen Film gewählt haben, sondern wegen dessen Art: Es ist ein persönlicher Film, ein Autorenfilm in jedem Sinne – ich habe ihn geschrieben, inszeniert und hatte die volle kreative Kontrolle. Es dreht sich um ein schwieriges Thema. Zwar gibt es viel Humor im Film und die schauspielerischen Darstellungen alleine sind es schon wert, ihn sich anzusehen. Aber all das reicht noch nicht, um es in dieser Branche zu schaffen. Dennoch entscheidet sich Amazon für diese Arbeiten und verschreibt sich ihnen voll und ganz.

Sie haben in den vergangenen Jahren selbst an einer Miniserie gearbeitet, die nicht realisiert wurde. Ist der Wunsch weiter da?

Der Luxus, den einem das Serienformat gewährt, reizt mich schon sehr: Sich nicht darum sorgen zu müssen, alles zu verdichten, sondern die Zeit nehmen zu können, die Geschichte zu erzählen. Ich weiß nicht genau, wie und wann sich das künftig ergeben wird, aber ich finde, dieses Format hat etwas Aufregendes.

Wie ausschlaggebend ist ein Unterstützer wie Matt Damon, um einen Film wie diesen nach den eigenen Vorstellungen finanzieren zu können?

Matt war essenziell. Er hat das Projekt erdacht und es durch jede Phase begleitet, hat das Geld aufgestellt und den Film in jeder erdenklichen Weise unterstützt. Und er hat von Anfang an die Bedingung gestellt, dass der Regisseur die absolute Kontrolle hat. Ich musste nicht so sehr wie viele andere darum kämpfen, meine bisherigen Filme zu finanzieren. Ab und an muss man das Budget an den Star-Faktor der Schauspieler anpassen. Mir ist das Schauspiel das wichtigste und wenn ich Filmstars habe, die schauspielern können, wunderbar – aber wenn ich mich zwischen einem Star und einem Schauspieler entscheiden muss, wähle ich den Schauspieler. Casey ist kein Riesenstar, Michelle Williams schon, spielt aber eine kleinere Rolle. Ich hatte großes Glück mit Kimberly Steward als Produzentin. Man braucht immer jemanden, der bereit ist, ein Risiko einzugehen. Ich glaube, dass es mehr Interesse an Filmen wie diesen gibt als angenommen wird. Jahr für Jahr werden zigtausende Filme produziert und nicht von so vielen Menschen gesehen, wie sie es verdient hätten.

Ihr zweiter Film, “Margaret”, wurde wegen eines Rechtsstreits um die finale Schnittfassung nur in vereinzelte Kinos gebracht. Was bedeutet es Ihnen, den Film im Rahmen des Ihnen gewidmeten Viennale-Tributes zu sehen?

Es ist ein Wunder! Die Viennale hat diesen Film immer sehr unterstützt. Den “extended cut” nun in einem großen Kino vor Wiener Publikum bei einem Wiener Filmfestival zu sehen – was soll ich sagen, es ist großartig! Ich hatte Angst, der Film würde verschwinden, aber dem scheint nicht so. Menschen sehen ihn und mehr kann man sich nicht wünschen.

APA: Wer “Manchester by the Sea” gesehen hat, rechnet dem Film große Oscar-Chancen aus. Ist Ihnen diese Aufmerksamkeit unangenehm oder gibt sie Hoffnung?

Lonergan: (lacht) Beides! Es ist sehr nett, Awards zu bekommen, und ich genieße es, wenn es passiert. Zugleich ärgert es mich nicht allzu sehr, wenn es nicht passiert. Ich bin sehr glücklich mit der Arbeit, die ich mache. Am meisten wünsche ich mir, dass die Schauspieler für ihre Arbeit gewürdigt werden – dass Casey, Michelle und Lucas ausgezeichnet werden.

ZUR PERSON: 1962 in New York geboren, schreibt Kenneth Lonergan früh Theaterstücke und schließlich Drehbücher. Er arbeitet am Skript zur Komödie “Reine Nervensache” mit, ehe er im Jahr 2000 mit dem Familiendrama “You Can Count On Me” sein Regiedebüt gibt. Der Film wird für Lonergans Drehbuch sowie Laura Linneys Darstellung einer alleinerziehenden Mutter für zwei Oscars nominiert; 2003 erhält Lonergan als Co-Autor von “Gangs of New York” seine zweite Oscar-Nominierung.

Am 13. Jänner startet  “Manchester by the Sea” regulär in den österreichischen Kinos.

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54. Viennale Filmfestival
20. Oktober bis 2. November 2016
Programm auf www.viennale.at

>> Alle Informationen zur Viennale 2016

Viennale-2016-Sujet

(Das Gespräch führte Angelika Prawda/APA/Red)

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