Kultband im Gasometer: Massive Attack bedienten bei Wien-Konzert alle Sinne

Sänger Grant Marshall von der Band Massive Attack Sänger Grant Marshall von der Band Massive Attack - © APA
Bei ihrem Gastspiel am gestrigen Samstagabend im Wiener Gasometer unterstrich die britische Kultband Massive Attack eindrucksvoll, dass Popmusik im weitesten Sinne durchaus politisch sein kann. Wummernde Beats und fragile Melodien dienten als Unterlage für Gedankenspiele der kritischen Art.

Es durfte keineswegs nur getanzt oder mitgesungen werden: Massive Attack sind ein Erlebnis für alle Sinne und bedienten bei ihrem Konzert in Wien Beine und Kopf.

Britische Band gab sich im Gasometer sehr politisch

Ein Umstand, der vielen bekannt sein dürfte. Schon seit Jahren hat sich Bandkopf Robert “3D” Del Naja, der mit Gründungsmitglied Grant “Daddy G” Marshall nach wie vor den Kern der in Bristol entstandenen Gruppe bildet, immer wieder mit aktivistischen oder politischen Statements und Projekten aus dem Fenster gelehnt. Nicht gerade alltäglich für Musiker, die mit Alben wie “Blue Lines” (1991) oder “Protection” (1994) zu Millionensellern wurden und das Genre Trip-Hop prägten wie wenig andere.

Aktuell ist es die Flüchtlingskrise, der sich Massive Attack angenommen haben: Während etwa “Girl I Love You” gleichermaßen melancholisch wie druckvoll aus den Boxen tönte, Sänger Horace Andy seinen ersten gefeierten Auftritt absolvierte, flimmerten über die versatilen Visualwände im Hintergrund bedrückende Zahlenspiele und Bilder aus den Kriegsgebieten. Es wurde in Erinnerung gerufen: Zigtausende sind auf der Flucht. Wobei die Richtung, aus der Songinszenierungen wie diese kommen, zwar klar ist – aber Massive Attack nicht den Fehler begingen, den Zeigefinger mahnend zu erheben.

Highlights aus 20 Jahren Massive Attack

Stattdessen ließen Del Naja, Marshall und die fünfköpfige Band, die gesangstechnisch noch von Koryphäen wie Martina Topley-Bird, Azekel oder Deborah Miller unterstützt wurden, den Eindruck und die Wirkung für sich stehen. Ebenso wie die Songs: Kaum ein Wort des Grußes kam den Musikern über die Lippen, stattdessen pflügte man sich mit stoischem Groove durch mehr als zwei Jahrzehnte Bandgeschichte. Unterkühlte Elektronik bestimmte “Future Proof”, bei “Safe From Harm” wurden die Hände in die Luft gerissen und “Angel” gelang als zwischen Zerbrechlichkeit und kathartischer Rocknummer changierendes Ungetüm auf ganzer Linie.

Dass man sich am Zeitgeist befand, machten dabei nicht nur die gesellschaftspolitischen Bezüge deutlich – unter anderem wurde “Inertia Creeps” von der 1998er-Großtat “Mezzanine” dazu benutzt, um mit aktuellen Schlagzeilen aus österreichischen Medien Großes und Kleines, vor allem aber auch Absurdes vor Augen zu führen. Besonders die Einbindung der schottischen Vorband Young Fathers wurde zum Triumphzug: In der ersten Zugabe standen mit “Voodoo In My Blood” sowie “He Needs Me” gleich zwei Kollaborationen am Programm. Rhythmische Finesse und vokale Akrobatik wurden hier im Gleichklang in die begeisterte Fanmenge geschleudert.

Massive Attack überzeugte in Wien

Vermissen musste man nur Tricky: Ganz zu Beginn war er ein Kollege von Del Naja und Co, bevor man getrennte Wege ging und jeweils der britischen Musiklandschaft einen Stempel aufdrückte. Mit der aktuellen EP “Ritual Spirit” gibt es ein Wiedersehen dieser ganz speziellen Kombination. Der gemeinsame Song “Take It There”, der besonders von Trickys unnachahmlichen Timbre lebt und düstere Bilder evoziert, musste live ob seines Fehlens aber nur marginal an Durchschlagskraft einbüßen.

Wie insgesamt zu konstatieren war: Trotz zuletzt immer unregelmäßig werdender Veröffentlichungen sowie einiger kritischer Stimmen, die Alben wie “100th Window” (2003) oder “Heligoland” (2010) als bloße Wiederholung tradierter Erfolgsrezepte bezeichneten, ist das Projekt Massive Attack auch im Jahr 2016 enorm überzeugend. Schwer einzuordnen war diese Musik schon immer, nur mittlerweile kümmert das ob der raschen Abfolge neuer Trends, Stile oder inhaltlicher Ausrichtungen im Popbusiness wohl niemanden mehr. Nach gut zwei Stunden wurde man in die Nacht entlassen: Glücklich ob der gebotenen Musik, ziemlich sicher verschwitzt und wahrscheinlich auch nachdenklich.

>>Das Musikjahr 2016: Viele Bands, Highlights und Festivals in Österreich

(apa/red)

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