Kindstötung in Wiener Spital: Psychische Erkrankungen spielen oft eine Rolle

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Es gibt verschiedene Auslöser, die zu Bluttaten innerhalb von Familien führen können.
Es gibt verschiedene Auslöser, die zu Bluttaten innerhalb von Familien führen können. - © pixabay.com (Sujet)
Vergangene Woche soll eine Mutter ihr Baby in einem Wiener Donauspital erstickt haben. Danach versuchte die 37-Jährige sich das Leben zu nehmen. Bei solche Vorfällen innerhalb von Familien spielen meist psychische Erkrankungen eine Rolle.

Wenn Mütter ihre Kinder töten oder dies zumindest versuchen, spielen bei ihnen häufig psychische Erkrankungen eine Rolle. Darin waren sich der Kriminalpsychologe Wolfgang Marx und der Gerichtspsychiater Reinhard Haller in Gesprächen mit der APA einig. Spekulativ sei, ob ein allfälliger sexueller Missbrauch der Kinder durch andere Familienmitglieder ein Mitauslöser sein kann.

Verschiedene Auslöser für Bluttaten innerhalb von Familien

Bluttaten innerhalb von Familien haben in der Regel drei mögliche Ursprünge, erläuterte Marx. Eine Mutter tötet ihr Kind beispielsweise, weil sie psychisch erkrankt ist. Sie will aus welchem Grund auch immer aus dem Leben scheiden und ihre Kinder vor der Welt schützen oder retten und nimmt sie in den Tod mit. “Das würde ich erweiterten Suizid nennen”, sagte Marx. Die Intention sei aber, dass sie selbst suizidal ist und aus einer Beschützerintention heraus die Kinder mitnimmt.

Die zweite Variante wäre der erweiterte Mord, wenn etwa ein (Ex-)Ehepartner einen Sorgerechtsstreit verliert und das gemeinsame Kind tötet, damit es der andere nicht bekommt. Dem Kriminalpsychologen zufolge sind hier Männer wesentlich öfter die Täter als Frauen. Die Intention ist hier, den früheren Partner gleichsam ultimativ zu bestrafen. Das Kind, das getötet wird, ist aber quasi nur “Mittel zum Zweck”.

Die dritte Variante sei die der altruistischen Partnertötung. Zwei ältere, oft kranke Partner entscheiden sich, gemeinsam aus dem Leben zu scheiden. Einer tötet den anderen und verübt danach Suizid.

Baby in Wiener Spital erstickt: Motivforschung schwierig

Marx sagte, dass Taten, die als erweiterter Suizid klassifiziert werden könnten, sehr selten sind. “Es gibt etwa 0,2 bis 0,3 Fälle pro 100.000 Einwohner jährlich. In Österreich werden etwa 14 oder 15 Fälle pro Jahr registriert.”

Bei dem am vergangenen Wochenende bekannt gewordenen Fall einer Mutter, die in einem Spital ihr Baby erstickt und dann einen Suizidversuch verübt haben soll, könnten weitere Komponenten dazukommen, welche die Motivforschung schwieriger machen könnte. Denn der Großvater soll das ältere Kind, ein vierjähriges Mädchen, zu Weihnachten sexuell missbraucht haben. Der ehemalige hochrangige Diplomat sitzt in Untersuchungshaft, er weist die Vorwürfe zurück.

Marx wies daraufhin, dass neben der klassischen Affekttat auch eine geplante Vorgangsweise möglich sei. Es dürften sich im vorliegenden Fall einige Dinge zugespitzt haben, meinte der Kriminalpsychologe. Er wies daraufhin, dass auch eine Traumatisierung möglich sei. “Dadurch wären gewisse Reaktionen in einem gewissen Zeitraum nach einem traumatisierenden Ereignis gleichsam normal.”

Kombination mehrerer Faktoren könnte Tat ausgelöst haben

Gleichzeitig sei zu sagen, dass es relativ häufig Situationen gebe, in denen jemand aus der Familie Kinder missbrauche. “Aber die wenigsten Mütter bringen daraufhin ihre Kinder um”, sagte Marx, der darauf hinwies, dass es sich rein um Spekulationen handelt, da er nicht mit den Details des Falles aus dem Akt vertraut sei. Für durchaus möglich hielt es der Experte auch, dass es sich um eine Kombination mehrerer Faktoren handelt, etwa eine psychische Erkrankung der Mutter, bei der der Missbrauchsfall – so er stattgefunden hat – eine bestimmte Reaktion mitausgelöst haben könnte.

Taten wie sexueller Missbrauch von Unmündigen werden dem Experten zufolge relativ selten von sogenannten “Kernpädophilen” verübt, also von Menschen, die ausschließlich über Kinder sexuelle Erfüllung finden. Marx bestätigte den Wiener Landespolizeipräsidenten Gerhard Pürstl, der klarstellte, dass sich die meisten Sexualstraftaten innerhalb von Familien ereignen. Aber auch in der Familie seien schwere sexuelle Gewalttaten selten. Meistens gehe es um Missbrauch über Druck und andere psychologische Strategien.

Kindstötung als “Mord aus Liebe”

Haller riet, in solchen Fällen zunächst bei einer allfälligen psychischen Erkrankung der Mutter anzusetzen. Dies ist dem Experten zufolge die häufigste Variante, es handle sich im Endeffekt bei der Kindstötung um “Mord aus Liebe”. Er habe einmal in seiner Laufbahn einen ähnlich gelagerten Fall gehabt, bei dem die Mutter ein Kind in den Tod schickte, um es vor Übergriffen zu schützen.

Bei Missbrauchsfällen in der Familie heißt es sehr behutsam vorzugehen, sagte die Notfallpsychologin Sandra Pitzl. Es gelte sich das Familiensystem anzusehen, unter dem Gesichtspunkt: “Wer braucht Schutz?” Die Expertin erläuterte: “Im Vordergrund steht der Schutz des missbrauchten Kindes.” Man müsse aber auch dessen Bezugspersonen stützen. Schuldgefühle können schwere Belastungen darstellen: “Warum habe ich mein Kind nicht ausreichend geschützt?”, lautet Pitzl zufolge oft der Selbstvorwurf. “Schuldgefühle haben eine enorme Bandbreite”, sagte die Notfallpsychologin.

>> Mutter soll Baby in Wiener Spital getötet haben

>> Großvater wegen Missbrauchsverdacht in Haft

(APA/Red)

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