Irritierender Blick vom Wohnzimmer auf “U/Tropia” bei den Wiener Festwochen

Südafrikanischer Videokünstler Brent Meistre kuratierte Schauraum im Künstlerhaus
Südafrikanischer Videokünstler Brent Meistre kuratierte Schauraum im Künstlerhaus - © Afronauts, Frances Bodomo/ Wiener Festwochen
Am Mittwoch Vormittag, den 27. Mai, eröffnete das Wiener Künstlerhaus sein Tore und zeigt mit seinem  “U/Tropia. Schauraum”, wie sehr das Unkonventionelle zum Standard werden kann. Bis Sonntag ist im Plastikersaal hinter dem Festwochen-Festivalzentrum eine Fülle von Eindrücken zu erleben, bei denen sich Mediengeschichte mit Kolonialisierungsgeschichte ebenso wie Vergangenheit und Gegenwart des afrikanischen Kontinents mischen.

“Der Ausstellungsrundgang ist wie der Rundgang durch ein Haus aufgebaut und führt vom Balkon über das Wohnzimmer bis zum Abstellraum und in die Garage”, erklärte Daniel Ebner, künstlerischer Leiter des kooperierenden Filmfestivals Vienna Independent Shorts (VIS), bei der heutigen Presseführung. “Gleichzeitig ist es auch ein Rundgang durch die Geschichte des Bewegtbildes.”

Irritierender Blick vom Wohnzimmer auf “U/Tropia”

Das VIS steuert jene vier Filme bei, die auf zwei zentral an der Raumdecke angebrachten Projektionsflächen gezeigt werden. Hier findet auch das “Liegekino” des VIS statt, bei dem bis Sonntag jeweils um 18.30 und 20.30 Uhr kuratierte Programme gezeigt werden. Die Ausstellung selbst wurde von dem südafrikanischen Videokünstler Brent Meistre kuratiert, der seinerseits im Rahmen der Wiener Festwochen auf dem Gelände der ehemaligen städtischen Sargfabrik in Wien-Liesing ein “Drive-in- und Pop-up-Kino” errichtet.

William Kentridge Reminiszenzen im Küstlerhaus

Im Schauraum gibt es viel zum Schauen und Staunen. Eine aus dem Österreichischen Filmmuseum entlehnte Wundertrommel aus den Tagen vor der Erfindung des Kinos konfrontiert einen mit einer Vogelflug-Animation, gleich nebenan ist eine riesiger Bilderrahmen angebracht, in dem Erstaunliches passiert. Bei der 15-minütigen Video-Installation von Christine Dixie, in der Gemälde ausrinnen und Filmisches mit Grafischem interagiert, ist es unmöglich, nicht an William Kentridge zu denken. Tatsächlich nimmt die 1966 geborene Südafrikanerin nicht nur auf die berühmte Bilderserie “Las Meninas” von Diego Velazquez, sondern auch auf ihre bekannten Kollegen Meistre und Kentridge Bezug.

Wenige Meter weiter kann der Besucher auf einer Ledercouch Platz nehmen und auf einem Bildschirm einer schwarzen Familie dabei zusehen, wie sie ihrerseits offenbar einen selbst am TV-Schirm betrachtet. Die absurde Situation wird ins Grauenhafte gesteigert, wenn man erfährt, dass es sich dabei um eine belgische Familie aus Ruanda handeln soll, die 1994 während des Völkermords in ihrem Heimatland eine Fernsehsendung ansieht.

Eine Installation aus Autositzen

Solche Sprünge zwischen gemütlicher Betrachtersituation und hartem politischem Hintergrund kennzeichnen den gesamten Schauraum – ob es das scheinbar schlafende, auf die Kopfpolster eines realen Bettes projizierte Paar in “Drift” von Tanya Poole oder der gespenstisch sich im Straßenbild von Kapstadt bewegende “VHS Man” von Francois Knoetze ist. Zwei Videos von Sean Hart und Erick Msumanje wurden für die Schau in eine Installation aus Autositzen eingebaut, und natürlich dürfen auch einige Smartphones mit digitalen Videos nicht fehlen.

Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit

“U/Tropia” stehe für eine Mischung aus Europa, Utopia, Dystopia und Tropia (einer Sehstörung), erläuterte Meistre. Wer seinen Blick dabei schärfen will, sollte sich Zeit nehmen. Etwa für das an der Decke laufende Video “Afronauts”, in dem sich die ghanaische Filmemacherin Frances Bodomo mit dem Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit in der afrikanischen Weltraumforschung beschäftigt.

(APA/Red.)

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