Helmut Lohner: Charakterdarsteller, Grübler und Publikumsliebling verstorben

Charakterdarsteller, Grübler und Publikumsliebling: Helmuth Lohner
Charakterdarsteller, Grübler und Publikumsliebling: Helmuth Lohner - © APA
Helmuth Lohner war ein leiser, nachdenklicher, zurückhaltender Mensch, als Schauspieler von klassischer Sprechkultur trifft auf ihn wohl wie für wenige andere die Bezeichnung Charakterdarsteller zu. Am Dienstag, den 23. Juli ist er im Alter von 82 Jahren verstorben.

In seiner letzten Regiearbeit, dem Altersheim-Stück “Schon wieder Sonntag”, hatten sich Regisseur Helmuth Lohner und Hauptdarsteller Otto Schenk viel mit Lebensabend und Lebensende beschäftigt. “Ich möchte keinen Plan fassen. Das Schicksal soll sich selber den Kopf zerbrechen”, sagte Schenk im APA-Doppelinterview. “Wie bisher”, bekräftigte sein Lebensfreund. Heute Früh ist Lohner gestorben.

Helmuth Lohner –  Ein Multitalent

Helmuth Lohner war in allen Genres zu Hause und hat fast alles dargestellt, was einen Schauspieler reizen kann: Shakespeares abgründig-bösen Richard, den zwiespältigen Dänenprinzen Hamlet, den Titus Feuerfuchs in Nestroys “Talisman”, den Faust ebenso wie den Mephisto. Er hat die vielfältigen Facetten von Schnitzler-, Tschechow- und Horvath-Figuren transparent gemacht und in komischen Rollen die Lachmuskeln der Zuschauer strapaziert. “Wenn man ihn auf ein Genre einengen will, wird man ihm nicht gerecht”, meinte sein Lebensfreund Otto Schenk, künstlerischer Partner in mehr als 20 Produktionen allein an der Josefstadt, tief betroffen in einer ersten Reaktion gegenüber der APA.

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Doch Lohner war dem Theater auch als Regisseur und als Direktor verbunden. Er inszenierte Opern und Operetten und ließ sich gleich zweimal dazu überreden, das Haus zu leiten, dem er am meisten von allen Bühnen verbunden war – nicht nur weil “der erste feste Vertrag, den ich in meinem Leben unterschrieben habe, der Direktionsvertrag mit dem Theater in der Josefstadt war”. “Man geht mit riesigen Ambitionen hinein und muss Stück um Stück Federn lassen. Die Realität wird immer härter und man kommt in eine Verzweiflung”, resümierte Lohner einmal im APA-Interview seine Direktionserfahrungen. “Diese Jahre gehören zu meinem Leben wie alles andere auch. Nie im Leben würde ich mich davon distanzieren wollen. Und ich habe bezahlt, weil ich dafür als Schauspieler auf vieles verzichten musste.”

Der Weg zum Schauspieler

Helmuth Lohner wurde am 24. April 1933 als Sohn eines Schlossers in Wien-Ottakring geboren. Zunächst absolvierte er eine Lehre im grafischen Gewerbe und holte in Abendkursen die Matura nach. Er nahm privaten Schauspielunterricht, debütierte am Stadttheater Baden und wurde dann als Operetten-Buffo an das Klagenfurter Stadttheater engagiert. Sein Josefstadt-Debüt gab Helmuth Lohner in der Rolle des Jean Pierre in “Südfrüchte” von André Birabeau am 25. Juli 1953. Bis 1963 spielte er in mehr als 60 Premieren in der Josefstadt und den Kammerspielen. Es folgten Engagements in Berlin, München, Hamburg, Düsseldorf und Zürich. Immer wieder spielte er auch am Wiener Burgtheater und bei den Salzburger Festspielen, wo er u.a. insgesamt zehn Jahre (darunter fünf Sommer in der Titelrolle) in Hofmannsthals “Jedermann” auf der Bühne am Domplatz stand.

Als Schauspieler vermittelte Lohner häufig das Gefühl, dass es eine schwierige, wenngleich lohnende Anstrengung sei, die Abgründe des Menschseins auszuloten, dass einem dabei aber nur selten echter Erfolg beschieden sei. Sein Publikum sah das anders. Er galt als Publikumsliebling und wurde mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, darunter die Kainz-Medaille (1980), der Nestroy-Ring (1988), der Titel Österreichischer Kammerschauspieler (1993), die Ehrenmitgliedschaft der Josefstadt (2003) und das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien (2006).

Der Weg zurück zum Theater

1991 kehrte Helmuth Lohner an das Theater in der Josefstadt zurück. 1997 wurde er Direktor des Theaters, an dem in der Folge Regisseure wie Luc Bondy, Peter Stein und Dieter Giesing und Darsteller wie Gert Voss und Ignaz Kirchner ihr Hausdebüt gaben. Lohner war in jeder Hinsicht ein echter Teamspieler, der aber selbst in zahlreichen Rollen dafür sorgte, dass die Kasse stimmte, und sich auch nicht scheute, in Krankheitsfällen als Einspringer den reibungslosen Theaterbetrieb zu sichern. “In der Krisensaison 2000/1, als die Sparauflagen den Betrieb gefährdeten und es für den von der Josefstadt bespielten Rabenhof kein Geld mehr gab, stand er von 300 Abenden an mehr als 200 selbst auf der Bühne, um Kosten zu sparen und Ausfälle zu ersetzen”, rechnete Eva-Maria Klinger in einem Buch über die Josefstadt vor.

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Bereits zum Ende seiner ersten Direktionszeit hatte er 2003 mit Molières “Menschenfeind” seinen Bühnen-Abschied gefeiert, sich aber ebenso zum Comeback überreden lassen wie zu seiner Rückkehr als künstlerischer Leiter nach einer einzigen Saison von Hans Gratzer. Nach zwei Saisonen übergab Helmuth Lohner dann Mitte 2006 die Theaterleitung an Herbert Föttinger und war seither vorwiegend als freier Regisseur tätig. Ausnahmen waren u.a. sein John Gabriel Borkman, den er mit einem langsam in den Wahnsinn kippenden Altersstarrsinn ausstattete, oder der Familientyrann James Tyrone in “Eines langen Tages Reise in die Nacht” (beide 2012).

Lohner’s Filmdebüt

Als Opern-, vor allem aber als Operettenregisseur war Lohner bereits früher hervorgetreten: In Zürich inszenierte er Offenbachs “Die schöne Helena” (1994) und Lehars “Die lustige Witwe” (1997), in Mörbisch “Eine Nacht in Venedig” (1999) und “Die Csardasfürstin” (2002), an der Oper Köln etwa Offenbachs “Die Banditen”, “Die Fledermaus” von Johann Strauß oder Donizettis “Liebestrank”. In Graz brachte er Offenbachs “La Perichole” heraus, an der Volksoper Wien Suppés “Boccaccio” und Mozarts “Die Zauberflöte”, in Bad Hersfeld das Musical “Les Miserables”.

Sein Filmdebüt gab Lohner 1955 in “Hotel Adlon” von Josef von Baky und spielte daraufhin häufig in Unterhaltungsfilmen (“Das Wirtshaus im Spessart”, “Die schöne Lügnerin” mit Romy Schneider, u.v.a.). 1963 begann er seine Arbeit beim Fernsehen, wo er sich in den 90er-Jahren bei “Mein Opa ist der Beste” und “Mein Opa und die 13 Stühle” (beides mit Otto Schenk) auch als Regisseur betätigte.

Die Suche nach dem “Einsamkeits-Erlebnis”

Gesellschaftliche Auftritte an der Seite seiner Frau Elisabeth Gürtler (die er im Dezember 2011 nach 19 Jahren “wilder Ehe” heiratete) waren für ihn nur Pflichtübung. Viel lieber suchte er das Einsamkeits-Erlebnis weiter Wanderungen, bei denen er die Welt, “dieses Staubkorn, auf dem wir leben”, erkundete.

In der Josefstadt, wo Helmuth Lohners letzte Inszenierung von “Schon wieder Sonntag” ab Herbst wieder an den Kammerspielen zu sehen sein wird, wurde das morgige Saisonabschlussfest abgesagt. Das Theaterleben geht jedoch weiter: Ab morgen sind drei Vorstellungen von Thomas Bernhards “Am Ziel” angesetzt, mit Helmuth Lohners Tochter Therese in der Rolle der “Tochter”.

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Reaktionen zum Tod

“Helmuth Lohner war mehr als ein großer Schauspieler. Er war ein feinsinniger Mensch und Künstler, der es aus bescheidenen Verhältnissen auf die größten Bühnen im deutschen Sprachraum geschafft hatte und dort gefeiert wurde.” So würdigte heute, Dienstag, Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) den in den frühen Morgenstunden gestorbenen Theatermann.

“Danke, lieber Helmuth Lohner, für die übermenschliche Anstrengung, die geradezu furiose Passion, mit der Du Deinem Beruf, Deiner Berufung seit Jahrzehnten gerecht zu werden versucht hast. Danke für die Art, wie Du mit allem, was Du warst und hattest, mit Deinem Hirn, Deinem Herzen und Deinem Körper unvergessliche Ereignisse geschaffen hast”, wandte sich Salzburgs Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler in einer ersten Stellungnahme direkt an ihren verstorbenen Freund.

Lohner hatte seit seinem Salzburg-Debüt 1972 insgesamt 237 Auftritte bei den Festspielen absolviert. “Er feierte wahre Triumphe in Salzburg, wahrscheinlich gerade weil er nie triumphieren wollte. Das Publikum verehrte ihn, obwohl er sich verbat Publikumsliebling genannt zu werden. Und er war ein unschlagbarer Komödiant, obwohl er das Leben nie von der spaßigen Seite nahm”, hieß es in einer Aussendung der Salzburger Festspiele. Seine Nestroy-Darstellungen hätten Festspielgeschichte geschrieben, besonders verdient habe er sich um den “Jedermann” gemacht. “Sein Vaterunser vor der Domfassade war zum Katholischwerden.”

Hochachtung für den Verstorbenen

Dem entsprechend hat auch der Salzburger Erzbischof Franz Lackner Lohner gewürdigt. Hochachtung zollte er auch dem sozialen Engagement des Verstorbenen: “Sehr oft hat er seine Begabung in Benefizveranstaltungen eingesetzt.”

Auch Mörbisch-Intendantin Dagmar Schellenberger zeigte sich bestürzt. Österreich verliere “eine seiner distinguiertesten Bühnen-Persönlichkeiten”, hieß es in einer Aussendung. Helmuth Lohner war bei den Seefestspielen Mörbisch erstmals 1999 mit seiner Inszenierung von “Eine Nacht in Venedig” tätig. Es folgten Inszenierungen der “Csardasfürstin” (2002), der “Lustigen Witwe” (2005), von “My Fair Lady” (2009) sowie der “Fledermaus” (2012), in der er auch den “Frosch” verkörperte.

>> Helmut Lohner vestorben

(APA/ Bilder: AP/APA/EPA)

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