Gratisnachhilfe in Wien: Gewerkschaft besteht auf Einsatz eigener Lehrer

Gratisnachhilfe: Gewerkschaft pocht auf Einsatz eigener Lehrer
Gratisnachhilfe: Gewerkschaft pocht auf Einsatz eigener Lehrer - © BilderBox.com (Sujet)
Die Gratis-Nachhilfe der Stadt Wien geht mit Schulbeginn in ihr drittes Jahr. Geht es nach der Lehrergewerkschaft, ist das Angebot an den Neuen Mittelschulen (NMS) und der AHS-Unterstufe allerdings zu unverbindlich. Der Grund: Hier wird die Lernhilfe von den Volkshochschulen (VHS) organisiert. Die Gewerkschaft will, dass Lehrer des Standorts die Schüler auch nachmittags fördern.

17.700 Volksschüler haben laut dem Büro von Bildungsstadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ) im vergangenen Schuljahr an ihrem jeweiligen Standort Gratis-Nachhilfe erhalten. Auch an den NMS und AHS-Unterstufen (Sekundarstufe I) hätten die meisten Lernhilfekurse direkt an der Schule bzw. (im Falle von zu wenigen freiwilligen Anmeldungen) an einer Schule in der Nähe stattgefunden, hier gab es 10.000 Anmeldungen pro Semester. Dazu kommen 16.000 Schüler, die an den 21 VHS-Standorten eines der unverbindlichen Lernangebote etwa für Hilfe bei den Hausaufgaben aufgesucht haben. Die Zahlen sind damit seit dem Start (Herbst 2014 in den Volksschulen, Februar 2015 in der Sekundarstufe I) relativ stabil.

Lehrervertreter sehen organisatorische Mankos

Das Problem an der Gratis-Nachhilfe in der Sekundarstufe I aus Sicht der Lehrervertreter: Hier unterrichtet Personal der VHS und nicht die Lehrer der eigenen Klasse bzw. Schule, die die Stärken und Schwächen der Schüler schon kennen. Diese Art der Organisation ist aus Sicht des Vorsitzenden der Wiener Pflichtschullehrer-Personalvertretung, Stephan Maresch (Fraktion Christlicher Gewerkschafter/FCG), auch ein Grund für Berichte von Lehrern, wonach genau die Schüler mit dem größten Förderbedarf die Gratis-Nachhilfe nicht nutzen.

“Nachdem in der Sekundarstufe für die Förderung 2.0 die Schüler großteils an die Volkshochschulen gehen müssen, hat man natürlich das Problem, dass genau die Kinder, die es brauchen würden, nicht hingehen”, sagt er im Gespräch mit der APA. Würde die Nachhilfe generell am Standort stattfinden, wäre die Verbindlichkeit höher. Dazu komme, dass die Schüler sich für den Lernkurs durch die VHS eigens anmelden müssten. Zwar gebe es auch Sammelanmeldungen, aber dafür müsse ein Lehrer die Organisation freiwillig übernehmen. Komme am Standort kein Kurs zustande, müssten die Schüler in eine Sammelschule oder zur VHS gehen.

Schüler nicht über Förderkurse im Klaren

An den Volksschulen wüssten die Schüler oft nicht einmal, dass sie gerade in Förderkursen sitzen, weil diese in Freistunden und die Nachmittagsbetreuung fallen würden. Das Angebot sei damit gut in den Schulalltag eingebettet. In der Sekundarstufe hingegen müssten die Schüler sich selbst anmelden und freiwillig hingehen, was eben nicht bei allen gut funktioniere. “Und auch wenn die Eltern dem Kind sagen: ‘Geh dort hin!’, ist noch immer nicht gewährleistet, dass das Kind auch wirklich dort hingeht.”

Auch Thomas Bulant von der Fraktion Sozialdemokratischer GewerkschafterInnen (FSG) plädiert im APA-Gespräch für ein Angebot am Standort durch die eigenen Lehrer. Dann würde etwa den Eltern viel schneller gemeldet, wenn das Kind einmal den Förderunterricht schwänzen sollte.

Im Bildungsressort der Stadt Wien sieht man den Unterricht durch VHS-Mitarbeiter hingegen nicht als Problem, sondern sogar als möglichen Vorteil: “Durch neue Lehrpersonen kann das Verständnis für ein Fach steigen”, heißt es in einer Stellungnahme gegenüber der APA.

Gratis-Nachhilfe Unterricht: Bis zu zehn Kinder

Derzeit erfolgt der Unterricht in Gruppen mit bis zu zehn Kindern durch Lernbetreuer, die entweder eine abgeschlossene oder begonnene Lehrerausbildung oder Fachwissen im jeweiligen Gegenstand und pädagogische Kenntnisse oder Erfahrungen haben. Die Qualifikation wird laut Wiener Bildungsressort in einem mehrstufigen Auswahlverfahren geprüft. Maresch kann sich allerdings nicht vorstellen, dass in der Praxis viele vollausgebildete Lehrer unterrichten, immerhin sei der Stundensatz an den VHS vor allem für erfahrene Lehrer im Vergleich deutlich geringer als an der Schule.

Neben der Lehrergewerkschaft hatten auch die Wiener Oppositionsparteien Kritik an der Durchführung der Förderung 2.0 durch die Volkshochschulen geübt. Die Wiener NEOS-Chefin Beate Meinl-Reisinger ortete darin eine “Querfinanzierung für die maroden Volkshochschulen”, ähnlich auch der Vorwurf der Freiheitlichen. Der Hintergrund: Für die Gratisnachhilfe-Maßnahmen der VHS sind jährlich sieben Millionen Euro budgetiert. Was mit dem Geld passiert, das mangels Kursanmeldungen nicht verbraucht wird, lässt die Stadt allerdings offen. Derzeit würden die tatsächlichen Ausgaben des vergangenen Schuljahres evaluiert. “Sollten diese Mittel nicht ausgeschöpft werden, wird in der Evaluierung beschlossen, wie mit den restlichen Mitteln verfahren wird.” Um Querfinanzierung handle es sich aber “keinesfalls”.

>>Erstmals gratis Schülernachhilfe an Wiener Volkshochschulen

(apa/red)

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