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Flüchtlingsdrama am Westbahnhof: Eltern lassen 12-jährigen Buben allein zurück

Am Wiener Westbahnhof wurde ein zwölfjähriger Flüchtling einfach zurückgelassen Am Wiener Westbahnhof wurde ein zwölfjähriger Flüchtling einfach zurückgelassen - © Wikimedia Commons/Tsui (Sujet)
von Daniela Herger - Ende September ereignete sich am Wiener Westbahnhof ein menschliches Drama: Eine fünfköpfige Flüchtlingsfamilie, die aus Afghanistan gekommen war, ließ ihren zwölfjährigen Sohn einfach zurück, weil sie sich nicht für die ganze Familie Zug-Tickets für die Weiterfahrt leisten konnte.

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Mutterseelenallein auf einem Bahnsteig in der Fremde fand sich am 29. September 2012 der zwölfjährige Shiar M. vor. Eltern und Geschwister, mit denen er Afghanistan verlassen hatte, um in Europa ein besseres Leben zu beginnen, hatten am Westbahnhof den Zug bestiegen und die Fahrt zu den Verwandten in Deutschland ohne ihn fortgesetzt, wie Polizeisprecher Roman Hahslinger VIENNA.AT mitteilte. Shiar hatten sie kurzerhand seinem Schicksal überlassen.

Vom Westbahnhof ins Krisenzentrum

Die Polizei hatte das verlassene Kind am Bahnhof aufgegriffen und ihm mit Hilfe eines Dolmetschers die bewegende Geschichte der gemeinsamen Flucht entlockt, die für Shiar in Wien ein jähes Ende fand. Seine Eltern hatten den Zwölfjährigen, der syrischer Staatsbürger ist, nicht weiter mitgenommen, weil sie sich das Zugticket nach Berlin nicht für die ganze Familie leisten konnten – nur für sich selbst, die Schwester und den Bruder des Kindes.

Der Bub, der am Bahnhof herumirrte, wurde daraufhin laut Hahslinger von den Polizeibeamten in das Krisenzentrum “Drehscheibe Augarten” verbracht, einer Anlaufstelle für unbegleitete Flüchtlinge, die in Wien aufgegriffen würden. Dort kümmert man sich derzeit um ihn. Auch mehrere Versuche, die Eltern des Buben ausfindig zu machen und mit ihnen Kontakt aufzunehmen, seien fehlgeschlagen, so Hahslinger. Man habe für Shiar M., der in dem Zentrum nun umsorgt wird, Asyl beantragt.

Die Drehscheibe Augarten über den Zustand von Shiar M.

Wie Norbert Ceipek von der Drehscheibe Augarten gegenüber VIENNA.AT berichtete, gehe es dem Buben den Umständen entsprechend gut. “Er vergisst langsam,” so Ceipek, der angab, dass es dem Kind helfe, mit Leidensgenossen, nämlich “anderen Jungs in ähnlichen Situationen”, von denen sich einige im Krisenzentrum befänden, zusammenzusein. Diesen habe er sich auch über die Geschehnisse anvertraut. “Er hat einen Alltag und ist abgelenkt.” Auch eingeschult habe man den Zwölfjährigen.

Nicht nur mit den Eltern habe man versucht, Kontakt aufzunehmen, auch die sozialen Behörden im Heimatland des Buben habe man kontaktiert, um die Eltern so vielleicht ausfindig machen zu können, und sei um ein Arrangement bemüht, um die bestmögliche Versorgung für das Kind zu gewährleisten. “Vorher lassen wir ihn nicht aus unserer Obhut,” versicherte Ceipek. Von den Verwandten in Berlin, zu denen die Eltern gefahren seien, habe man laut Ceipek eine Telefonnummer, doch auch hier habe man noch keinen Erfolg gehabt. Auch könne Shiar M. nicht genau sagen, in welchem Verwandtschaftsverhältnis diese Personen zu seiner Familie stünden.

Weitere Details zum Fall

Wie Polizeisprecher Hahslinger später am Donnerstag gegenüber der APA angab, trug der Zwölfjährige, als er am Westbahnhof aufgegegriffen wurde, keine Ausweispapiere bei sich. Um die Identität des Burschen zu klären, sei jedoch ein in Österreich lebender Verwandter kontaktiert worden, der bestätigt habe, dass der Bub aus Syrien stammt. Laut dem Polizeisprecher wird der Bub vom Jugendamt betreut.

Wie Ceipek später der APA mitteilte, habe sich das Kind nahtlos in die Gemeinschaft eingegliedert. Auch werde der Bub psychologisch betreut. “Wir werden versuchen, über die Asylanträge herauszufinden, wo die Eltern sind,” hieß es. Schließlich soll eine Zusammenführung der Familie ermöglicht werden – im Beisein des zuständigen Jugendamtes.

Über unbegleitete Flüchtlinge

Laut Ceipek käme es “nicht sehr häufig vor”, dass Kinder von den Eltern alleine zurückgelassen werden. Umgekehrt – dass die Kinder alleine in ein anderes Land voraus geschickt werden – geschehe öfters. “Die Kinder sind aber so oder so auf sich alleine gestellt”, sagte der Experte. Auch würden die Eltern von Schleppern darüber informiert werden, dass es in Ländern wie Österreich eine funktionierende Jugendwohlfahrt gibt, die sich um die Kinder kümmert.

Laut einem Bericht der “Kronen Zeitung” hatten Schlepper die Familie von Afghanistan über Serbien nach Österreich gebracht, 16.000 Euro mussten demnach dafür bezahlt werden. Für die restliche Familie ging es daraufhin weiter nach Berlin – für Shiar M. endete die Reise jedoch am Westbahnhof.

(DHE)



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