Eine fancy Bar mitten in Ottakring? Der mutige “Beimir”-Besitzer im Interview

Von Jennifer Schindl
Matthias Habringer und Tom Legat führen die außergewöhnliche Cocktailbar in Ottakring.
Matthias Habringer und Tom Legat führen die außergewöhnliche Cocktailbar in Ottakring. - © Beimir
Eine kleine, anspruchsvolle Bar mit feinsten Cocktails im 16. Wiener Gemeindebezirk? Wie das funktioniert, hat VIENNA.at im Gespräch mit ‘Beimir’-Besitzer Matthias Habringer und seinem “Cocktailjoker” Tom Legat herausgefunden.

Ottakring ist für vieles bekannt. Bei der Frage “Wo geht man in Wien zum Cocktailsschlürfen hin?” denkt man aber eher selten an den verrufenen Bezirk. Zu unrecht, wie das ‘Beimir‘ beweist.

Eine feine Cocktailbar eröffnet: Eine Sensation in Wien 16

“Der Mangel an guten Bars” war es, der Matthias Habringer dazu gebracht hat, in ein eigenes Lokal in Wien-Ottakring zu investieren. “Ich wohne hier in der Nähe und wollte selbst gerne was Gutes trinken ohne so weit fahren zu müssen”, erzählt uns der ‘Beimir’-Besitzer von seiner ursprünglichen Motivation. Selbstlos hat er sich damit quasi für die Grätzl-Allgemeinheit geopfert um hier “endlich Stil und Qualität zu bieten”.

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Das Geld für die Bar-Eröffnung stammt “hauptsächlich aus viel Arbeit neben dem Volkswirtschaftsstudium, Sparsamkeit und Taschengeld von Oma”, erzählt uns Matthias. Ob der Studiumsabschluss hilft beim Barführen, darüber sind sich der Lokalbesitzer und seine rechte cocktailmixende Hand, Tom Legat, uneinig: “Der Tom sagt es bringt nichts”, witzelt der Bargründer, “ich glaub schon, dass es was fürs Allgemeinverständnis von Zahlen und Finanzen gebracht hat und das viele Lernen die grauen Zellen aktiviert hat – fachspezifisch hilfts wohl eher nicht”, erklärt er. Was ihn so optimistisch stimmen hat lassen, dass das Ottakringer Lokal gut laufen wird, wollen wir wissen. “Wenn man etwas mit Leidenschaft und Qualität macht, ist der Erfolg relativ standortunabhängig”, ist sich Matthias sicher. Trotzdem gab es viele Skeptiker, als er Freunde und Verwandte in seine Pläne einweihte, erzählt er uns, “teilweise auch gar nicht erfreut – vor allem die Omas”, kann der Lokalführer heute darüber lachen.

Wie funktioniert fancy in Ottakring?

Wir begeben uns auf Geheimnissuche, um herauszufinden, wie ein trendiges Konzept in Wien 16 funktionieren kann und hinterfragen das Herzstück des Barkonzepts: “Hast du schon vor deinem Cocktailjoker Tom auf gute anstatt auf billige Cocktails gesetzt?”, wollen wir wissen. “Ja ich habe immer schon auf qualitativ hochwertige Spirituosen und Zutaten geachtet. Allerdings habe ich hauptsächlich die Klassiker unter den Cocktails gemixt. Mit dem Tom ist dann der fancy Stuff gekommen – er hat die Kreativität mitgebracht.” Seitdem findet man in der Karte, die etwa vier Mal im Jahr überarbeitet wird, auch Cocktails mit Butter, Eiweiß, Ahornsirup oder Speck – teilweise original ‘Beimir’-Kreationen. Man darf sich an die ausgefallenen Drinks herantrauen – die Resonanz der Gäste spricht für sich: “Die werden immer beliebter”, erzählt uns Matthias. Aber auch für weniger mutige Besucher ist gesorgt: “Die klassischen Cocktails kann man immer haben, auch wenn sie nicht auf der Karte stehen – das macht eine gute Bar aus”, findet der Barbesitzer. Eine gefüllte Speisekarte sucht man im ‘Beimir’ vergeblich. Wer hungrig ist, hat die Wahl zwischen Sandwiches und Kuchen. Man darf aber auch auf süchtigmachende gratis Kräuter-Popcorn hoffen.

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“Ich genieße es besonders mein eigenes Ding zu machen und mein eigener Chef zu sein”, erzählt Matthias von der Regenbogenseite der Selbstständigkeit. Wer sich jetzt überlegt seinem Beispiel zu folgen, sollte nicht vergessen, wieviel Vorbereitung ein normaler Arbeitstag, noch vor Lokalöffnung, in Anspruch nimmt: “Man sollte als Lokalführer nicht mehr damit rechnen, dass man Freizeit hat”, wird Gleichgesinnten geraten. “Lokal putzen, Einkäufe erledigen, Buchhaltung machen, Fruchtsäfte pressen, Reservierungen checken, …”, beginnt Matthias seine Aktivitäten aufzuzählen. “Es gehört schon einiges dazu”, fasst Tom zusammen. Und auch das Ende des Arbeitstages ist oft nicht abzusehen: “Wir gehen erst dann nach Hause wenn alle glücklich sind”, sagt Tom. Sein Chef hält sich, was die Sperrstunde betrifft, natürlich streng an die Betriebsanlagengenehmigung. Die beiden sind ein eingespieltes Team, wodurch Tom es genießt, sich “an keine Vorschriften von seinem Chef halten zu müssen”.

Das ‘Beimir’ als Grätzl-Glücklichmacher

Nach beinahe einem Jahr Betrieb ist das erste Resümee des Geschäftsführers durchwegs positiv: “Ich bin sehr erfreut und dankbar über die Beliebtheit in der Nachbarschaft und hatte auch sehr viel Glück mit Tom. Es ist allerdings schon sehr viel mehr Arbeit als gedacht”, fasst er den Lokalstart zusammen. “Generell sollte man die Erwartungen niedrig halten und sich darüber freuen, wenn sie übertroffen werden”, rät Mathias ebenso couragierten Lokalgründern. “Mit Leidenschaft und Liebe funktionierts schon”, macht er dann aber doch Mut.

Die Anwohner nehmen das Angebot begeistert und dankend an: Am Wochenende lassen sich ohne Reservierung mittlerweilerweile nur noch Restplätze an der Bar finden. Aber auch ein solch spontaner Besuch wird belohnt. Denn an der Bar wird eine kostenlose Cocktail-Mix-Show geboten, die eine unmittelbare Gefahr der starken Alkoholisierung birgt. Denn die Kreationen, denen man mit großen Augen bei der Entstehung folgt, machen Lust auf mehr. Und mehr und mehr.

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