Eddie Redmayne über “The Danish Girl”: “Geschlecht ist ein Spektrum”

Eddie Redmayne gilt für die Rolle in "The Danish" als Oscar-Anwärter Eddie Redmayne gilt für die Rolle in "The Danish" als Oscar-Anwärter - © AP
In “The Danish Girl” verkörpert Eddie Redmayne ein Jahr nach seinem Oscar für die Darstellung des ALS-kranken Astrophysikers Stephen Hawking in “Die Entdeckung der Unendlichkeit” eine Frau, die im falschen Körper geboren wurde.

Die Annäherung an Transgender-Pionierin Lili Elbe habe ihn wesentlich toleranter und wissender gemacht, wie der Brite bei den Filmfestspielen Venedig im Interview erzählte.

Sie verkörpern in “The Danish Girl” den dänischen Maler Einar Wegener, der im Lauf des Films erkennt, dass er im falschen Körper geboren wurde und sich, um als Lili Elbe zu leben, 1930 als vermutlich erster Mensch überhaupt einer Geschlechtsumwandlung unterzieht. Wie sind Sie an die außergewöhnliche Figur herangegangen?

Eddie Redmayne: Die Vorbereitung auf diese Rolle war eine außergewöhnliche Erfahrung. Ich habe viele Transmänner und -frauen aus verschiedenen Generationen kennengelernt, die mich so viel gelehrt haben und das noch heute tun. Ich konnte ihnen jede erdenkliche Frage stellen, um ihren Kampf darum, sie selbst zu sein, besser zu verstehen. Ihre Offenheit und Großzügigkeit war unglaublich. Es war weniger die körperliche als die emotionale Reise in Lilis Psyche, die für mich herausfordernd war. Alle Transfrauen, die ich kennengelernt habe, erzählten mir, dass sie schon als Kinder gemerkt haben, dass ihr Geschlecht nicht dem entspricht, das ihnen bei der Geburt zugeordnet wurde. Mir ging es darum, dass Lili nach und nach diese Schichten ihres Lebens als Einar ablegt.

Das erste Foto von Ihnen vom Set hat Anfang 2015 große Aufmerksamkeit generiert. Wie haben Sie reagiert, als Sie sich das erste Mal als Lili im Spiegel sahen?

Redmayne: Erstmal dachte ich: Ich sehe genauso aus wie meine Mutter! (lacht) Aber es gab nicht diesen einen Moment, es war vielmehr ein langer Prozess. Eine der Transfrauen, mit denen ich mich bei der Vorbereitung zu diesem Film angefreundet habe, erzählte mir, dass es während ihres Übergangs eine Phase gab, die sie als Hyperfeminisierung bezeichnet: Du lernst gerade erst Make-Up kennen und verwendest anfangs vielleicht zu viel, übertreibst bei deinem Gang, trägst Kleidung, die vielleicht zu aufreizend ist. Diese Entdeckungsreise ist wie eine abermalige Pubertät.

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Haben die Unterscheidungen von angeblich femininen und maskulinen Verhaltensweisen und Eigenschaften Sie bei diesem Prozess beeinflusst?

Redmayne: Was ich gelernt habe, ist, dass Geschlecht ein Spektrum und nicht binär ist. Die Auffassungen darüber, was weiblich und was männlich ist, sind altmodisch und brechen hoffentlich langsam auf. Ich war auf einer reinen Bubenschule und habe oft Frauen gespielt. Es gibt diese Tradition am englischen Theater, dass Männer Frauenfiguren spielen. In meinem ersten professionellen Theaterstück habe ich Viola in “Was ihr wollt” gespielt, und Mark Rylance war Olivia. Bei der Schauspielerei gibt es diese Freiheiten.

“The Danish Girl” spielt sich zugleich in einer Zeit ab, in der die Geschlechterkonventionen noch stärker ausgeprägt waren als heute.

Redmayne: Eines der faszinierendsten Elemente für mich an Lilis Übergang war, in welcher Zeit dieser stattgefunden hat. Das war eine interessante Zeit für Frauen. Die Männer waren alle in den Krieg gezogen und Frauen haben den Haushalt geregelt und die Jobs der Männer übernommen. In der Architektur war es die Zeit des Jugendstils, der was Feminines hatte, und die Zeit der Androgynie in der Mode, Frauen trugen plötzlich kurze Haare. Es gab so viele Veränderungen, Verlagerungen und Freiheiten, und doch noch so viele festgefahrene Restriktionen.

Als Gerda Wegener (gespielt von Alicia Vikander) ihren Mann als Lili malt, spricht sie vom weiblichen Blick. Der männliche Blick wird deutlich, wenn Einar als Lili in einen Ballsaal tritt und plötzlich anders angesehen wird. Ist das etwas, das Sie seitdem bewusster wahrnehmen?

Redmayne: Nie zuvor habe ich mich derart beurteilt und beobachtet gefühlt wie an dem ersten Tag, als ich als Lili ans Set kam. Ich weiß nicht, ob es an der großteils männlichen Crew lag, die mich dahingehend beurteilte, ob ich als Frau durchgehe, ob ich lächerlich aussehe. Dieses Gefühl, so überprüft zu werden, ist schrecklich. Viele Transfrauen haben mit mir über diese Blicke gesprochen und die Angst, die damit einhergeht. Ich habe das in einem sehr sicheren Umfeld erlebt, also war es nichts im Vergleich dazu, wie sie sich fühlen müssen, nachdem Drohungen, Gewalt und Belästigungen gegenüber Transfrauen, vor allem jene schwarzer Hautfarbe, gängig sind.

Den meisten Menschen sind diese Gefahren, diese Geschichten nicht bekannt. Was haben Sie aus dieser Erfahrung gelernt, welche Ansichten womöglich korrigiert?

Redmayne: Es gibt so viele Belange, in denen ich total ignorant war! Etwa was die Tatsache angeht, dass Geschlecht und Sexualität zwei unterschiedliche Dinge sind. Ich war zu ignorant, um das richtig zu verstehen oder gar erst darüber nachzudenken. Auch über das Maß an Gewalt, die 41-Prozent-Suizidrate unter Transgender-Menschen und das Faktum, dass man in 32 US-Bundesstaaten noch immer dafür gefeuert werden kann, Transgender zu sein. Diese Statistiken zeigen doch, dass eines der simplesten Dinge auf der Welt – die Suche danach, man selbst zu sein – von der Gesellschaft verkompliziert wird. Man darf nicht aufhören, sich weiterzubilden!

Hat der Film in diesem Sinne auch eine politische Verantwortung?

Redmayne: Ich hoffe, der Film wird den Dialog weiter treiben. Fast 100 Jahre sind seitdem vergangen und wir Cisgender (Menschen, deren Geschlechtsidentität mit ihrem körperlichen Geschlecht übereinstimmt, Anm.) fangen gerade erst an, das zu thematisieren, uns aufzuklären und mit der Transgender-Bewegung zu verbünden. Das ist eine Bürgerrechtsbewegung, die Gehör verdient. Ich hoffe, die Liebesgeschichte und die Idee, dass man die Seele, nicht den Körper eines Menschen liebt, wird hoffentlich gesehen und verstanden – auch, wenn der Kern komplizierter ist.

This photo provided by Focus Features shows, Eddie Redmayne as Lili Elbe, in Tom Hooperís "The Danish Girl." The Hollywood blacklist drama “Trumbo” scored a leading three Screen Actors Guild Awards nominations, Wednesday, but it was sleeper contenders “Beasts of No Nation” and “Straight Outta Compton” that entered the awards conversation in a real way when both were nominated for best ensemble drama. The lead actor nominees were a bit more expected, with recognition for Bryan Cranston (“Trumbo”), Johnny Depp (“Black Mass”), Leonardo DiCaprio (“The Revenant”), Michael Fassbender (“Steve Jobs”), and Redmayne (“The Danish Girl”). (Focus Features via AP)

Die Dreharbeiten zu “The Danish Girl” starteten rund um Ihren Oscar-Gewinn für “Die Entdeckung der Unendlichkeit”. Wie war diese Zeit, und dieser Moment des Gewinns für Sie?

Redmayne: Es war eine Zeit, die ich wie im Rausch erlebt habe, und die ich nicht so recht fassen kann. Das Seltsame ist, wie schnell es bei der Verleihung selbst geht. Man sitzt auf seinem Platz und bekommt gesagt, dass man sich nicht weg bewegen darf. Um einen herum sitzen Frauen in Kleidern, in denen sie kaum atmen können. Alle sind nervös, die Kameras sind auf dich gerichtet und du weißt nicht, wo du hinschauen sollst. Dann wird dein Name genannt und Cate Blanchett überreicht dir die Statuette. Und in der Sekunde, in der es vorbei ist, stehst du in einem Raum vor versammelter Presse und wirst gefragt, wie es sich anfühlt. Dabei hatte ich noch nicht mal die Gelegenheit, meine Ehefrau zu umarmen. Direkt danach geht es zu einer Party mit Tausenden Journalisten. Der erste Moment, den ich für mich hatte, war um vier Uhr morgens im Hotelzimmer mit meiner Frau und acht engen Freunden. Als die Sonne über dem Sunset Boulevard aufging und ich dieses Ding in den Händen hielt, war das ein unglaublicher Moment.

Nach zwei derart transformativen Rollen – Stephen Hawking und Lili Elbe – sind Sie demnächst im “Harry Potter”-Prequel “Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind” zu sehen. Ist das so etwas wie eine Atempause?

Redmayne: Einfacher ist es eigentlich nie, weil ich weiß, dass immer so viel auf dem Spiel steht. Bei “Fantastic Beasts” geht es immerhin um J.K. Rowlings Welt! Sie ist ein Genie und ich liebe alles, was sie geschrieben hat und was aus ihren Büchern entstanden ist. Nun darf ich diese Welt betreten und will nicht derjenige sein, der sie zerstört. Ich bin nicht die Art Schauspieler, der sagen kann: “Oh, diese Rolle übernehme ich jetzt nur aus Spaß.” Wenn man danach strebt, es richtig zu machen, ist es schwierig, den Prozess zu genießen. Aber ich arbeite daran, es mehr zu genießen!

> Trailer und Kritik zu “The Danish Girl”

(Die Fragen stellte u.a. Angelika Prawda/APA/ Bilder: AP)

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