AnnenMayKantereit im Interview: “Wir versprachlichen Gefühle”

Von Amina Beganovic
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"Nix Konkretes" haben AnnenMayKantereit zu sagen - und füllen dennoch ein Album.
"Nix Konkretes" haben AnnenMayKantereit zu sagen - und füllen dennoch ein Album. - © Fabien J. Raclet
“Alles Nix Konkretes” lautet der kryptische Titel des Debütalbums der deutschen Band AnnenMayKantereit, die mit ihrem reduziert-gefühlsbetonten Sound auf dem besten Wege sind, zum Sprachrohr einer hippen, unverstandenen Jugend zu werden. VIENNA.at traf das Quartett zum Gespräch.

Vier Mittzwanziger, die als Straßenmusiker in Köln erstmals von sich Reden machten und von den Höhen und Tiefen junger Liebesbeziehungen (“Pocahontas”), ihren Vaterfiguren (“Oft Gefragt”) oder dem Damoklesschwert des Erwachsenwerdens (“21, 22, 23”) erzählen: Die Band AnnenMayKantereit ist ein weiteres aktuelles Phänomen im deutschsprachigen Pop-Wirbel, der mittlerweile so viele hippe Indie-Bands hervorbringt, dass man mitunter den Überblick verliert.

Das junge Quartett sticht aus diesem Wirbel heraus. Auch, wenn sich mancher Musikkritiker bereits fragt, warum. “Haben die jungen Leute das verdient?” fragt etwa die Zeit, und nennt sie – wenig rühmlich – “eine Band für die Nachfahren der Generation Y”.

Man kann davon angetan sein oder weniger, Fakt ist: Reibeisen-Stimme Henning May und seine drei Mitstreiter Christopher Annen, Severin Kantereit und Malte Huck treffen mit ihrer gefühlsbetonten, mitunter sehr reduzierten Musik offensichtlich einen Puls der Zeit – denn die aktuelle Tournee zu ihrem Debütalbum “Alles Nix Konkretes” (VÖ 18. März 2016, Universal Music) ist bereits restlos ausverkauft. So auch die Show in Wien am 23. April in der Arena. VIENNA.at traf die vier Herren aus Köln anlässlich ihres Album-Releases davor auf einen Kaffee.

AnnenMayKantereit im Interview

Seid ihr gerne bei uns in Wien zu Besuch?

Henning: Wir sind ja nicht zum ersten Mal hier in Wien. Wir haben hier schon im B72 gespielt, im WUK, mit Bilderbuch in der Arena. Es ist für uns immer noch aufregend, in eine andere Stadt zu fahren und Interviews zu geben … das ist ja nichts, das wir schon seit zehn Jahren machen. Es ist für uns das erste Mal!

Als Straßenmusiker habt ihr angefangen, jetzt erscheint euer erstes Album bei einem Major-Label. Hättet ihr euch das vor paar Jahren noch vorstellen können?

Severin: In dem Rahmen bestimmt nicht. Wir hatten schon lange den Plan, Musiker und Band zu sein, aber wir wussten am Anfang ja nicht, was das bedeutet.

Also gab es doch einen “konkreten” Plan?

Henning: Am Anfang war das nicht der konkrete Plan – nicht so, wie wenn man Lehramt studieren würde, um dann wirklich Lehrer zu werden. Aber der schöne Gedanke, von Musik leben zu können, ließ sich nie wirklich besiegen bei uns. Bis wir wussten, dass wir das schaffen könnten, ist natürlich einige Zeit vergangen. Erst vor rund eineinhalb Jahren haben wir gemerkt, dass es tatsächlich was wird. Dass wir kein Geld mehr von unseren Eltern brauchen, weil wir so viele Konzerte spielen.

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Foto: Fabien J. Raclet

Christopher: Man lernt das alles Schritt für Schritt, vom Auftritt im kleinen Club bis hin zur Tour mit den Beatsteaks. Von solchen Leuten bekommt man auch sehr mit: Wie geht man cool mit seiner Vorband um, wie kann man nach 20 Jahren im Geschäft noch immer so toll Musik machen. Die sind wie Patenonkels für uns!

Henning: Stimmt, es ist toll, wenn man eine viel bewunderte Band trifft und dann merkt, dass die sich selbst gar nicht über dich gestellt sehen. Wir haben ja für mehrere Shows Support gespielt – und das war die einzige Band, die vor dem Konzert vollständig zu uns in den Backstage gekommen ist und sich vorgestellt hat. Wir sind voller Lob für die und haben viel von ihnen gelernt, vieles, das wir auch so umsetzen möchten – natürlich mit dem Gedanken, noch 20 Jahre Musik zu machen.

Früher habt ihr alles in Eigenregie und “handgemacht”, was hat das große Label für Veränderungen für euch gebracht?

Christopher: Es war nicht so, dass wir Straßenmusiker waren und dann plötzlich das Riesenlabel hatten. Das hat sich bei uns nach und nach entwickelt. Erst der Booker, dann der Manager … wir haben ein paar Dinge Stück für Stück aus der Hand gegeben. Die Arbeitsweise hat sich dadurch geändert, dass wir zwei Wochen Studioaufnahmen nun vom Label finanziert bekommen. In der Art wie wir Musik machen wollen bzw. wie wir nach außen hin wirken möchten hat sich nichts verändert. Wir hatten von Anfang an ein ziemlich klares Profil, wie wir auf Leute wirken wollen.

Wie ist denn das Profil?

Christopher: Dass es nah bei dem bleiben soll, wie wir wirklich sind, wie wir miteinander umgehen. Das wollen wir auch auf der Bühne nach außen tragen. Dass wir weder die krassen Mucker noch die ausgecheckten Gesellschaftskritiker sind. Wir sind einfach vier Jungs aus Köln, die Musik zusammen machen, ohne den großen Plan, irgendetwas umzuwälzen. Und das kann man auch bei einem Label so weiterführen.

Heißt das Album deswegen „Alles nix Konkretes“?

Christopher: Wir wollten vor allem eine Songzeile als Albumtitel haben, nicht unseren eigenen Namen. Wir haben uns für diese Zeile entschieden, weil es unsere Situation ganz gut wiedergespiegelt hat, weil wir nicht wussten, wie das noch alles weitergeht …

Es heißt, ihr besingt euren „eigenen Erfahrungsschatz“ – gibt es davon so viel, wenn man noch so jung ist?

Henning: Alles, was wir auf dem Album haben, sind unsere Erfahrungen. Ich finde nicht, dass wir für Leute in unserem Alter überdurchschnittlich viele davon haben, sondern die einfach versprachlichen. Das ist wohl das Entscheidende. Wir sprechen mehr Dinge auf der Gefühlsebene an als andere Leute in unserem Alter. Das bedeutet nicht, dass wir das „besser“ könnten als andere oder „mehr“ Gefühle haben. Ich denke, es ist ganz schön für Leute, die gerne Musik hören, Texte dazu zu haben, die sich mit der eigenen Lebenswelt verknüpfen lassen. Da muss man vorsichtig sein, wir sind keine so besonders erfahrenen jungen Menschen. Ich glaube, dass wir in einigen Bereichen noch ziemlich unwissend sind.

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Die Band im Interview mit VIENNA.at. Foto: Daniela Herger

Wo fehlt es denn an Erfahrungen?

Henning: Da gibt’s viel. Sei es, dass keiner von uns studiert hat, keiner von uns ist Jurist oder Architekt. Auch in unserem Beruf gibt es noch viel, über das wir noch nicht so genau Bescheid wissen, wozu wir noch lernen können. Seien es Interviews, oder Konzerte vor 5.000 Leuten. Das kennen wir alles nicht, das finden wir gerade erst heraus. Und das ist schön.

Bei uns in Wien spielt ihr wieder im April, die Show ist bereits ausverkauft. Worauf können sich die Wiener freuen – und worauf freut ihr euch in Wien?

Henning: Wir haben einen simplen Anspruch: Dass jedes Konzert von uns das bestmögliche spielerische Können herausholt. Das hat fast schon etwas Sportliches, wie ein Wettkampf. Daher können sich die Wiener darauf freuen, dass wir immer voller Leidenschaft bei der Sache sind, dass wir einige neue Songs spielen werden. Und wir freuen uns immer auf Wien, weil es für uns ein unglaubliches Gefühl ist, in der größten Stadt Österreichs zu spielen. Das ist ein Privileg, an einem anderen Ort Musik machen zu dürfen. Schon in einem anderen Land zu sein ist für uns ein Grund zur Vorfreude. Das ist das Schönste – und das zu genießen ist das Wichtigste für uns.

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