Wiener Burgtheater: In “MacBeth” wüten die Zombies

In MacBeth geht es um die Blutige Suche nach dem Kern des Wahns.
In MacBeth geht es um die Blutige Suche nach dem Kern des Wahns. - © APA/HANS KLAUS TECHT
Seit Freitag wird das Burgtheater von Zombies besetzt: Der 34-jährige deutsche Erfolgsregisseur Antu Romero Nunes hat schon Shakespeares “schottisches Stück” mit nur drei Schauspielern in Szene gesetzt und sucht in seiner Interpretation von “MacBeth” nach dem Kern der Tragödie.

Das alles geschieht in nur 100 Minuten auf einer Bühne, die exakt den Zuschauerraum des Burgtheaters nachbildet. Macbeth ist also – kein Zweifel – mitten unter uns. Zu Beginn stehen die Türen zu den Gängen sowohl auf der Bühne von Stephane Laime als auch im Zuschauerraum offen, das Saallicht brennt. Aus der Ferne dringt ein markerschütterndes Kreischen in den Saal, dann laufen rund 30 Mädchen in weißen Nachthemden und mit langen Haaren durch die Szene. Wovor sie so erschrocken fliehen, wird alsbald klar: In blutroten Roben, mit langen roten Haaren, mit hohen Stirnen und tiefen Augenhöhlen erscheinen Christiane von Poelnitz, Merlin Sandmeyer und Ole Lagerpusch und gruppieren sich in abenteuerlichen Verrenkungen im Zentrum eines Pentagramms. Zwischen den Kleidern blitzen Knochen und Muskeln hervor – Zombiealarm.

“Heil dir, Macbeth”, skandieren sie bedrohlich. Daraufhin löst sich Lagerpusch aus dem Hexen-Trio und wird für den restlichen Abend zu jenem Mann, der nach der folgenden Weissagung der Hexen nicht nur den König, sondern jeglichen (scheinbaren) Widersacher ermorden wird und über seine Taten dem Wahnsinn verfällt. Ihm zur Seite steht von Poelnitz als rasend machtgierige Lady Macbeth, die ihren Ehemann bestärkt, für den Thron über Leichen zu gehen. Merlin Sandmeyer bleibt es schließlich, den zu ermordenden König zu geben, der abends in Macbeths Haus kommt, um mit ihm seine Heldentaten in der vorangegangenen Schlacht gegen den norwegischen König zu feiern. Während Lagerpusch einen bereits von Anfang an neben sich stehenden, wie im Fiebertraum durchs Leben wandelnden Macbeth gibt, sprüht seine Lady vor wahnsinnigem Tatendrang. König Sandmeyer betrachtet das Treiben in Drag-Kostüm und verkehrt aufgesetzter Papp-Krone eher belustigt und lässt sich bereitwillig morden.

Theaterblut in Neuinterpretation des Stücks

Kaum ist die Tat begangen und ordentlich viel Theaterblut auf den Bühnenwänden verschmiert, spult Nunes zurück zum Anfang: Es geht von vorne los, allein diesmal schält sich nicht der König, sondern Macbeths Heerführer und Freund Banquo aus dem Trio, der gemeinsam mit Macbeth auf die Hexen (nunmehr allein: von Poelnitz) trifft. Dann wird der König hinter den Kulissen noch einmal gemordet, diesmal scheint Macbeth bereits Gefallen am Blutrausch zu finden, den er nach begangener Tat gemeinsam mit Lady Macbeth “veratmet”. Er wird zum König und sucht sein nächstes Opfer: Sandmeyer als Banquo muss minutenlang im dichten Theaternebel gegen die Drehbühne anlaufen, während das Ehepaar Macbeth auf dem Balkon im ersten Stock die neu erlangte Macht genießt und den Mord Banquos plant, dem die Hexen schließlich weisgesagt haben, dass seine Kinder einst die Krone tragen werden.

Den restlichen Abend lässt Nunes dann im diffusen Schnelldurchlauf abspulen, schließlich bleiben durch das Streichen von mehr als 20 Rollen wenige Gesprächspartner übrig. Sandmeyer verwandelt sich noch in die schwangere Lady Macduff, während schon wieder die Mädchenschar als der “wandelnde Wald” aus dem fünften Akt die Bühne betritt, um hinter der sich selbst richtenden Lady Macbeth den Song “Central Park” des französischen Musikers Woodkid zum Besten zu geben, in dem es heißt: “For on a day like today / There is only high, other madness reigns”. Dann ist Schluss. Der Wahn siegt über die Abscheu vor der Tat. Viel Applaus für das sich ganz dem Irrsinn hingebende Mini-Ensemble und den mutigen Regisseur. Mehr als eine kühne Versuchsanordnung ist dieser “Macbeth” zwar nicht, in seiner Radikalität bringt er aber einige bemerkenswerte Bilder ans Licht, die sonst wohl eher in den Köpfen verborgen bleiben.

APA/red

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