Ultra-Fanszene: "Pyro hat mit Gewalt nichts zu tun"

Austria-Ultras: "Pyro hat mit Gewalt nichts zu tun"
Austria-Ultras: "Pyro hat mit Gewalt nichts zu tun" - © vienna.at
In Österreichs Fußballstadien hat es sich ausgebrannt – zumindest wenn es nach dem Innenministerium geht. Mit dem ab Jänner geltenden Pyrotechnikgesetz 2010 werden die in der Fanszene beliebten Bengalischen Fackeln verboten. Die Fans reagieren landesweit mit Unverständnis. “Wir lassen uns nicht in die Knie zwingen – es wird sicher weiterbrennen”, sagt das Direttivo Viola Fanatics, der führende Ultra-Fanclub der Wiener Austria.

436 Euro sind kein Pappenstiel. 436 Euro sind die neue Mindeststrafe für die Verwendung pyrotechnischer Gegenstände wie etwa Bengalischer Fackeln bei Sportveranstaltungen. In der Erläuterung des Innenministeriums zum Gesetz werden die drastischen Strafen als “wirksame, angemessene und abschreckende Sanktionen” bezeichnet. Die Mindeststrafe solle außerdem das “Sicherheitsrisiko für Spieler und Fans noch stärker ins Bewusstsein rufen”, so das Ministerium.

2.000 Grad Hitze
Ob Bengalische Fackeln überhaupt ein so großes Sicherheitsrisiko sind, darüber gehen die Meinungen freilich – nicht nur politisch – weit auseinander. Das Ministerium hantiert mit Zahlen: 2.000 Grad beträgt die Abbrandtemperatur eines “Bengalen”, wie die bunten Farblichter in der Fanszene genannt werden. Und: „In der vergangenen Fußballsaison gab es 324 Verstöße gegen das Pyrotechnikgesetz“, zitiert Innenministerin Maria Fekter die Statistik. Wie viele der zitierten Verstöße auch tatsächlich gefährlich waren, erschließt sich daraus jedoch nicht.

Ultras lehnen das Gesetz ab
Für die aktiven Ultra-Fangruppen der Vereine sind die Leuchtfackeln ein wichtiger Teil ihrer Choreographien. Hier stößt das neue Gesetz auf breite Ablehnung. “Durch Bengalen hat es bei uns in acht Jahren noch nie Verletzungen gegeben”, sagt das Direttivo (die Direktion) der Viola Fanatics, der führenden Ultra-Gruppe der Wiener Austria im Gespräch mit Vienna Online. Die Fanatics sind seit 2001 aktiv, man lebe den “italophilen Style und den südländischen Support” aus, das Ultra-Fantum ist für sie eine “Kultur und Lebensphilosophie”.

“Weiter weggehen, dann kann nichts passieren”
Für die Fanatics ist der Umgang mit den Bengalen Routine: “Die Kritiker der Pyrotechnik glauben, da wird wild angerissen und herumgefuchtelt. Dabei wissen die Leute ganz genau: Weiter weggehen, dann kann nichts passieren. Wir zünden großteils auch nur ganz vorne, und nicht in der Menge.” Dass Bilder von leuchtenden Fantribünen benutzt werden, um Gewalt zu symbolisieren, sei grundfalsch. “Wir haben den Eindruck, dass in den Medien gegen uns gearbeitet wird, zum Beispiel beim ORF. Ob es die Anpfiffzeiten sind oder die Kommentare. In der Vorschau wird die Osttribüne gezeigt – wo es brennt, wo die Fans toben. Damit wird dem Otto Normalverbraucher versprochen, dass bei dem Spiel was los ist.”

“Pyro hat mit Gewalt nichts zu tun”
Dass das Verbot der Leuchtfeuer in Zusammenhang mit der Bundesliga-Aktion “Welle gegen Gewalt” gebracht wird, verstehen die Fanatics nicht. “Pyro hat mit Gewalt überhaupt nichts zu tun. Es ist auch noch nicht vorgekommen, dass bei Zusammenstößen pyrotechnische Gegenstände eingesetzt worden sind.” Es sei natürlich leichter, einen auf der Tribüne auszumachen, wenn er mit einer Fackel in der Hand dastehe. “Wenn einer bei der Kantine was einhaut, dann interessiert das niemand. Wenn auf der Tribüne einem das Geldbörserl gezogen wird, interessiert das in Wirklichkeit auch keinen.” Mit dem Pyro-Verbot “soll dem ‘normalen’ Stadionbesucher auf der Haupttribüne Sicherheit suggeriert werden”, sagen die Austria-Ultras.

“Unüberlegt wird nichts gemacht”
“Auf keinen Fall” gäbe es für die Fanatics Alternativen zu den Bengalen – nichts, das in der Kurve ein ähnliches Bild erzeuge. Daher werde auch zukünftig mit den Fackeln Stimmung gemacht: “Man wird vorsichtiger sein und noch überlegter handeln, als man das sowieso schon macht.” Die Ultras sind straff organisiert, und das Direttivo hält die Fäden in der Hand. “Unüberlegt wird grundsätzlich überhaupt nichts gemacht.”

Verbote sind nichts Neues
Auch bisher war das Hantieren mit den Bengalen schon verboten, und “die Daten der ganzen Leute der Fanclubs haben Polizei und Verband sowieso.” Auch bisher habe es Strafen gegeben, “vom Verein, von der Bundesliga, von der MA 36 (Veranstaltungsbehörde, Anm.). In Summe zirka 300 Euro. Stadionverbote hat es deswegen nie gegeben, aber sie haben immer gewusst, welche Leute anzünden. In Italien ist es anders, da sind die Szenen und die Gruppen viel größer. Bei uns ist es leicht, die etwa 50 Aktiven vom harten Kern zu identifizieren.”

Kooperation mit Verein
Zum Verein gebe es gute Kontakte seitens der Fanatics, die Zusammenarbeit habe in der Vergangenheit auch schon funktioniert. Es werde zwar nicht in jeder Hinsicht kooperiert, aber in einigen. ”Wenn der Verein an uns herantritt und sagt, es gibt Probleme mit der Bundesliga, diesmal bitte keine Pyrotechnik, dann kommt man dem nach.” Wenn wirklich einmal in großem Rahmen gezündet wurde und “80 oder 100 Bengalen” brennen, mache sich keiner die Arbeit und sage: “Der, der und der war’s. Dann redet man mit den Leuten: Reisst euch für ein paar Wochen wieder zusammen.” Eine Zusammenarbeit mit der Polizei gebe es allerdings grundsätzlich nicht.

“Über die springen wir drüber”
Trotz aller Kooperation sehen die Ultras die Fankurve als ihre Heimat an. In ihrem Reich wollen sie sich nicht dreinreden lassen. “Wir lassen uns von keinem von unserem Weg abbringen. Die Medien und die Polizei versuchen uns Steine in den Weg zu legen – aber über die springen wir drüber. So denken auch viele andere Ultra-Gruppierungen, egal, ob Graz, Innsbruck oder Hütteldorf”, erklärt die Direktion der Fanatics.

“Alle im selben Boot”
Beim Derby am kommenden Sonntag wollen die Austria-Ultras wieder “120 Prozent” geben. Spezielle Aktionen gegen das Pyrotechnikgesetz sind beim Traditionsduell im Hanappi-Stadion seitens der Violetten nicht geplant. Gemeinsame Aktionen gäbe es sicher nach der Winterpause, das müsse aber nicht mit Rapid sein, das könnte auch mit Ried sein – “wo man halt eine Telefonnummer hat”. Weil letztlich “alle Ultra-Gruppierungen im selben Boot sitzen”, wie das Direttivo meint. Doch von gemeinsamen Aktionen “wird man in den Medien nie was lesen oder hören, weil sie das Szenebild zerstören wollen”, glauben die Fanatics. “Aber wir können mit solchen Aktionen zeigen, dass da mehr Zusammenhalt ist, als die Medien glauben und sich wünschen.”

Martin Ucik

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