Seipel: Saliera-Dieb war “Experte”

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Einbruch mit angetrunkenem Mut, Brecheisen und Stanleymesser – Trotzdem war der Dieb für Seipel “ein hochspezialisierter Experte”.

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  • Die „Saliera“ ist – leicht beschädigt, aber doch – wieder da. Innenministerin Liese Prokop (V) übergab am Sonntag symbolisch die im Mai 2003 aus dem Kunsthistorischen Museum (KHM) gestohlene Skulptur Benvenuto Cellinis an Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) und an Museumsdirektor Wilfried Seipel. Die Freude war allseits groß, doch die Frage nach den Sicherheitsvorkehrungen bleibt: Denn den Einvernahmen des Verdächtigen zufolge waren nur ein bisschen angetrunkener Mut, ein Brecheisen und ein Stanleymesser notwendig, um die Tat zu begehen.

    Beweise lagen in der Wohnung

    Mutmaßlicher Dieb der „Saliera“ ist der 50-jährige Wiener Robert M., Alarmanlagen-Errichter und Vater zweier Kinder. Nach der Publikation von Fahndungsfotos, auf denen er zu sehen war, hatte er sich am Freitag bei der Exekutive gemeldet, um den Sachverhalt aufzuklären. Zunächst war er sicher, dass ihm nichts nachzuweisen sei. Doch er hatte vergessen, dass er in seiner Wohnung in Wien-Neubau schwer belastendes Material versteckt hatte. Nachdem die Exekutive diese Beweisstücke gefunden hatte, legte er Samstagmittag in Anwesenheit seines Anwalts ein Geständnis ab und führte die Exekutive in einen Wald in der Nähe von Brand bei Waldhausen im Bezirk Zwettl, wo er die Skulptur in einer Kiste vergraben hatte.

    “Kein klassischer Einbrecher”

    Robert M. – laut dem Leiter der Wiener Kriminalpolizeilichen Abteilung, Ernst Geiger, „kein klassischer Einbrecher“ – gab bei seinen Einvernahmen an, dass er eine Wochen vor dem Diebstahl bei einer Führung mit einer italienischen Reisegruppe die „Saliera“ erstmals gesehen hatte. Dank seiner Profession wusste er die Schwachstellen im KHM sehr schnell einzuschätzen. So bemerkte er das Baugerüst und sah, dass die Fenster des Museums nicht alarmgesichert waren.

    In der Tatnacht selbst – zuvor war das Museum einer der Spielorte der Langen Nacht der Musik gewesen – war Robert M. eigenen Angaben zufolge alkoholisiert. Major Josef Kerbl von der Wiener Kriminaldirektion 1 sagte, er habe in diesem Zustand beschlossen:
    „Jetzt steige ich ein.“ Er habe aber nicht gewusst, was er danach mit dem Kunstwerk, dessen Wert er erst aus Medienberichten erfahren habe, machen solle. „Letztendlich war es für ihn neben der finanziellen Möglichkeit auch ein Abenteuer.“

    Der 50-Jährige kletterte am Baugerüst hinauf, hebelte mit einem Brecheisen das Fenster auf und sah die Jalousie dahinter. Er ging in aller Ruhe zu seinem Auto zurück und holte das Stanleymesser, mit dem er die Jalousie aufschnitt. Dabei ging die Fensterscheibe zu Bruch. Mit dem Brecheisen zerschlug er die Vitrine der „Saliera“, nahm die Skulptur und verpackte sie in einem Sack im Wagen. Schließlich deponierte er das Salzfass in einem Koffer unter seinem Bett in der Wohnung in der Westbahnstraße in Wien-Neubau, wo es eineinhalb Jahre blieb.

    Saliera war gut versteckt

    Nachdem ihm die Beamten das belastende Material vorgehalten hatten, wurde Robert M. sich offenbar bewusst, in welcher Situation er sich befindet. Bei einem Strafrahmen von zehn Jahren wusste er, dass es im Falle einer Herausgabe der „Saliera“ ein relativ mildes Urteil geben werde. So führte er die Ermittler zu dem Kunstwerk. „Dort, wo das vergraben war, hätten wir das ohne seine Hilfe nicht finden können“, betonte Kerbl.

    Die Bergung der „Saliera“ verlief unter schwierigen Umständen. Die Skulptur ist im Zuge der Lagerung nach dem Diebstahl offenbar auch leicht beschädigt worden, wie eine Sprecherin des KHM der APA sagte. Sie sei seitlich in der Kiste gelegen und nicht am Sockel gestanden, wodurch Email abgesplittert sei, sagte Irina Kubadinow.

    Gehrer will nichts von Sicherheitsmängeln wissen

    Dass Sicherheitsmängel den Diebstahl der „Saliera“ erst möglich gemacht hätten, wies Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) zurück. „Experten haben uns gesagt, dass die Museen nach internationalen Standards gut ausgerüstet sind.“ Wenn man nun die Tat auf die Alkoholisierung des Täters reduziere, „lässt man außer Acht, dass er ein Experte war. Die Tat ist von einem hochspezialisiertem Experten begangen worden“, so die Ministerin.

    Seipel glaubt an “Plan”

    Seipel verwehrte sich ebenfalls gegen die Darstellung des spektakulärsten Kunstdiebstahls Österreichs als „b’soffene G’schicht“. Der nun festgenommene Dieb „scheint das sehr wohl genau geplant zu haben“. Es sei aber richtig, „dass es keine Außenhautsicherung gegeben hat“, sagte der Museumsdirektor. Das KHM habe sich vor dem Diebstahl bei der Burghauptmannschaft um eine solche bemüht. „Die Burghauptmannschaft hat das abgelehnt“.

    Der Anwalt von Robert M., Gerald Albrecht, übte hingegen Kritik an den Sicherheitsvorkehrungen. Sein Mandant habe gesagt, das die Sicherheitsausrüstung des KHM „nicht am letzten Stand“ gewesen sei. Auch der Auffassung, das die Tat nur von einem hochspezialisierten Experten durchgeführt hätte werden können, erteilte Albrecht eine Absage: „Wir hätten das eigentlich alle machen können.“ Es sei ein „plötzlicher Tatentschluss“ seines Klienten gewesen: „Er geht irgendwann einmal (beim Kunsthistorischen Museum, Anm.) vorbei und denkt sich: Das gibt’s nicht, da steht ein Gerüst“, schilderte Albrecht.

    Saliera ab 29. Jänner wieder zu bewundern

    Schon bald soll die „Saliera“ wieder öffentlich präsentiert werden. Am 29. Jänner werde die „Saliera“ bei einem Fundraisingdinner für die Kunstkammer zu sehen sein und danach weiter ausgestellt, sagte Kubadinow. „Ob die Versicherung für eine nötige Restaurierung zahlen wird, ist noch nicht abschließend zu beurteilen“, sagte der Sprecher der Uniqa, Norbert Heller, der APA.„Wir haben die Saliera noch nicht gesehen und kennen die Schäden noch nicht. Auch zum Tathergang fehlen uns noch Informationen.“

    Zur Versicherungssumme wollte sich Heller nicht äußern, darüber sei Stillschweigen mit dem Kunsthistorischen Museum (KHM) vereinbart worden. Konstantin Klien, Vorstandsvorsitzender der Uniqa, betonte, es sei kein Cent in Zusammenhang mit der „Saliera“ geflossen. Für ihn war dies auch ein wichtiges Signal für ganz Europa und darüber hinaus: „Dass sich Diebstahl von Kunstschätzen und Kulturgut nicht bezahlt macht.“

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