Prozess um “Struja”-Bande: Angeblicher Mafia-Boss in Wien vor Gericht

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Prozessbeginn gegen eine mutmaßliche Mafia-Bande wegen Schutzgelderpressung im Straflandesgericht Wien
Prozessbeginn gegen eine mutmaßliche Mafia-Bande wegen Schutzgelderpressung im Straflandesgericht Wien - © APA
Eine kriminelle Vereinigung als Fall für das Gericht: In Wien ist am Mittwoch der Prozess gegen sieben Angeklagte eröffnet worden, die Staatsanwalt Filip Trebuch “der Schwerstkriminalität, wie sie in Österreich zum Glück selten vorkommt” zuordnete.

Die sechs Männer – auf den ersten Blick allesamt als Kampfsportler erkennbar – und eine Frau, die in den angeblichen Boss verliebt war, wiesen den Vorwurf zurück, eine Mafia-Bande gebildet zu haben.

“Edo” als Kopf der “Struja”-Bande in Wien

Laut Anklage sollen sie der kriminellen Vereinigung “Struja” (auf Deutsch: Strom) angehört haben, deren Spitze Edin D. gebildet haben soll. Den mittlerweile 38-Jährigen kennt man in der sogenannten Balkan-Meile am Wiener Gürtel unter seinem Spitznamen “Edo”. Vor zehn Jahren beschäftigte der gebürtige Bosnier eingehend die Kriminalisten, als im von damals von ihm betriebenen Cafe “Cappuccino” in Hernals ein Lokalbesucher erschossen und ein weiterer Mann schwer verletzt wurde. Der Mord konnte nie aufgeklärt werden, inwieweit “Edo” in die Schießerei verwickelt war, blieb rätselhaft.

Nun glaubt die Staatsanwaltschaft allerdings beweisen zu können, dass es sich bei dem Mann um “den Kopf einer kriminellen Vereinigung handelt, die auf die Erpressung von Schutzgeld und die Begehung weiterer schwerwiegender Straftaten ausgerichtet war”, wie in der Anklageschrift ausgeführt wird. “Eine kriminelle Vereinigung hat es nie gegeben und wird es nie geben. Unser gemeinsames Ziel war Sport”, konterte “Edo” nun in seiner Einvernahme im Grauen Haus.

 “Wir waren eine Box-Mannschaft”

Der 38-Jährige erklärte, er kenne mit Ausnahme eines Mannes sämtliche männlichen Mitangeklagten aus dem von ihm betriebenen Box-Verein und sei mit diesen gut befreundet: “Wir waren eine Mannschaft, ja. Eine Box-Mannschaft. Keine Drogen, kein Alkohol, keine Zigaretten.” Mit Schutzgeld-Erpressungen habe er nie auch nur ansatzweise etwas zu tun gehabt. Vielmehr habe er sich der Tschetschenen und aus Ex-Jugoslawien stammenden Burschen angenommen, die in seinem Verein trainierten: “Ich war der Älteste. Ich habe mich für die Integration eingesetzt. Ich habe Gutscheine für Deutschkurse verteilt. Ich habe die Leute in Turnsälen haben wollen. Ich habe sehr fleißig Sponsoren gesucht.”

Über einen seiner ehemaligen Schützlinge wurde seinerzeit sogar groß im Fernsehen berichtet. Er galt als einer der größten Nachwuchstalente im heimischen Boxsport. Nun nahm der mittlerweile 24-Jährige, der seine sportlichen Ambitionen aufgrund einer schweren Verletzung zu Grabe tragen musste, neben “Edo” auf der Anklagebank Platz, weil ihn sein Förderer als Türsteher in einem Lokal auf der Ottakringer Straße untergebracht haben soll, wo laut Anklage gezielt Schlägereien angezettelt wurden, bei denen Lokalbesucher teilweise erheblich verletzt wurden.

Drohungen sollten Lokal-Verkauf erzwingen

Damit brachte man – so zumindest der Staatsanwalt – die beiden Eigentümer zunächst dazu, einen weiteren Mann aus “Edos” Verein als Türsteher und eine junge Frau, die dem 38-Jährigen nahe stand, als Kellnerin anzustellen. Im November 2015 soll schließlich einer der Eigentümer mittels anhaltender Drohungen dazu genötigt worden sein, seinen Anteil am Lokal zu verkaufen, um mit Nachdruck geforderte 50.000 Euro aufbringen zu können.

Aus dem im Gegenzug dafür in Aussicht gestellten Rückzug der Bande wurde aber nichts. Obwohl zum Jahreswechsel die 50.000 Euro den Besitzer wechselten, wurde der Staatsanwaltschaft zufolge nunmehr der neue Teilhaber des Lokals bedrängt, der Ende Februar 5.000 Euro flüssig machte, um seine Ruhe zu haben.

Lügen vor Gericht: “Hier stinkt’s wie in einem Misthaufen”

Herbert Eichenseder, der Verteidiger von “Edo”, versicherte dem Schöffensenat (Vorsitz: Michael Tolstiuk), diese und darüber hinausgehende Behauptungen der Belastungszeugen wären unrichtig. Diese hätten seinem Mandanten seinen Erfolg als Immobilien-Makler geneidet. “Edo” habe zudem Musiker aus dem früheren Jugoslawien nicht nur nach Österreich geholt, sondern Konzerte bis nach Schweden und Abu Dhabi vermittelt. Man wolle ihn deshalb loswerden. “Wenn Lügen einen Duft haben, einen Geruch, dann stinkt’s hier wie in einem Misthaufen”, sagte Eichenseder.

Prozess um Schutzgeld-Erpressungen vertagt

Der Prozess gegen den angeblich auf Schutzgeld-Erpressungen ausgerichteten Edin D. alias “Edo” und seine mutmaßliche Bande ist am Mittwochnachmittag vertagt worden. Die Verhandlung wird mit den ergänzenden Beschuldigteneinvernahmen und der Befragung von Zeugen Ende November fortgesetzt.

(apa/red)

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