Polizei-Einsatztraining in Wien: “Ganz simulieren können wir Ernstfall nie”

Polizisten bei der Präsentation eines Einsatztrainings am Donnerstag in Wien
Polizisten bei der Präsentation eines Einsatztrainings am Donnerstag in Wien - © APA
21 Stunden Einsatztraining muss jeder der 27.800 Polizisten in Österreich  jährlich absolvieren. Am Donnerstag gab es in Wien eine Präsentation des Einsatztrainings bei Einschreiten gegen psychisch Kranke, alkohol- oder drogenabhängige Personen.

“Ganz simulieren können wir den Ernstfall nie”, sagte Bundeseinsatztrainer Martin Hollunder-Hollunder bei einem Pressetermin am Donnerstag im Bundesamtsgebäude Wien, einer der Ausbildungsstätten in der Bundeshauptstadt.

Präsentation: Schwerpunkte der Polizei 2015

Jahresschwerpunkte gibt es 2015 in den Bereichen Schießausbildung, Einsatztechnik und -taktik sowie interaktives Szenarientraining. Bei der Schießausbildung liegt der Schwerpunkt unter anderem auf Lichtmitteln. Denn “die meisten Waffengebräuche gibt es nicht bei Sonnenschein”, erläuterte der Experte. Trainiert wird daher Schießen mit schlechten Lichtverhältnissen oder beispielsweise auch mit Handschuhen.

Übung der Einsatztechniken – auch schreien

Aber auch prinzipielle Einsatztechniken müssen geübt werden. Junge Menschen seien mittlerweile “mehr am Computer als im Park aufgewachsen”, sie können daher beispielsweise nicht schreien. Gerade bei “Täteransprachen” sei dies jedoch erforderlich. “Stehenbleiben, Polizei!” müsse deutlich artikuliert werden, sagte Hollunder-Hollunder. “Jeder Polizist muss auch ein bisschen ein Schauspieler sein.” Für Amtshandlungen gelte eine “3D-Philosophie”, erklärte der Einsatztrainer, also Dialog, Deeskalation und Durchsetzen.

Hollunder-Holunder: “Sind immer einen Schritt hintennach”

“Wir können in Menschen nicht hineinschauen”, formulierte WEGA-Chef Ernst Albrecht eines der Probleme bei den Einsätzen. “Wir sind immer einen Schritt hintennach”, sagte Hollunder-Holunder. So wisse man nicht, ob das Gegenüber psychisch krank ist oder Drogen konsumiert hat. In solchen Fällen könne etwa Pfefferspray wirkungslos bleiben, wenn “kein Schmerz empfunden wird”.

Psychische Erkrankungen großes Thema

“Ein Viertel aller Europäer entwickelt irgendwann einmal im Leben eine behandlungswürdige psychische Erkrankung”, sagte Walter North, medizinischer Leiter des Vereins “Dialog”. Überspitzt formuliert hätte damit jeder Vierte, mit dem die Polizei konfrontiert ist, ein psychisches Problem.

Umstrittener Einsatz auf der MaHü

Erst im März hatte ein umstrittener Polizeieinsatz in der Mariahilfer Straße für Aufsehen gesorgt. Dabei hatten mehrere Beamte versucht, einen Tobenden zu fixieren. “Fixierungen sind sicher immer sehr schmerzvoll für Betroffene”, sagte ein Einsatztrainer. Maßnahmen würden für Außenstehende in vielen Fällen “schiach ausschauen”, meinte Albrecht.

Polizisten sollen “Loch der Zivilcourage stopfen”

Manchmal gebe es auch “Ohnmachtssituationen für Polizisten”, man bewege sich in einem Spannungsfeld, in dem es “immer einen Spielraum für Fehler gibt”, sagte der WEGA-Chef. Zudem gebe es “acht Millionen Polizeiexperten in Österreich” und “für jede Situation acht Millionen Lösungsansätze”. Und Polizisten seien dazu da, “das Loch der Zivilcourage zu stopfen”.

Seit zwei Jahren gibt es in Wien das Projekt der sogenannten praxisorientierten Reflexion. In diesem Rahmen haben Polizisten die Möglichkeit, mit Unterstützung eines Trainers Einsätze nachzustellen und zu diskutieren, wenn sie selbst den Eindruck haben, dass nicht alles optimal gelaufen ist. Rund eine Reflexion pro Monat gibt es, sagte Hollunder-Hollunder.

(apa/red)

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