Neue Burg – Wilfried Seipel: “Sicher an die 50 Mio. erforderlich”

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Wilfried Seipel spart nicht mit Kritik.
Wilfried Seipel spart nicht mit Kritik. - © APA
Es gibt wohl wenige Museumsexperten, die das Hofburg-Areal von Corps de Logis und Neue Burg so gut kennen wie Wilfried Seipel, der 1990 bis 2008 das “Kunsthistorische Museum mit Museum für Völkerkunde und Österreichischem Theatermuseum” leitete. Im Interview über die geforderten und laufenden Umplanungen nimmt er sich kein Blatt vor den Mund.

Was halten Sie von der Entwicklung, die das Projekt des “Weltmuseum Wien” genommen hat – die sogenannte Redimensionierung, um in der Neuen Burg Platz für ein “Haus der Geschichte” zu schaffen?

Das Völkerkundemuseum war auf gutem Wege und hätte eine gute Zukunft gehabt. Dann wurde von Minister Josef Ostermayer (SPÖ, Anm.) aus heiterem Himmel die Idee geboren – ich vermute nach einem erstmaligen und einzigen Rundgang durch das Museum -, hier ein “Haus der Geschichte” hineinzuzwängen. Plötzlich hatte Minister Ostermayer Begehrlichkeiten entwickelt aus dem zugegebenermaßen großzügig anmutenden aber gerechtfertigten Budget von 26 Millionen 11 Millionen abzusplitten, in dem man die schönsten Räume des Museums, nämlich die Burggarten-Säle, wegnimmt und überdies das Kindermuseum ausklammert!

Dass man diese seit langem geplante Begegnungsmöglichkeit zwischen der Jugend und den Kulturen der Welt einfach negiert, obwohl bekanntlich gerade in der sozialdemokratischen Bildungspolitik die Vermittlungstätigkeit ein wesentlicher Bestandteil der Museumsrichtlinien war und ist, kann ich nicht verstehen. Aber es geht auch um die Vorgangsweise: man kann nicht ein Konzept über Jahre entwickeln lassen und, wenn alles startfertig ist, sagen: “Hoppla, jetzt komme ich, 40 Prozent weniger!” Das ist für mich eine sowohl politisch als auch sachlich unverantwortliche Vorgangsweise.

Wie bewerten Sie den Umstand, dass in einer Zeit, in der alle von Globalisierung reden, ein “Weltmuseum” beschnitten wird, um dafür ein nationales Geschichtsmuseum zu etablieren?

Ich glaube, dass die Argumentation für dieses “Haus der Geschichte” sehr persönlichkeitsbezogen ist. Das Bedürfnis danach ist ja bisher in der Öffentlichkeit nicht wirklich stark artikuliert worden, auch wenn es seit Jahren in den Koalitionsvereinbarungen festgeschrieben wurde. Wenn Minister Ostermayer jetzt sagt, das sei sein persönliches Baby, kann man ihm das natürlich nicht übel nehmen – aber als Begründung für einen so tiefen Eingriff in die österreichische Museumslandschaft ist das zu wenig. Zugunsten einer sowohl inhaltlich als auch finanziell völlig im Ungefähren befindlichen Institution eines “Hauses der Geschichte” die Möglichkeit der Begegnung mit den Kulturen der Welt zu beschneiden, halte ich nicht für gerechtfertigt. Das ursprüngliche Konzept, das in der Haas-Studie vorgeschlagen wurde und einen Neubau gefordert hatte, wird ja nun nicht oder nur zum Teil umgesetzt, sowohl aus räumlichen als vor allem auch aus finanziellen Gründen.

Was halten Sie vom Standort Neue Burg für das Geschichtsmuseum?

Es gibt wohl für ein “Haus der Geschichte” nichts Ungeeigneteres als die Räumlichkeiten der Neuen Burg. Die Architektur ist so prägend, dass man sie “verkleiden” müsste, um ein modernes, auch die Jugend ansprechendes Ambiente zu schaffen. Auch die Sammlung Alter Musikinstrumente und die Hofjagd- und Rüstkammer sind dort nicht ideal untergebracht. Für mich ist die hier geplante Verortung eines neuen Museums völlig fehlgeleitet. Eine Adaptierung würde Millionen kosten und ist letztlich nicht zu rechtfertigen. Die Haas-Studie hat dies betont: es gehört ein Neubau her!

Woran liegt es, dass die Sammlung alter Musikinstrumente und die Hofjagd- und Rüstkammer so aus dem öffentlichen Bewusstsein entschwunden ist?

Die geringen Besucherzahlen in diesen Sammlungen sind kein spezifisches Phänomen in Wien. In manchen Bereichen, vor allem in Musiksammlungen, ist man überall allein. Die Musiksammlung wurde schon 1993 von mir neu aufgestellt, sie ist jedoch kein Ort, an dem man massenhaft Besuch erwarten darf. Das gilt auch für die Hofjagd- und Rüstkammer, obwohl sie die bedeutendste der Welt ist. Dennoch sind beide Sammlungen ein Teil der Identität Österreichs und seiner Sammlungs-Geschichte. Eine Modernisierung oder Neuaufstellung würde mindestens zwei Millionen erfordern, um heutigen museologischen Erfordernissen gerecht zu werden.

Frau Generaldirektor Haag hat gemeint, es gäbe im Dachgeschoß des KHM ausbaufähige Räume. Kämen die für die Musiksammlung infrage?

Das Obergeschoß des KHM für die neue Aufstellung der Musiksammlung halte ich nicht für geeignet, aber das ist eine Entscheidung meiner Nachfolgerin. Außerdem war einmal geplant, dort die Sekundärgalerie der Gemäldesammlung einzurichten

Die Musiksammlung in jene burggartenseitigen Säle zu übersiedeln, in denen der “Korridor des Staunens” des Weltmuseums vorgesehen war, ist eine mögliche Lösung?

Wenn es keine Alternative gibt, ist sie dort immer noch besser untergebracht, als man sperrt sie weg. Man kann die Sammlung alter Musikinstrumente vielleicht verdichten, sie jedoch “vorläufig” wegzuräumen hielte ich für einen katastrophalen Schritt, den ich hoffentlich nicht erleben muss. Das Verpacken wäre der Tod der Sammlung, denn in dem Augenblick, zu dem sie weggeräumt wird, gilt: aus den Augen, aus dem Sinn. Allerdings hat das gegebene Raumklima in der Neuen Burg bis heute keine zufriedenstellende Lösung gefunden. Ein Großteil der Neuen Burg ist ja ein riesiges Stiegenhaus. Auch dieses kostenintensive Problem sollte bei der Einrichtung eines neuen Museums nicht vergessen werden

Wie viel würde es wirklich kosten, die gesamten Räumlichkeiten der Neuen Burg zeitgemäß herzurichten?

Um alle Räumlichkeiten der Neuen Burg konservatorisch und museologisch ordentlich herzurichten, zu klimatisieren, mit entsprechenden technischen Einrichtungen auszustatten und architektonisch als auch ausstellungstechnisch aufzurüsten, um sie in einen internationalen Standard zu überführen, wären sicher an die 50 Millionen erforderlich.

Da ist die Frage einer Tiefspeicherlösung noch gar nicht enthalten?

Die von der Nationalbibliothek zu Recht geforderte Einrichtung eines Tiefspeichers, deren Kosten bereits im letzten Koalitionspapier mit 30 Millionen Euro beziffert wurden, ist in dieser Kalkulation nicht enthalten.

Es ist auch die inhaltliche Aufgeladenheit des Heldenplatz diskutiert worden. Manche sagen, gerade mit dem berühmten “Führerbalkon” und dem äußeren Burgtor sei er ideal für ein “Haus der Geschichte”, andere kritisieren, dass die Bedeutung dieses historischen Platzes den Diskurs eher behindert. Was meinen Sie dazu?

Ich finde den Standort Neue Burg für ein “Haus der Geschichte” nicht für sinnvoll. Es wäre vernünftig, einen Standort zu suchen, der – frei von jeglichem historischen Ballast – nicht von einer Aura der Vergangenheit geprägt ist. Vor allem wenn der angedachte Beginn des “Hauses der Geschichte” das Jahr 1848 markieren sollte. Ein neutraler Standort auf der “grünen Wiese” ist allemal besser. Schade, dass die einst vom Belvedere bis zum Arsenal angedachte Museums- oder Kulturmeile aus den Köpfen der Stadtplaner wieder verschwunden ist.

(Wolfgang Huber-Lang/APA)

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