Mit diesen Methoden arbeitet die Schlepper-Mafia

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Gerald Tatzgern vom Bundeskriminalamt erklärt, dass Flüchtlinge von einem Lager in der Türkei bis nach Österreich vier Mal bezahlen müssen und unter welchen Bedingungen Schlepper die Menschen befördern.

Die oft geforderte, aber derzeit fehlende Möglichkeit einer legalen Einreise in die EU für Flüchtlinge befeuert offenbar massiv die Geschäfte krimineller Organisationen. Denn nur wer mindestens viermal zahlt, hat eine seriöse Chance, von einem Lager an der türkisch-syrischen Grenze bis nach Österreich zu gelangen, sagte Gerald Tatzgern vom Bundeskriminalamt am Mittwoch zur APA.

Bis Schweden ist eine fünfte Zahlung notwendig, so der Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung der Schlepperkriminalität und des Menschenhandels im Bundeskriminalamt. Die erste Geldübergabe erfolgt in der Türkei, weitere zumindest in Griechenland, Mazedonien und Serbein sowie in Ungarn. Am liebsten sehen die Schlepper Bargeld, und das im Voraus. Sie treten als Vertreter von Reiseagenturen demnach in den Lagern auf. “Sie geben vor, Gutes zu tun”, schilderte Tatzgern.

Dies Route Richtung Westeuropa

Den Flüchtlingen wird eine weite und teure Reise verkauft, die auch ein bisschen gefährlich sei. Dabei wird auch mit Druck gearbeitet. “Wenn du nicht zahlen kannst oder willst, da warten tausende andere”, wird laut Tatzgern argumentiert. Auch Kontoüberweisungen werden angenommen. In der Regel kassiert aber der Agent oder ein als Finanzbeauftragter der Agentur vorgestellter Mittäter gleich in bar. “Teilbeträge gibt es auch”, sagte Tatzgern. Aber für Flüchtlinge sei das gefährlich, trotz Zahlung keine Leistung nicht selten.

Die Flüchtenden werden bis zur griechischen, manchmal auch bulgarischen Grenze gebracht, wo dann wieder Geld gefordert wird. Die Beförderungsmittel sind Busse oder über das Meer auch Schlauchboote. Von Griechenland geht es weiter nach Mazedonien oder nach Nordserbien, und immer wieder wird Geld gefordert und bezahlt. Immer mehr ins Blicklicht rückt auf der Schlepperroute auch Westrumänien, in der Gegend von Timișoara.

Nadelöhr ist die ungarische Grenze. Dort wird ausspioniert, wo an dem betreffenden Tag die Behörden kontrollieren, bevor die Flüchtlinge an anderen Stellen über die Grenze geschickt und auf ungarischer Seite in Klein-Lkw, Kastenwagen und andere Transportmittel geladen werden. Das Wohlergehen der Flüchtlinge ist dabei sekundär. Das Wichtigste ist laut Tatzgern, das Risiko einer Entdeckung durch die Polizei möglichst gering zu halten.

Abdichten, damit Hilferufe nicht nach außen dringen

Die Laderäume der Fahrzeuge werden möglichst luftdicht abgeschlossen, damit der Schall sich möglichst nicht verbreitet, wenn die Menschen darin um Hilfe rufen. Das wäre besonders ungünstig, wenn dies gerade während einer Polizeikontrolle passieren würde. Auch mit Hartfaserplatten werden die Laderäume doppelt ausgekleidet, etwa gegen Klopfzeichen. “Das dichtet natürlich zusätzlich ab”, sagte Tatzgern. “Das geht schon, ein paar Stunden halten’s das schon aus”, schilderte der Experte die Motivlage der Schlepper. Hält die Polizei das Fahrzeug dann tatsächlich an, wird der Motor laufen gelassen, um allfällige Geräusche aus dem Innenraum zu übertönen.

Dass immer wieder genug Transporteure gefunden werden, ist angesichts steigender Schlepperlöhne nicht verwunderlich. “Früher bekamen die Fahrer, also die unterste Schicht einer Schlepperorganisation 500 bis 700 Euro pro Fahrt. Jetzt sind es 500 Euro pro Geschlepptem”, erläuterte Tatzgern. Den Fahrer sehen die Flüchtlinge nicht. Er sitzt in der Regel schon am Steuer, wenn sie in den Wagen steigen. Echtnamen gibt es sowieso nicht. Lediglich den Agenten im Lager kennen sie meist ein wenig besser.

(APA, Red.)

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